Bestatter Patric Stromberg mit dem geteilten Herzen: Das "Zeichen des guten Abschieds" ist bei Angehörigen beliebt. 	FOTO: SCHEPP
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Bestatter Patric Stromberg mit dem geteilten Herzen: Das »Zeichen des guten Abschieds« ist bei Angehörigen beliebt. FOTO: SCHEPP

Pietät Gießen

So radikal hat Corona Trauerfeiern und Bestattungen verändert

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Die Hinterbliebenen der Corona-Toten können nicht am offenen Sarg Abschied nehmen. Es ist zu riskant. Doch nicht nur diese Fälle sind tragisch. Seit der Pandemie ist alles anders. Beim Tod eines geliebten Menschen gibt es keinen Trost durch Umarmungen, keine Erinnerungen beim »Trauerkaffee«. Doch Not macht erfinderisch - auch bei der Bestattung.

In alten Familienalben entdeckt man sie noch: Fotos Verstorbener, im Sarg, im »Sonntagsstaat«, von Blumen umgeben. Patric Stromberg kann sich daran gut erinnern. Er fand das als Kind interessant - und auch ein bisschen gruselig. Heute wird der Brauch wiederentdeckt. »Wir werden jetzt öfter gebeten, ein Foto des Toten zu machen«, sagt der Bestatter, der neben der »Pietät Gießen« deutschlandweit noch elf weitere Bestattungshäuser führt. Die Angehörigen wünschten sich dies als Erinnerung, die Bilder würden auch gerne an Verwandte verschickt. Neu sei auch der Wunsch, die Trauerfeier zu filmen. Freunde und Verwandte könnten so im Nachhinein per DVD oder CD doch noch teilhaben. Noch vor einem Jahr hätte man diese Ideen mit dem Hinweis abgetan: »Wir leben doch nicht in Amerika.«

Trauerprozess in Zeiten von Corona: Verantwortung wird abgewälzt

Aber vor einem Jahr war alles anders. Da war es üblich, gemeinsam im großen Kreis Abschied zu nehmen. Da gab es zunächst die Trauerfeier in der Kapelle (oder auch im Trauersaal des Bestattungshauses), schließlich den gemeinsamen Gang zum Grab, man nahm einander in den Arm oder reichte die Hand. Ein ganz wichtiges Ritual sei auch das gemeinsame Kaffeetrinken im Anschluss, sagt Stromberg. Indem Freunde und Angehörige sich des Verstorbenen erinnerten, rückten sie ein Stück näher zueinander, es sei häufig ein bedeutender Teil des Trauerprozesses.

Aufgabe der Bestatter ist es, die Angehörigen zu begleiten und die Abläufe der Bestattung zu organisieren, sodass die Hinterbliebenen sich um so wenig wie möglich kümmern müssen. Heute kommt ihnen noch eine andere Aufgabe zu: Sie müssen dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Bestattungen unterliegen der »Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung« (CoKoBeV); alle Kommunen Hessens müssen die Landesverordnung umsetzen. Unterschiede gibt es aber hinsichtlich des Platzes in den Kapellen und Andachtsräumen. Bestatter müssen sich täglich neu informieren. Eine sehr mühselige Angelegenheit, wie Eva Tränkner von Tränkner-Bestattungen schildert. Zudem sei es aufwendig, die Listen der Trauergäste zu führen, damit gegebenenfalls Infektionsketten nachvollzogen werden können. In der Praxis sei das ausgesprochen schwierig. Auch die Erinnerung an Abstand und Maskenpflicht sei problematisch. Sie sagt: »Ich bin doch keine Blockwartin.«

Die Rolle des Bestatters sei eigentlich, im Hintergrund diskret Regie zu führen, erinnert Stromberg. Daher sei es belastend und unangenehm, ausgerechnet die Gäste einer Trauerfeier zurechtweisen zu müssen. Im Grunde sei es Aufgabe der Friedhofsverwaltung bzw. der Kommune, die Einhaltung der Bestimmungen zu kontrollieren. Die Verantwortung auf die Bestatter abzuwälzen, sei in seinen Augen fragwürdig. »Sie haben das Hausrecht, nicht wir«, gibt er zu bedenken. Er und seine Mitarbeiter tun jedoch alles, um deeskalierend zu wirken und so viel Normalität wie möglich zu schaffen.

Corona in Gießen: Neue Rituale bei Trauerfeiern

Doch viele Angehörige, hat er festgestellt, seien zutiefst verunsichert. Wenn jemand einen Menschen durch Corona verliere, bekomme er ihn nicht mehr zu sehen. »Er steht fassungslos vor dem geschlossenen Sarg.« Doch auch bei einer anderen Todesursache sei der Abschied anders als früher. »Manche meiden den Anblick des Toten, wir haben auch noch nicht verstanden, warum das so ist.« Andere nähmen das Angebot, zum Schluss noch einmal Zeit mit dem Verstorbenen zu verbringen, gerne an. »Wir ermöglichen das in unserem Haus«, sagt Stromberg.

Zu einem beliebten Erinnerungszeichen hat sich ein geteiltes Herz aus Holz entwickelt. Ein Teil legt man zum Verstorbenen in den Sarg, den anderen Teil behält die Familie. Es ist eine kleine, schöne Geste. Sie täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass den Angehörigen ein langer Leidensweg bevorsteht.

Stromberg ist sicher: »Wenn kein richtiger Abschied möglich ist, kann man den Verlust lange nicht bewältigen.«

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