Corona-Impfstoff: Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze.
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Um einen guten Schutz gegen das Corona- Virus aufzubauen, muss jeder zweimal geimpft werden. Wie lange die Wirkung anhält, ist derzeit noch nicht gesichert. (Symbolfoto).

Corona-Impfungen

Gießener Labormediziner: Jährliche Corona-Impfungen möglich

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Prof. Harald Renz, Gießener Labormediziner, glaubt an den Erfolg von Corona-Impfungen. Dennoch warnt er vor falscher Sicherheit durch Schnelltests. Ein Interview.

  • Bald soll das Gießener Impfzentrum den Betrieb aufnehmen, etwa 1000 Personen sollen pro Tag geimpft werden.
  • Labormediziner Prof. Harald Renz beantwortet im Interview Fragen rund um den Corona-Impfstoff.
  • Kurz vor Weihnachten warnt er vor allem, dass Tests nur Momentaufnahmen seien und schnell falsche Sicherheit gäben.

Impfzentren nehmen in Kürze ihre Arbeit auf. Wie realistisch ist es, dass die Impfprozedur dort geordnet ablaufen kann? Allein im Gießener Zentrum sollen bis zu 1350 Menschen pro Tag geimpft werden.

Mein Eindruck ist, dass es ein sehr profunder Plan ist, die Bevölkerung stufenweise zu impfen. Voraussetzung ist, dass der Impfstoff zur Verfügung steht. Pro Impfzentrum sollen pro Tag rund 1000 Personen geimpft werden. Die Rechnung sieht so aus: Ein Arzt braucht fünf Minuten für die Aufklärung, dann geht es zur nächsten Stufe, der Impfung. Danach müssen die Probanden noch weiter beobachtet werden, damit man akute Nebenwirkungen erfassen kann. Das ist in jeder Hinsicht ein enormer logistischer Aufwand, aber machbar. Man muss Termine vergeben und Abstandsregeln wahren. Aber ich glaube, wir schaffen das!

Aktuell wird diskutiert, ob zuerst vulnerable Gruppen und dann systemrelevante geimpft werden sollen. Wie sehen Sie das?

Ältere und Menschen mit chronischen Erkranken wird man natürlich prioritär impfen, und gleichzeitig das Gesundheitspersonal - und die Berufsgruppen, die man für die Erhaltung der öffentlichen Ordnung braucht. Das geht Hand in Hand. Das wird gut funktionieren, denn wir lassen einerseits Menschen in die Impfzentren kommen, andererseits haben wir die mobilen Impfteams, die in Einrichtungen gehen. Deren Bedeutung darf man nicht unterschätzen. Am Uniklinikum werden wir das Personals wohl selbst impfen. Auch das gilt es logistisch vorzubereiten. Aber da haben wir in Marburg mit der Grippeschutzimpfung bereits eine hervorragende Blaupause entwickelt. Wir haben es geschafft, über 1900 Mitarbeiter zu impfen - ein Rekord. Geglückt ist das, weil die Mitarbeiter dezentral, also in ihren Bereichen, geimpft wurden.

Labormediziner aus Gießen: Man muss Impfstoffe weiter untersuchen

Haben wir die Pandemie im Griff, sobald wir mit dem Impfen beginnen?

Das ist die große Frage. Wir wissen es nicht. Wir gehen aktuell davon aus, dass in Deutschland gerade einmal eine Million Menschen eine Coronavirusinfektion durchgemacht haben - bei einer Bevölkerung von rund 80 Millionen. Um von Herdenimmunität zu sprechen, bräuchte man 60 bis 70 Prozent. Davon sind wir meilenweit entfernt. Die Immunität mit einer Impfung aufzubauen, ist das Ziel, aber selbst wenn sie es schaffen, pro Tag 1000 Menschen in den 30 Impfzentren in Hessen zu impfen, wären das in der Woche rund 200 000. Bei acht Millionen Hessen kann man sich ausrechnen, wie viele Wochen man braucht. Und dann ist da auch noch die Herausforderung, dass man zweimal impfen muss.

Und dann hoffen wir, dass der Impfschutz anhält!

Wir wissen im Grunde nur, dass die RNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und von Moderna sicher sind, aber das sind keine Langzeitbeobachtungen. Die Wirksamkeit in Bezug auf den Aufbau einer sogenannten T-Zell-Antwort und des Antikörperschutzes scheint ganz ordentlich zu sein. Aber ist das auch in der Hochrisikopopulation so? Ältere haben ein schwächeres Immunsystem, vielleicht muss man da dreimal impfen. Man muss weiter untersuchen, wie gut der Schutz ist und vor allem, wie lange er anhält.

Gießen: Jährliche Impfung gegen Coronavirus könnte nötig sein

Also ist eine jährliche Impfung wahrscheinlich?

Vielleicht muss man sich darauf einstellen. Wir sehen bei vielen Patienten, die Corona hatten, dass die Antikörper bei vielen, nicht bei allen, relativ schnell wieder abfallen. Das heißt nicht zwangsläufig, dass die weniger immun sind, aber wir können die Antikörper einfach nicht mehr nachweisen. Die Impfung ist sicher ein wahnsinniger Schritt nach vorne, aber am Ende des Tages werden noch viele weitere Schritte zu klären sein.

Wir werden also weiter testen müssen. Wie beurteilen Sie die Strategie?

Am Anfang hatten wir nur die PCR-Tests und sind schnell in Engpässe gekommen. Jetzt haben wir das Testarsenal erweitert, auch um Schnelltestformate. Wir sind damit einen gewaltigen Schritt nach vorne gekommen, in Bezug auf Verfügbarkeit und Schnelligkeit. Nachteil der Antigen-Schnelltests ist, dass sie eine etwas schlechtere Sensibilität haben. Wenn der Antigentest positiv ist, heißt das, der Mensch ist infektiös. Aber wir müssen zwischen infektiös und infiziert unterscheiden. Ob jemand tatsächlich infiziert ist, können wir nur mit einem PCR-Test sehen. Zunächst einen Antigentest bei Klinikaufnahmen oder Klinikpersonal machen und dann bei positivem Ergebnis mit einem PCR-Test bestätigen, das ist die richtige Strategie. Und natürlich Menschen mit Symptomen testen.

Labormediziner aus Gießen: „Testerei ist immer Momentaufnahme“

Kann ich dank Schnelltest sicher mit der Familie Weihnachten feiern?

Die ganze Testerei ist immer nur eine Momentaufnahme. Wir müssen uns vergegenwärtigen, wie das Infektionsgeschehen abläuft: Die Inkubationszeit, also die Zeit, in der man Symptome entwickeln kann, beträgt bis zu 14 Tage. Die meisten Menschen bekommen Symptome zwischen Tag sechs und zehn nach Kontakt. Aber viele der Corona-Patienten sind schon ein bis zwei Tage bevor sie Symptome haben Virusausscheider. Man wiegt sich noch in Sicherheit, aber gibt Viren schon weiter.

Oder ich bin noch sehr jung, etwa Schüler, und zeige keine Symptome.

Es ist eine weitere Spezialsituation, dass wir gerade in der jüngeren Generation viele asymptomatische Corona-Patienten sehen und vor allem auch Kinder und Jugendliche nur ganz leichte Symptome haben, die eher wie ein Schnupfen daherkommen. Da denkt man nicht an Corona und testet nicht. Man kann aber nicht genug testen. Wenn ich mir unsicher bin, ob ich einen Kontakt hatte oder auf der sichereren Seite sein will, sollte man lieber testen.

Auch in einem privaten Testcenter?

Damit habe ich kein Problem. Wichtig ist es, sich anzuschauen, wie gut der Test ist und wie die Probe genommen wird. Es muss ein Nasen-Rachen-Abstrich sein. Das ist unangenehm, aber nur der bietet hohe Sicherheit, dass auch wirklich Virusmaterial auf dem Watteträger landet. Einfach nur in den Mund stecken und darin herumzuwischen oder nur in die Nase halten, und nicht bis ganz nach hinten, reicht nicht aus. Das sollte nur jemand machen, der davon etwas versteht. Aber das kann man lernen.

Gießen: Corona-App ist ein „Sorgenkind“

Was muss bei der Corona-App verbessert werden?

Das ist ein Sorgenkind. Ihre Effektivitat steigt mit dem flächendeckenden Einsatz, aber wenn nur ein Teil positiver Testresultate an den Server übermittelt wird und nur ein Teil der Bevölkerung die App heruntergeladen hat, ist die Durchdringung dieser Informationen auf zu dünnem Eis.

Impfstoffe stehen kurz vor der Zulassung. Ist es egal, welchen ich bekomme?

Es werden sicher viele, aber auch nicht alle zur Zulassung schaffen. Entscheidend sind die Phase-Drei-Studienergebnisse. Und wir müssen Langzeiteffekte beobachten.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die in Bezug auf die Corona-Impfung noch zögern?

Natürlich. Immer wenn etwas Neues kommt, ist man erst einmal vorsichtiger. Man muss sich auch überlegen, dass diese RNA-Impfstoffe in der Humanmedizin etwas Neues sind: Hochintelligent, toll, aber es wird da sicher das Ein oder Andere geben, über das man sich in den kommenden Monaten oder Jahren Gedanken machen muss. Die ersten Daten sind vielversprechend, aber die Bücher sind noch nicht geschlossen.

Können Geimpfte das Virus weitergeben?

Bei den Ergebnissen der beiden RNA-Impfstoffe zeigen die Daten einen 90- bis 95-prozentigen Schutz an. Das heißt nicht, dass man kein Corona kriegen kann. Bei 100 Patienten, die Corona bekommen, sind 95 Prozent mit einem Placebo und fünf mit dem Wirkstoff geimpft. Also einer von 20 Personen bekommt trotzdem Corona. Man muss der Bevölkerung klarmachen: Wer geimpft ist, hat keinen 100-prozentigen Schutz, aber er hat ein deutlich niedrigeres Risiko. Aber wir wissen bis heute noch nicht, wer von den Geimpften weiter ein höheres Risiko hat, Corona zu bekommen, und wer sich keine Sorgen machen muss. Die Frage ist aber auch, ob die Erfolgsquote mit 90/95 Prozent so bleiben wird. Das sind noch geringe Zahlen, die man sich bislang anschauen konnte. Wenn sich das halten lässt, wäre es für eine Impfung supergut. Aber warten wir es ab. Die allgemeinen Schutzmaßnahmen werden also sicherlich während der Impfphase nicht gelockert werden.

Gießen: Corona-Impfnachweis birgt „Stigmatisierungsgefahr“

Also würde es auch keinen Sinn machen, einen Corona-Impfnachweis beim Besuch von größeren Veranstaltungen vorzulegen?

Im Familien- und Freundeskreis mag das gehen, aber bei einem Fußballspiel der Bundesliga wird sich das wohl nicht durchsetzen. Es gibt auch die Gefahr der Stigmatisierung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht oder noch nicht geimpft sind, stigmatisieren. Wir brauchen einen Umgang mit dem Virus, der nachhaltig ist. Mit der Impfung wird nicht alles vorbei sein. Wir werden uns auf Schutzmaßnahmen langfristig einstellen müssen. Es gibt zum Glück keine Anzeichen, dass das Virus mutiert, und wir wie bei der Grippe neue Impfstoffe entwickeln müssen.

Wann werden wir wieder Normalität haben?

Die erste große Herausforderung ist es, die Zahl der Infizierten herunter zu bekommen, um so den Gesundheitsämtern die Chance zur Kontaktnachverfolgung zu geben. Die Beherrschung der Pandemie setzt voraus, dass wir Kontakte nachverfolgen können. Ob wir die Infektionszahlen bis Weihnachten so weit herunterbringen können, weiß ich nicht. Vielleicht im Januar. Und dann gilt es, die Zahlen unten zu halten. Die Impfung wird dabei helfen. Im Frühjahr werden sich aber sicher viele, wie im Sommer dieses Jahres, in vermeintlicher Sicherheit wiegen. Ich glaube, wir werden lernen müssen, mit dem Virus umzugehen. Das kann bis 2022/23 gehen. Aber wir wissen es nicht.

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