Alles ok? OB Dietlind Grabe-Bolz (Mitte) und Mitarbeiter des Ordnungsamts kontrollieren am Samstagabend die Gastronome in der Innenstadt.	FOTO: MAC
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Alles ok? OB Dietlind Grabe-Bolz (Mitte) und Mitarbeiter des Ordnungsamts kontrollieren am Samstagabend die Gastronome in der Innenstadt.

Corona in Gießen

Party-Abende oder ruhiger Ausklang? So war das letzte Wochenende in Gießen vor dem „Teil-Lockdown“

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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Auf den Putz hauen? Oder lieber Vorsicht walten lassen, obwohl etwas Unvorsicht noch erlaubt ist? Die Gießener waren sich am letzten Wochenende vor dem heutigen »Teil-Lockdown« nicht einig.

  • „Teil-Lockdown“ kommt: Party-Wochenende oder ruhiger Ausklang in Gießen?
  • Wir waren unterwegs in den Gießener Bars und Kneipen.
  • Auch Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz dreht eine Runde.

Gießen – Aus einer Party-Kneipe in der Ludwigstraße dröhnt am Samstag gegen 21.30 Uhr ein Lied durch die geschlossenen Fenster auf den Bürgersteig, in dem es um die große Oberweite einer Frau geht. Des Reims wegen wird diese Laune der Natur im Songtext allerdings weniger vornehm beschrieben. In der Kneipe stehen etwa zwei Dutzend junge Männer. Einige hüpfen oberkörperfrei im Takt und wirbeln ihre T-Shirts durch die Luft, als wollten sie sicherstellen, dass sich ihre herausgegrölten Aerosole auch ordentlich im Raum verteilen. Das nächste Lied heißt »Traum von Amsterdam«. Für Menschen, die Corona-Regeln ernstnehmen und sich vor einer Infektion mit dem Virus fürchten, ist diese Szene ein Alptraum.

Corona-November in Gießen verursacht gemischte Gefühle bei Gastwirten

Etwas abseits der Kneipenmeile geht es am Samstagabend eher gediegen zu. Vor dem Klimbim im Riegelpfad sitzt eine Gruppe junger Leute um einen Tisch herum auf dem Bürgersteig, in der Kneipe selbst sind um diese Uhrzeit nur wenig Plätze besetzt. Auch im KW in der Goethestraße ist die Anzahl der Gäste überschaubar. »Ich bin fast froh, dass wir schließen«, sagt Haiko Schimpf. Bei den rasant steigenden Coronafällen steige eben auch die Wahrscheinlichkeit, dass mal ein Gast mit unerkannter Infektion durch seine Kneipe laufe und andere anstecke. »Ich hatte schon in den letzten Tagen ein ungutes Gefühl«, sagt der Wirt. Die Ankündigung der Bundesregierung, auch die Gastronome mit 75 Prozent des Gewinns des vergangenen Novembers für die Schließung zu entschädigen, stellt Schimpf zufrieden. »Wer ehrlich ist, gibt zu, dass er diese Zahlen im Corona-November sowieso niemals hätte erreichen können.«

Beim Blick ins Restaurant »Geschmacksverkehr« fällt es fast schwer, Schimpfs Einschätzung zu teilen. Alle Tische sind belegt, vor dem Lokal warten Gäste auf ihre reservierten Plätze. Ohne Reservierung keine Chance. »Seit bekannt geworden ist, dass wir schließen müssen, sind viele Nachfragen gekommen. Zuvor war es zwei Wochen lang sehr ruhig, aber jetzt, Freitag, Samstag und Sonntag Chaos«, sagt Dimitri Skartsanis, der alle Hände voll zu tun an, seine Gäste sicher an die jeweiligen Tische zu bugsieren. Dass die Reservierungsanfragen zugenommen haben, erklärt wohl auch, dass manche Betriebe seit der Lockdown-Ankündigung ihre Öffnungszeiten noch einmal kurzfristig verlängert und sogar an Tagen geöffnet haben, an denen eigentlich Ruhetag ist. Auf dass die Kasse noch mal klingelt. Unter Pandemie-Gesichtspunkt eine fragwürdige Entscheidung und ein zweifelhafter Geschäftssinn.

Gießens OB besucht vor Teil-Lockdown Kneipen und Restaurants

Auch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz wollte sich am Samstag ein Bild von der Stimmung kurz vor dem Lockdown und der Arbeit des Ordnungsamts machen. Bis 0.30 Uhr war sie gemeinsam mit zwei Teams des Ordnungsamts unterwegs. In Rödgen wurde ein 18. Geburtstag kontrolliert, nachdem Nachbarn den Verdacht geäußert hatten, dass dort eine größere Feier stattfindet, aber auch Shisha-Bars, Kneipen und Lokale waren das Ziel. Das Fazit: Einzelne Verstöße. Mal zu langer Alkohol-Verkauf und/oder -Konsum, zu viele Gäste im Gastraum und ein zu hoher Kohlenmonoxidgehalt in einer Shisha-Bar, sodass der Abend mit zwei Bußgeldern und mehreren Verwarnungen endete.

Die OB zog eine positive Bilanz: Den Ordnungsamtsmitarbeitern sei respektvoll begegnet worden, die meisten Bürger seien verständnisvoll gewesen. »Ich habe höchsten Respekt vor den Leistungen unserer Mitarbeiter. Nicht nur die außergewöhnlichen Dienstzeiten haben mich beeindruckt. Es ist auch und vor allem die Haltung gegenüber Bürgern, die auf Kommunikation statt Konfrontation setzt, die ich nur loben kann«, sagt Grabe-Bolz bei der Kontrolle eines Lokals in der Plockstraße, wo der Regen kurz vor 23 Uhr die letzten Gäste vertreibt. Zum Abschied serviert die Kellnerin ein Tablett Kurze. »Noch darf ich«; sagt sie, als sie sich an der OB vorbeischlängelt. Draußen am Fass gibt’s einen letzten Schnaps im Stehen. Des einen Traum, des anderen Alptraum. (Marc Schäfer)

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