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In der Fuldastraße hat der Angeklagte mit einem gestohlenen SUV einen Unfall gebaut. Diesen Anklagepunkt lässt die Staatsanwaltschaft fallen.

Gericht

Gießen: SUV-Dieb überrascht vor Gericht mit Lebensgeschichte über Verfolgung und Gewalt

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Einem Jamaikaner wird mehrfacher Diebstahl vorgeworfen. Vor dem Amtsgericht Gießen zeigt er sich geständig, berichtet aber auch von der Verfolgung in seiner Heimat - weil er einen Mann liebte.

Gießen – Der kleine Mann mit den muskulösen Oberarmen und den vier Zöpfchen hat in Jamaika nach eigenen Angaben die Hölle auf Erden erlebt. Seine Geschwister und er seien in seiner Heimat brutal misshandelt worden - weil er nicht nur Frauen, sondern auch Männer liebt. In seinem Schlusswort vor der Urteilsverkündung am Amtsgericht Gießen sagt er aber auch: Was er erlebt habe, rechtfertige nicht seine Taten. Dem 24 Jahre alten Mann werden drei Diebstähle zur Last gelegt.

Anfang August 2019: Der 24-Jährige marschiert in den C & A an der Gießener Bahnhofstraße und entwendet dort Babykleidung im Wert von rund 120 Euro. Eine Woche später wird er dabei erwischt, wie er im TK Maxx am Seltersweg Versace-Shirts und Calvin-Klein-Socken im Wert von 216 Euro mitgehen lässt. Ende September steigt er in Frankfurt nachts in einen 30 000 Euro teuren VW Touareg und fährt damit weg. Vor Gericht sagt er, er sei alkoholisiert zufällig an dem Auto vorbeigekommen. Dabei habe er bemerkt, dass die Fahrertür geöffnet gewesen sei und der Schlüssel gesteckt habe.

Gießen: SUV-Dieb gesteht: „Habe große Fehler gemacht“

Mit diesem gestohlenen SUV - und einem neuen, in Marburg gestohlenen Kennzeichen - baut er Anfang Oktober 2019 einen Unfall in der Fuldastraße in Gießen und flieht von der Unfallstelle. Aus Angst, wie der Jamaikaner vor Gericht sagt, weil der Unfallbeteiligte verärgert auf ihn zugekommen sei. Wegen der drei Diebstähle zeigt sich der Angeklagte wortreich reuig. »Ich habe große Fehler gemacht. Ich habe kein Recht, zu stehlen«, zitiert ihn sein Übersetzer während des Prozesses. »Geben Sie mir eine Chance, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.«

Es scheint bisher kein einfaches Leben für den Jamaikaner gewesen zu sein. Er erzählt, er sei Vater von drei Kindern. Das älteste ist fast vier Jahre alt, das jüngste im Alter von einem halben Jahr habe er noch nie gesehen. Sich selbst bezeichnet er als bisexuell.

Neben dem Verfahren in Gießen auch in Wetzlar vor Gericht

In seiner Heimat werden Homosexuelle verfolgt. Staatsanwalt Rouven Spieler sagt in seinem Plädoyer, diese ausgeprägte Homophobie in Jamaika sei jenseits aller »Bob-Marley-Klischees« real. So wird Geschlechtsverkehr zwischen Männern mit einer Haftstrafe von bis zu zehn Jahren geahndet.. Als sein Verhältnis mit einem Mann aufgeflogen sei, sei er verfolgt worden. Sein Bruder und er seien von einem Mob verprügelt und mit Macheten attackiert, seine Schwester vor seinen Augen vergewaltigt worden. Außerdem sei er gefoltert worden, und dann hätten die Angreifer auf ihn geschossen. Nur mit Glück habe er überlebt.

Am 28. Juni 2019 sei er nach Deutschland gekommen und habe einen Asylantrag gestellt. Etwas Geld habe er sich verdient, indem er Regale in einem Supermarkt eingeräumt habe. Knapp einen Monat später wird er in Gießen seinen ersten Diebstahl begehen. Der 24 Jahre alte Mann ist außerdem am Amtsgericht Wetzlar wegen Wohnungseinbruchs und Diebstahls zu zwei Jahren und einem Monat Haft verurteilt worden. Die Taten sollen sich im August und Oktober 2019 ereignet haben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig; die Berufungsverhandlung ist für April angesetzt.

Der Jamaikaner, den ein psychiatrischer Gutachter im Wetzlarer Prozess als »hochmanipulativ« bezeichnet hat, wird gegen das Gießener Urteil vermutlich keine Berufung einlegen: Die geduldige Richterin Sonja Robe verurteilt ihn wegen Diebstahls in zwei Fällen und schweren Diebstahls in einem Fall zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung. Der Anklagepunkt bezüglich der Fahrerflucht wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft fallengelassen. Außerdem muss er 80 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

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