Schüler und Schülerinnen mit Maske im Unterricht
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Die Maskenpflicht in Schulen stößt auch in Gießen auf Unverständnis (Symbolbild)

Corona-Krise

Schulen in Gießen: Eltern kritisieren „Verherrlichung des Präsenzunterrichts“

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Die Schulen stehen in der Pandemie wegen des Festhaltens am Präsenzunterricht in der Kritik. Was sagen Eltern, Schüler, Lehrer und Schulleiter in Gießen dazu? Wir haben nachgefragt.

Gießen – Der Teil-Lockdown zeigt nicht die gewünschte Wirkung. Daher werden die Einschränkungen verschärft. Bund und Länder haben in vielen Bereichen striktere Regelungen beschlossen, aber beim Blick auf die Liste haben einige Menschen gestutzt: In den Schulen bleibt vieles beim Alten. Hessen setzt weiter auf Präsenzunterricht. Das Wechselmodell, wonach ein Teil der Schüler in der Schule unterrichtet wird, während der Rest zu Hause lernen soll, wird demnach erst eingesetzt, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz den Wert von 200 überschreitet. Und das auch nur ab der achten Klasse. Verpflichtend sind diese Regeln allerdings nicht, letztlich soll für jede Schule individuell entschieden werden.

In Gießen sind die Regeln schon jetzt strenger. Laut Allgemeinverfügung des Landkreises muss bereits seit 2. November ab der siebten Klasse ein Mindestabstand von eineinhalb Metern eingehalten werden. »Dies kommt dem Wechselmodell schon sehr nahe«, sagt Schulamtsleiter Norbert Kissel. Schließlich könnten dadurch wesentlich weniger Schüler im Klassenraum sitzen, der Rest lerne in digital gestütztem Distanzunterricht. Kissel sagt aber auch: »Ich bin überzeugt, dass nichts über den Präsenzunterricht geht.« Außerdem vertritt der Schulamtsleiter die Meinung, dass von Schulen keine erhöhte Gefahr ausgehe. »Wenn die Hygieneregeln eingehalten werden, sind Schulen keine Infektionsherde. Die Schüler stecken sich woanders an.«

Elternbeirat an Gießener Schule: Verherrlichung des Präsenzunterrichts

Annika Kruse, die Vorsitzende des Schulelternbeirates der Ludwig-Uhland-Schule, kritisiert die »Verherrlichung des Präsenzunterrichts mangels digitaler Alternativen«. Das gehe auf Kosten der Gesundheit der Kinder. Sie ist froh, dass es in Gießen durch die Kreis-Verordnung zumindest das Wechselmodell bereits ab der siebten Klasse gibt. Auch Astrid Eibelshäuser, Schuldezernentin der Stadt Gießen, hebt den Wert dieses Modells hervor. Durch die Erfahrungen, die man seit Anfang November habe sammeln können, hätten je nach Rahmenbedingungen an den Schulen Wechselmodelle entwickelt werden können. »Grundsätzlich halte ich es für richtig, dass Präsenzunterricht eine hohe Priorität hat und Schulen vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Bedingungen Maßnahmen ergreifen und dabei differenzierte Konzepte nutzen können.« Damit seien gute Erfahrungen gemacht worden, sagt Eibelshäuser und fügt an: »Schulen brauchen - gerade angesichts der aktuellen Situation - Spielräume, um in bestmöglicher Weise dem Schutz der Gesundheit und dem Bildungsauftrag gleichermaßen gerecht zu werden.«

Das sieht Jörg Subke, der Vorsitzende des Stadtelternbeirats, ähnlich: »Welchen Weg die Schulen einschlagen, muss den einzelnen Schulen überlassen bleiben.« Sie müssen Maßnahmen im Rahmen ihrer Möglichkeiten und ihres Engagements umsetzen. Subke betont, dass es auch aufseiten der Eltern durch die Pandemie eine Mehrbelastung gebe, die mit Hilfe »guter digitale Lehrkonzepte« abgebaut werden könne.

Corona-Maßnahmen in Gießen: Wechselunterricht schon ab der ersten Klasse?

Die Lehrergewerkschaft wünscht sich, dass Wechselunterricht noch früher eingesetzt wird. Nina Heidt-Sommer vom GEW-Kreisverband Gießen fordert, dass bereits in Grundschulen ab der ersten Klasse bei zu hohen Werten Wechselunterricht eingeführt werden sollte. Um Eltern bei der Betreuung der Kinder zu Hause unterstützen zu können, müssten zusätzliche Geldmittel bereitgestellt werden. Mit der Regelung des Landes, wonach Wechselunterricht erst ab einer Inzidenz von 200 eingeführt werden soll, ist Heidt-Sommer ebenfalls nicht einverstanden. »Die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts sehen Abstandsgebote ab einer Inzidenz von 50 vor. In den meisten Klassenräumen ist Abstand nur durch das Wechselmodell möglich.«

Frank Reuber, Schulleiter der Ost-Schule, ist mit der momentanen Regelung in Gießen soweit zufrieden. Warum es den Wechselunterricht erst ab der siebten Klasse gebe, sei für ihn nachvollziehbar. »Wenn man die jüngeren Kinder in den Wechselunterricht schicken würde, bekämen wir wieder ein Betreuungsproblem.« Das würde auch Lehrer betreffen, die dann zu Hause auf ihre eigenen Kinder aufpassen müssten. Wenn er sich das Infektionsgeschehen anschaue, halte er es für gerechtfertigt, dass die Regeln in Gießen im Moment teilweise strenger sind, als die hessenweite Regelung vorsieht, sagt Reuber. »Was ich auf jeden Fall verhindern will, ist, dass keiner mehr in den Präsenzunterricht kommen kann.«

Unterricht von zuhause bringt Chancengleichheit in Gefahr

Stadtschulsprecher Stergios Svolos geht selbst in die zwölfte Klasse des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums und ist geteilter Meinung. Auf der einen Seite sieht der das Wechselmodell als Chance: »Die Digitalisierung der Schule wird so vorangetrieben.« Wenn jeder zu Hause ein digitales Endgerät und guten Internetzugang bekommen würde, sei das auch ein großer Vorteil für die Zeit nach Corona. Auf der anderen Seite sieht er aber, dass das noch lange nicht überall der Fall ist. »Die Chancengleichheit geht so verloren.«

Er selbst habe überwiegend Präsenzunterricht, aber die Klassen seien aufgeteilt worden: Ein Lehrer müsse sich jetzt gleichzeitig um zwei Klassenräume kümmern. Das funktioniere nicht überall. Wenn man zum Beispiel in Biologie nicht direkt eine Nachfrage an den Lehrer stellen könne, sei es sehr schwierig mit dem Unterricht, sagt der Stadtschulsprecher. »Der Kurs, in dem der Lehrer nicht ist, ist verloren.«

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