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Mitschwimmen im Autostrom. Das ist bislang die Realität für Radfahrer auf dem Anlagenring.

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Gießen diskutiert Radspuren auf dem Anlagenring: „Der Platz ist da“

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Die Initiatoren eines Bürgerantrags beklagen, der Gießener Anlagenring gehöre „zu 100 Prozent dem Auto“. Das wollen sie ändern. Eine Gesprächsrunde zeigte nun, wie die Chancen stehen.

Gießen – In normalen Zeiten wäre der Konzertsaal im Rathaus bei diesem Thema wohl bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen, aber mit 150 Teilnehmern war die erste Bürgerschaftsversammlung im Rahmen der Gießener Bürgerbeteiligungssatzung auch in der digitalen Version am Freitagabend ein voller Erfolg.

Weitgehend frei von technischen Störungen diskutierten Vertreter aus der Stadtpolitik, aus dem Einzelhandel, der Gastronomie, der Stadtwerke und aus Verkehrswendeinitiativen unter Gesprächsführung von Alexandra Böckel, Leiterin des Freiwilligenzentrums, fast zwei Stunden lang auf dem Bildschirm und im Chat über den Bürgerantrag zur Einrichtung von Rad- und Busspuren auf den beiden inneren Spuren des Anlagenrings sowie für einen Verkehrsversuch mit zwei Radstraßen-Achsen durch die Innenstadt.

Verkehr in Gießen: Plockstraße als »positives Beispiel«

»Der Platz ist da«, sagte Oliver Jenschke, der für die Initiatoren des Bürgerantrags deren Anliegen in einer knapp halbstündigen Präsentation vorstellte und später noch Fragen beantwortete. Der Bürgerantrag basiert auf der Grundüberzeugung, dass auf dem über 20 Meter breiten - und inklusive Abbiegespuren - stellenweise sechs- bis siebenspurigen Anlagenring genug Platz vorhanden ist, um Pkw, Rad- und Busverkehr auf separaten Spuren zu führen. »Im Moment gehört der Anlagenring zu 100 Prozent dem Auto«, stellte Jenschke fest und forderte adäquate Bedingungen auch für das Massenverkehrsmittel Fahrrad. Dessen Nutzer, die es bislang in Gießen mit »miserablen« Verhältnissen« zu tun hätten, hätten das Recht, sich auf kurzen und sicheren Wegen durch die Stadt zu bewegen. Zudem könnte so der barrierenartige Charakter des Anlagenrings aufgebrochen werden.

Die Initiatoren des Bürgerantrags sind der Überzeugung, dass eine derartige Umnutzung des Anlagenrings »allen Verkehrsteilnehmern« nutzt und die Attraktivität der Innenstadt verbessert. Jenschke nannte in diesem Zusammenhang die Plockstraße als »positives Beispiel«. Sie sei seit ihrer Einbeziehung in die Fußgängerzone zu einem Ort »mit Strahlkraft für die gesamte Innenstadt« geworden. Um den Pkw-Verkehrsfluss auf dem Anlagenring zu gewährleisten, schlug Jenschke eine Einbahnstraßenführung vor: »Da hätte man keinen Linksabbiegerverkehr.« Die Erreíchbarkeit der Bereiche innerhalb des Anlagenrings bliebe für Lieferverkehr und motorisierte Anwohner, die in der Regel über Parkplätze verfügten, selbstverständlich gewährleistet.

Anlagenring in Gießen: „Händler auf gute Erreichbarkeit angewiesen“

Dass der Geschäftsbezirk innerhalb des Anlagenrings bei Verlust der Hälfte des Raums für Autos einigermaßen erreichbar bleibt, daran äußerte unter anderem Dirk Lonthoff (Bastlerzentrale/Fuhr) Zweifel. Das große Einzugsgebiet und die hohe Zentralität seien nach wie vor ein Pfund des stationären Einzelhandels in Gießen. »Die Innenstadt wird jetzt schon von Pkw gemieden. Wir Händler sind aber auf eine gute Erreichbarkeit angewiesen«, sagte Lonthoff und warnte vor einer »weiteren Schwächung« des stationären Einzelhandels.

Von einem »sehr interessanten Vorschlag« hinsichtlich der Busspur sprach Matthias Carl, Chef der Stadtwerke-Tochter MitBus. Beim »ganzen Thema Sicherheit« sieht er freilich viele Fragen offen. So müssten die Busse, um die Haltestellen anzusteuern, über die Radspuren fahren. Zudem wäre es im Sinne der Attraktivität des Nahverkehrs kontraproduktiv, wenn Radfahrer in der Busspur den Verkehr bremsten.

Verkehr in Gießen: Dissens zwischen OB und Neidel

Dass die allgemein als fruchtbar und konstruktiv wahrgenommene Diskussion an den Positionen der Parteien etwas ändert, ist unwahrscheinlich. Die sich bereits im Vorfeld der anstehenden Befassung des Stadtparlaments mit dem Bürgerantrag abzeichnende Lagerbildung bestätigte sich bei der Abfrage der Moderatorin bei den politischen Vertretern. SPD und Grüne unterstützen den Bürgerantrag im Grundsatz, plädieren aber für einen zeitlich begrenzten Verkehrsversuch. Die Gießener Linke wird den Bürgerantrag unterstützen, die FDP ebenso wie die Freien Wähler nicht.

Die beiden CDU-Vertreter, die zugeschaltet wurden, Bürgermeister und Verkehrsdezernent Peter Neidel und der Stadtverordnete Martin Schlicksupp, verwiesen darauf, dass gerade ein neuer Verkehrsentwicklungsplan in Arbeit sei, dem man nicht mit derlei »Schnellschüssen« vorgreifen sollte. Sonst seien »erhebliche Verkehrsprobleme« zu befürchten, meinte Neidel. Die Kritik von Jenschke an den »miserablen« Bedingungen für Radfahrer in Gießen wies Neidel mit Hinweis auf etliche jüngst durchgeführte Maßnahmen zurück: »Das haben Sie leider schlechtgeredet.«

Das Schlusswort oblag SPD-Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, die nach ihrer »neutralen« Begrüßung auch inhaltlich Stellung bezog. Der Kompromiss Verkehrsversuch sei sinnvoll, das gemeinsame Ziel müsse die »lebendige Innenstadt« sein. Den Hinweis des Koalitionspartners CDU auf die Verkehrsentwicklungsplanung, die vor Ende 2022 nicht abgeschlossen sein wird, interpretierte Grabe-Bolz als Ausrede: »Das entbindet uns nicht davon, in der Gegenwart zu handeln.« (mö)

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