Gerade jetzt vor Weihnachten macht den Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen die Einsamkeit zu schaffen. 	FOTO: SCHEPP
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Gerade jetzt vor Weihnachten macht den Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen die Einsamkeit zu schaffen. FOTO: SCHEPP

Im Lockdown

Gießen: Corona-Beschränkungen – Omas und Opas droht ein trauriges Fest

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Die Kontaktbeschränkungen in Hessen über Weihnachten treffen vor allem die Senioren hart.

Gießen – Den Menschen in Alten- und Pflegeheimen steht ein trauriges Fest bevor. In den Einrichtungen kann kaum gefeiert werden, Besuche bei Kindern und Enkeln sind möglich, aber riskant. Die meisten werden deshalb darauf verzichten. Statt mit der Familie unterm Weihnachtsbaum zu sitzen, werden Oma und Opa einsam sein.

Senioren in Altenheimen in Gießen: Nur Wenige planen Weihnachtsfeier im Familienkreis

Können Oma und Opa zu Weihnachten das Pflegeheim verlassen und mit ihren Lieben »unterm Tannenbaum« sitzen? Theoretisch ja. »Wir sperren ja niemanden ein, es sind Bewohner und keine Inhaftierten«, sagt Jens Dapper, der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt. Wer sich dazu entschließt, das Haus zu verlassen, werde mit FFP2-Masken für sich und die Angehörigen ausgestattet, eine Symptomkontrolle inklusive Fiebermessen findet ohnehin täglich statt. Bei der Rückkehr werde dann ein Test gemacht.

Doch die Feier im Familienkreis ist riskant, deshalb planen von den 205 Bewohnern nur wenige bisher einen solchen Ausflug, sagt AWO-Einrichtungsleiterin Tanja Ströher. Die meisten Bewohner und ihre Angehörigen verzichteten der Gesundheit zuliebe.

Beim Caritasverband gilt das gleiche Procedere. »Wir raten aber ganz klar davon ab«, sagt Caritasdirektorin Eva Hofmann. Sowohl AWO als auch Caritas sehen eine anschließende 14-tägige Quarantäne für Bewohner vor, die an Weihnachten zu ihren Familien fahren. Dies sei aus Sicherheitsgründen unerlässlich, bedeute aber, dass die Senioren in dieser Zeit das Zimmer nicht verlassen dürften. Das sei, verdeutlichte Hofmann, insbesondere für Menschen mit dementiellen Erkrankungen schwer zu ertragen.

Einige Seniorenheime in Gießen schwer von der Corona-Krise betroffen

Während in St. Anna bisher zwar einige Mitarbeiter, aber keine Bewohner mit dem Coronavirus infiziert sind, hat es das benachbarte Maria Frieden schwer getroffen. In der Einrichtung mit 98 Bewohnern gibt es 44 infizierte Bewohner, elf Menschen sind gestorben. Bei den hochbetagten, multimorbiden Senioren, darauf hatte auch Bereichsleiterin Lucia Bühler kürzlich hingewiesen, schreite der Verlauf der Erkrankung häufig schnell voran und nehme einen tödlichen Verlauf. Beide Einrichtungen sind derzeit für Besucher geschlossen, einige Hausgemeinschaften stehen unter Quarantäne.

Seit Ende November stehen Schnelltests zur Verfügung, die mit Unterstützung des Deutschen Roten Kreuzes durchgeführt werden, bei einem positiven Ergebnis werden diese durch PCR-Tests des Gesundheitsamts ergänzt. Dass die Weihnachtsfeiertage nicht im familiären Kreis begangen werden können, sei eine bedrückende und traurige Situation, verdeutlicht Hofmann. Insgesamt sei die Isolation ein großes Problem, das den Menschen physisch und psychisch zusetze.

Die Einrichtungen müssen täglich die Interessen neu abwägen: Es gelte, die behördlichen Auflagen zu erfüllen und die Bewohner bestmöglich zu schützen, es gehe aber auch darum, den Bedürfnissen der Bewohner gerecht zu werden. Jede Ablenkung, die man den Senioren bieten könne, sei ein willkommenes Geschenk - so zum Beispiel der geplante Besuch der Oberbürgermeisterin, die vor dem Haus singen werde. Die Sorge um die Pflegekräfte ist ein weiteres Problem der Heime. Der Krankenstand ist hoch, die Belastung ebenso. Hofmann: »Man kann das gar nicht genug honorieren, was die Mitarbeiter seit Monaten leisten«.

Gießen: Fehlende Kontakte belasten Bewohner in Seniorenheimen

Auch bei der Arbeiterwohlfahrt beobachtet man besorgt, wie sehr das fehlende soziale Miteinander die Bewohner belastet. Der große Speisesaal im Albert-Osswald-Haus sowie das Café sind schon lange geschlossen, gewohnte Gruppenangebote, bei denen erzählt, gesungen und gebastelt wird, können nicht stattfinden. Da auf die Abstandsregeln geachtet werden müsse, seien auch Gespräche im kleinen Kreis schwierig, da viele der Bewohner schwerhörig seien. »Wir haben schon seit März keine Kinder und keine Hunde mehr im Haus gehabt«, nennt Ströher ein Beispiel für fehlende Kontakte. Das schmerze die Bewohner sehr. Vor diesem Hintergrund für weihnachtliche Stimmung zu sorgen, sei schwierig.

Zum Glück sei die Kooperation mit den Angehörigen in der Regel gut, die Hygienekonzepte würden auch von ihnen mitgetragen. Da sich bei der AWO bisher kein Bewohner infiziert hat, waren Besuche bisher drei- jetzt noch zweimal wöchentlich möglich. Aber die Situation ändert sich täglich und muss neu bedacht werden.

So kam Anfang der Woche ein Bewohner des Hauses am Tannenweg aus dem Krankenhaus zurück - er hatte sich dort infiziert und wird nun in einem isolierten Zimmer versorgt. Das Krankenhaus hatte dringend um die Zurücküberweisung gebeten, da seine Kapazitätsgrenzen erschöpft sind.

Bis zum 14. Dezember hat der Landkreis 53 an Covid Verstorbene für die Stadt und den Landkreis gemeldet. 27 der 53 Verstorbenen haben in Pflegeheimen gewohnt. 18 der 53 Verstorbenen stammten aus der Stadt Gießen. 22 der 53 Verstorbenen waren männlich, 31 weiblich. 35 der Verstorbenen waren über 80 Jahre alt, 12 waren in der Altersgruppe 70 bis 79, 2 im Alter zwischen 60 und 69 und vier Tote waren in der Gruppe der 50 bis 59-Jährigen.

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