Hessen: Gießener „Corona Valley“ produziert Innovationen für Virus-Bekämpfung
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Hessen: Gießener „Corona Valley“ produziert Innovationen für Virus-Bekämpfung

Europaviertel

Hessen: Gießener „Corona Valley“ produziert Innovationen für Virus-Bekämpfung

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Das Europaviertel ist für die Stadt Gießen eine Erfolgsgeschichte. Die einstige Kaserne hat sich zu einem Hotspot für technologieorientierte Firmen entwickelt - auch in Sachen Corona.

  • Die Welt hat in den Jahren 2020 und 2021 einen gemeinsamen Feind: Das Coronavirus.
  • Viele Innovationen im Kampf gegen Corona kommen aus Gießen (Hessen).
  • Im „Corona Valley“ sitzt mit Milenia Biotec, Alcedis und Schebo Biotech geballte Tech-Power.

Gießen – In der Versailler Straße 1 wird mit Hochdruck gearbeitet. Anfragen aus aller Welt gehen bei dem kleinen Unternehmen ein. Denn die Teststreifen, die Geschäftsführer Dr. Ralf Dostatni und sein Team hier herstellen und vertreiben, existieren zwar schon seit über 17 Jahren. Durch Corona haben sie aber einen völlig neuen Stellenwert erhalten. Denn aus dem Tool »HybriDetect«, so der offizielle Name, lassen sich jegliche Tests entwickeln. Also auch Corona-Tests. »Da unser Test in zahlreichen Studien eingesetzt worden ist, hat er große Publicity erfahren«, sagt Dostatni und fügt an, dass der Absatz in diesem Jahr zehnmal höher sei als 2019.

Durchaus möglich, dass die Nachfrage weiter nach oben schnellt. Denn von den 10 000 Testkits, die in diesem Jahr bereits verkauft worden sind, entfällt alleine die Hälfte auf Indien. Der asiatische Großstaat ist mit über neun Millionen bestätigten Infektionen und über 130 000 Todesfällen besonders stark von Sars-CoV-2 betroffen. Um möglichst viele der 1,3 Milliarden Einwohner testen zu können, hat ein indisches Forschungsinstitut auf Basis der Streifen von Milenia Biotec Schnelltests entwickelt, deren Einsatz von der Regierung in Neu-Delhi auch genehmigt worden ist.

Firma aus Gießen: Gutes Klima für Innovationen im Europaviertel

Diese riesige Nachfrage stellt das Gießener Unternehmen vor große Herausforderungen. »Wir können schließlich nicht einfach externe Mitarbeiter in unsere Firma holen und müssen gleichzeitig auf Hygiene- und Abstandsregelungen achten«, sagt Dostatni. Denn ein Ausbruch in der Produktion würde den gesamten Betrieb lahmlegen. Daher muss das Stammpersonal diese Herkulesaufgabe stemmen. »Jede helfende Hand zählt«, betont der Geschäftsführer und fügt an: »Ohne den tollen Einsatz des ganzen Teams würden wir das nicht schaffen.«

Mitte der 90er Jahre wurde die Steubenkaserne im Gießener Osten zum Gewerbegebiet Europaviertel. Dabei war es das erklärte Ziel der Stadt, einen Technologiestandort zu schaffen, der maßgeblich zum Strukturwandel beitragen sollte. Mit Erfolg, wie Antje Bienert, die Geschäftsführerin des im Zuge der Konversion gegründeten Technologie- und Innovationszentrum Gießen (TIG) mit Sitz in der Winchester Straße betont. »Die bisher zirka 370 Startups, die sich jeweils auf Zeit seit den 90er Jahren im TIG niedergelassen haben, bilden die unterschiedlichsten Branchen ab. Dabei sind Unternehmen aus dem Cluster Life Sciences/Medizinwirtschaft/Healthcare überdurchschnittlich oft vertreten.« Bürgermeister Peter Neidel hebt noch einen anderen Aspekt hervor: »Die enge Verbindung der Hochschulen zum Innovationszentrum TIG und zu der Technologietransfergesellschaft TransMit führt dazu, dass wissenschaftliche Ergebnisse in unternehmerisches Tun übergehen und vielversprechende Start-ups gegründet wurden. Zahlreiche dieser Neugründungen sind im Europaviertel geblieben.«

Gießen: Pharma-Dienstleister Alcedis ist an Impfstoffentwicklung beteiligt

Dazu gehört auch der Pharma-Dienstleister Alcedis, der bis vor neun Jahren selbst im TIG saß, mittlerweile aber stark gewachsen und in einem eigenen Gebäude in der Winchester Straße ansässig ist. Von hier aus arbeitet das Unternehmen an der Lösung, auf die die ganze Welt wartet. »Wir sind an einer Impfstoffentwicklung beteiligt«, verrät Hanno Härtlein, einer der Geschäftsführer bei Alcedis. Um welche Firma es sich handelt, darf der Molekularbiologe nicht verraten. Härtlein kann aber Details über den Part nennen, den Alcedis bei der Zusammenarbeit übernimmt: »Wir sind Technologiepartner. Wir liefern also die Software, über die Daten aus globalen Studien zusammenlaufen und ausgewertet werden.«

Neben dieser reinen Technologiepartnerschaft ist Alcedis bei zwei weiteren Corona-relevanten Projekten im Einsatz. Zum einen beteiligt sich das Unternehmen an einer bundesweiten Plasmastudie. »Dabei wird Menschen, die eine Corona-Infektion erfolgreich überstanden haben, Blut entnommen und das Plasma aufgereinigt. Dieses mit Antikörpern versehene Rekonvaleszentenplasma kann bei Patienten mit schwerem Covid-19 Krankheitsverlauf eingesetzt werden und die Therapie unterstützen«, sagt Härtlein. Das dritte Projekt befasst sich mit Antikoagulantien, also Medikamenten, die die Blutgerinnung hemmen. »Man hat bereits im Frühjahr festgestellt, dass viele Corona-Patienten auf Intensivstationen eine Lungenembolie entwickeln - auch verbunden mit einer erhöhten Sterblichkeitsrate. Antikoagulantien können diesen Patienten helfen.« Alcedis ist also nicht nur an der Entwicklung eines Impfstoffs beteiligt. Das Unternehmen hilft auch erkrankten Menschen, die nicht mehr auf den Impfstoff warten können.

Gießen: Schebo-Biotech komplettiert Corona-Trio

Vor der Behandlung steht die Diagnose: Ist der Husten Erkältungs-Symptom? Oder doch Folge einer Corona-Infektion? Dank der Gießener Firma ScheBo Biotech ist diese Frage in wenigen Minuten geklärt. Das Unternehmen aus der Netanyastraße hat einen Antigen-Schnelltest auf den Markt gebracht. Im Gegensatz zum PCR-Test, den SheBo-Vorstand Dr. René Kröger als den »Goldstandard« bezeichnet, wird beim Antigen-Schnelltest aus dem Europaviertel den Patienten Blut abgenommen. »In 15 Minuten haben wir das Ergebnis«, sagt Kröger. Die kurze Wartezeit überzeugt: Inzwischen setzen mehrere Gießener Arztpraxen den Test ein.

Im Europaviertel tüftelt man eifrig daran, die Pandemie einzudämmen. Kein Wunder, dass die TIG-Geschäftsführerin Bienert sagt: »Die Strategie, das Europaviertel als Technologiestandort zu entwickeln und auf innovative Unternehmen zu setzen, trägt über das Gewerbegebiet hinaus Früchte und zahlt sich in Zeiten der Corona-Pandemie einmal mehr aus.« (Von Christoph Hoffmann)

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