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Corona

Gießen: Der Corona-Sommer ist da

  • Burkhard Möller
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Der Sommer ist da, aber er ist anders sein als seine Vorgänger. Ohne die großen Freiluft-Partys, mit Zählappellen im Freibad, der Corona-App auf dem Handy und kleinen Schreckmomenten. Die großen erleben Menschen andernorts in Deutschland und rund um die Welt. Hier Teil 4 der Gießener Monatschronik in der Corona-Krise.

Montag, 1. Juni:Auch dieser Monat beginnt mit einem Feiertag. Es ist Pfingsten, aber es fehlt etwas: Kein buntes Zeltdorf an der Lahn, keine Zuschauer auf dem Rübsamen-Steg, kein Achter-Rennen. Die Pfingstregatta ist schon lange abgesagt, dafür haben die Kirchen an den Hessenhallen eine Alternative gefunden. Die Katholiken feiern im Autokino, in dem am Freitag die Höhner ein begeisterndes Konzert gegeben haben.

Mittwoch, 3. Juni:In Sachen Herderschule gibt das Kreisgesundheitsamt Entwarnung: Es ist bei einer Infektion eines Schülers geblieben, 20 weitere Corona-Tests bei Mitschülern und Lehrern sind negativ. Die kurzen Aufregungen werden im Laufe des Monats Routine. Auch zwei Gießener Kitas werden von einzelnen Infektionen betroffen sein, Gruppen und Erzieherinnen vorsorglich in Quarantäne geschickt. Zu einem Ausbruch kommt es in Gießen nicht.

Freitag, 5. Juni:Dieser Scherz von zwei 12-jährigen Jungs in einem Supermarkt in Linden kommt nicht gut an. Die beiden treiben sich ohne Mundschutz zwischen den Regalen herum und machen sich einen Spaß daraus, eine ältere Kundin anzuhusten. Der Fall schlägt hohe Wellen im Netz, im richtigen Leben regelt das der Marktleiter unaufgeregt und vermittelt ein Gespräch zwischen den Eltern der Jungs und der Kundin.

Samstag, 6. Juni:Tolle Aktion der Gießener Eintracht-Fanclubs. Sie spenden das Geld, das durch die Rückgabe ihrer Dauerkarten zusammenkommt, an die Gießener Tafel, den Elternverein der Kinderkrebsklinik und die Eintracht-Kneipe Café Wolkenlos. Alles in allem 2000 Euro.

Das Stadtradeln ist zu Ende gegangen, und zwar mit einem neuen Rekord. Die fast 2000 Teilnehmer radeln in den drei Wochen fast 430 000 Kilometer und setzen in der Pandemie ein Zeichen für das boomende Verkehrsmittel Fahrrad. Damit belegt Gießen in Hessen Rang drei hinter Frankfurt und Wiesbaden.

Mittwoch, 10. Juni:Gießener und Menschen, die einmal hier gelebt haben, vergessen ihre Stammkneipen nicht. "Das ist der absolute Wahnsinn", kommentiert Scarabée-Wirtin Isabel Bojunga das Ergebnis einer Spendenaktion, bei der 8000 Euro zusammenkommen. Damit ist der Kultmusikkeller im Riegelpfad vorerst gerettet.

Noch eine Rettung: Der "Wumms" aus Berlin und Wiesbaden spült um die 13 Millionen Euro in die Stadtkasse. Damit wären die coronabedingten Steuerausfälle nahezu ausgeglichen. Das erleichtert die Entscheidung, auf breiter Front Unternehmen und Familien Gebühren zu erlassen.

Samstag, 13. Juni:Mit der Ankündigung, dass das Freibad Ringallee erst in den Sommerferien und die Stadtteilbäder in Kleinlinden und Lützellinden gar nicht öffnen, sorgen die Stadtwerke für eine Enttäuschung. Als gegen Monatsende das Prozedere für die Freibadöffnung erläutert wird, wird aber deutlich, wie aufwendig die Sommerfreude unter den Bedingungen der Pandemie organisiert wird. Das Freibad wird zum Hochsicherheitstrakt mit Zählappell am Beckenrand.

Montag, 15. Juni:Einfach mal Erdbeeren pflücken, das geht auch nicht in Corona-Zeiten. Jedenfalls nicht ohne Mund- und Nasenschutz. Beim Wiegen und Bezahlen gilt Maskenpflicht. Den Eigentümern von Feldern zum Selbstpflücken im Landkreis Gießen rennen die Leute die Bude ein. Hunderte Anrufe gehen bei der "Erdbeer-Hotline" ein.

Dienstag, 16. Juni:Corona löst manches Problem, das den Planern vorher Kopfzerbrechen bereitet hat. Weil die Uni gähnend leer ist, kann der spärliche Verkehr zum Philosophikum I über den schmalen Karl-Reuter-Weg abgewickelt werden und mit den Tiefbauarbeiten an der Otto-Behaghel-Straße begonnen werden. Die neue Zufahrt muss man aber erst einmal finden.

Mittwoch, 17. Juni:In Deutschland startet die Corona-Tracing-App; binnen weniger Tage laden sie sich Millionen Deutsche auf ihr Smartphone herunter. Im Landkreis Gießen wird sie den Nutzern im Juni beständig ein "Niedriges Risiko" signalisieren. Am letzten Tag des Monats kommt eine Neuinfektion auf 100 000 Einwohner.

Freitag, 19. Juni:Auch die Telefonseelsorger haben während der Pandemie mehr zu tun als sonst. "Die Einsamen fühlen sich derzeit noch einsamer, die Ängstlichen noch ängstlicher", sagt Pfarrerin Martina Schmidt von der Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar.

Samstag, 20. Juni:Aufatmen im Seltersweg. Die Gießener Filiale von Karstadt/Kaufhof wird kein Corona-Opfer. Nicht nur die Mitarbeiter/innen sind erleichtert, sondern auch die Kunden und die Stadt. Euphorisch indes ist niemand. "Dafür ist es für die betroffenen Kollegen aus anderen Filialen viel zu traurig", sagt ein Gießener Beschäftigte. Vielen Innenstädten droht ohne die Warenhäuser eine Schneise der Zerstörung; an 47 Standorten drohen Schließungen von einer oder sogar mehreren Filialen.

Die Entscheidung der Landesregierung, noch vor den Sommerferien in den Grundschulen den Regelbetrieb wieder aufzunehmen, ist umstritten. "Die Elternschaft ist zwiegespalten", stellt Kreiselternbeiratsvorsitzender Alexander Spannagel. Bis zum Beginn der Sommerferien wird aber kein Infektionsfall an einer heimischen Schule bekannt.

Montag, 22. Juni: In der Bundesliga geht die Saison zu Ende, im hessischen Amateur-Fußball geht in diesem Sommer gar nichts mehr. Die Saison 2019/2020 ist beendet, beschließt der digitale Verbandstag am Wochenende. Tausende Frauen und Männer dürfen ihr Hobby vorerst nicht ausüben. Hygienekonzepte mit selbst auferlegter Quarantäne, die können sich die Vereine in der B-Klasse oder Kreisoberliga und die berufstätigen Kicker nicht leisten.

Dienstag, 23. Juni:Es ist auch in Gießen und Umgebung ein beeindruckender und traurig schöner Hilferuf. Hallen und Theater, Gaststätten, Unternehmen aus der Eventbranche sowie Veranstaltungsstätten wie der Schiffenberg oder die Burg Gleiberg sind am späten Abend bei der Night of Light in rotes Licht getaucht. Das Farbspektakel hat einen überaus ernsten Hintergrund: "Weitere 100 Tage Lockdown überleben wir nicht", erklären die Initiatoren. Da Großveranstaltungen bis weit in den Herbst hinein nicht in Sicht sind, müsse es Staatshilfen geben.

Donnerstag, 25. Juni:Die Krankenhäuser in der Region haben die erste Infektionswelle gut bewältigt. Trotz niedriger Infektionszahlen kann von Normalbetrieb aber nicht die Rede sein. So bleibt das Besuchsverbot in Hessen mindestens noch bis Mitte August in Kraft. "Der Schutz der Gesamtheit der Patientinnen und Patienten sowie unserer Mitarbeiter/innen steht im Fokus", heißt es aus dem "EV".

Freitag, 26. Juni:Die massive Missachtung von Corona-Regeln in einer Gießener Shishabar an Pfingsten hat ein Nachspiel für Betreiber und Gäste. Das Kreisgesundheitsamt leitet 40 Bußgeldverfahren in einer Höhe zwischen 200 und bis zu 2500 Euro ein. Die Stadt prüft hinsichtlich der Betriebserlaubnis weitere Schritte.

Samstag, 27. Juni:Große Zeugnisübergaben, rauschende Abschiedspartys bis in den frühen Morgen, emotionale Umarmungen unter den Schülern: Auf diese Erfahrung muss der Abijahrgang 2020 verzichten. Es ist ein "Abschluss auf Abstand", lautet die Überschrift zur Feierstunde an der Gesamtschule Ost, die in die große Osthalle verlegt worden ist.

Dienstag, 30. Juni:Letzte Zeitungsausgabe des Monats, wieder mit den "Wichtigsten Infos in der Corona-Krise". Auf der Serviceseite prangt der Button: "Wir sind weiterhin für Sie da". Was sonst.

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