Eine junge Gießenerin schreibt anzügliche Sprüche auf die Straße, damit will sie ein Zeichen gegen verbale sexuelle Belästigung setzen.
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Eine junge Gießenerin schreibt anzügliche Sprüche auf die Straße, damit will sie ein Zeichen gegen verbale sexuelle Belästigung setzen.

Catcalling

„Wow, Mäuschen“: Catcalling ist in Gießen trauriger Alltag – Protest-Aktion prangert sexuelle Belästigung an

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Frauen werden in Gießen immer wieder mit sexuell belästigt. Die Gruppe „Catcalls of Gießen“ schreibt die schlimmsten Sprüche auf die Straße.

  • Frauen müssen sich auf den Straßen Gießens immer wieder schlimme Sprüche anhören.
  • Catcalling nennt man diese weit verbreitete verbale Form der sexuellen Belästigung.
  • Eine Gruppe junger Gießener malt die herabwürdigenden Aussagen mit Kreide auf die Gasse.

Gießen - Eine Gruppe Männer rief und pfiff mir hinterher: Geiler Arsch, wow Mäuschen.« - »Er ist mir bis zur Haustür hinterher und versuchte, mich dann zu küssen.« - »Na, trägst du überhaupt was drunter?« Diese Sprüche mussten sich Frauen in Gießen gefallen lassen. Solche sexuellen Belästigungen sind keine Einzelfälle, sondern Normalität. Eine Gruppe junger Menschen hat es sich zur Aufgabe gemacht, dies im Stadtbild sichtbar zu machen: Mit bunter Kreide schreiben sie die Sprüche, die sich Frauen anhören müssen, auf die Straße. Dann veröffentlichen sie die Fotos in den sozialen Medien. »Wir wollen zeigen, dass sexuelle Belästigung immer wieder und überall passiert«, sagt eine 23 Jahre alte Frau, die bei »Catcalls of Gießen« aktiv ist und anonym bleiben will.

Gießen: Catcalling erfolgt zwar ohne Gewalt, tut aber trotzdem weh

Sexuelle Belästigung steht in Deutschland nur dann unter Strafe, wenn es zu einem körperlichen Kontakt gekommen ist. Doch es sind bereits Worte und Gesten, die als belästigend empfunden werden und Ängste auslösen können. Eine Studentin aus Fulda hat deshalb eine Petition ins Leben gerufen. Hier fordert sie, das sogenannte Catcalling - also verbale sexuelle Belästigungen - unter Strafe zu stellen. In mehreren europäischen Ländern wie in Frankreich kann derjenige mit Geldstrafen belangt werden, der gegenüber einer Frau anzüglich wird - in Worten und Gesten. Die Onlinepetition der Fuldaerin haben seit August über 65 000 Menschen unterstützt.

Die neunköpfige Gießener Gruppe hat die Aktionsform, Belästigungen auf der Straße »anzukreiden«, nicht erfunden. Nutzerkonten gibt es weltweit; auch in Deutschland finden sich solche Accounts aus anderen Städten, in denen Sprüche und deren Hintergrundgeschichten online veröffentlicht werden. Im Mai, erzählt die Studentin, sei die Gießener Gruppe gegründet worden; ab September hätten deren Mitglieder - unter denen auch ein Mann ist - ihre Aktivitäten intensiviert.

Catcalling

Der Begriff Catcalling steht für Belästigungen von Fremden im öffentlichen Raum. Die Bandbreite reicht von anzüglichen Sprüchen bis hin zu Berührungen. Opfer sind in der Regel junge Frauen; betroffen sind aber auch Homosexuelle, Transsexuelle sowie Menschen mit Behinderung oder anderer Hautfarbe.

„Catcalls of Gießen“: Das steckt hinter den Kreidebildern

Der Grundgedanke ist einfach: Wer belästigt wurde, schickt der Gruppe über deren Instagram-Konto »Catcallsofgiessen« eine private Nachricht. Die neun Mitglieder fassen die Texte zu einem Ausruf zusammen oder wählen ein Zitat aus. Dies schreiben sie dann am »Tatort« auf die Straße. Anschließend versehen sie den Spruch mit einem Hinweis auf ihren Instagram-Account. Dort können die Nutzer mehr über den jeweiligen Fall erfahren. Hier finden sich zum Teil bedrückende Schilderungen, wie vor allem Männer ihre vermeintliche Macht und Dominanz ausnutzen - und die Betroffenen sich verängstigt, allein gelassen und gedemütigt fühlen.

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#stopptbelästigung #stopharassment

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»In solchen Situationen wollen Betroffene so schnell wie möglich weg und dem Konflikt aus dem Weg gehen«, sagt die Studentin. »Wir gehen diesen Konflikt für sie ein.« Ziel müsse es sein, das Bewusstsein dafür zu verändern, was Menschen als Sexismus empfinden. Jeder Mensch habe persönliche Grenzen. Genau diese gelte es zu respektieren.

Gießen: Betroffene sollen ermutigt werden, Verursacher sollen sich hinterfragen

Die Macher von »Catcallsofgiessen« wollen nicht nur auf Missstände hinweisen. Es gehe ihnen darum, Betroffenen Mut zu machen, ihnen Trost zu spenden. »Niemand muss alleine damit klarkommen«, sagt die 23-Jährige. Außerdem weisen sie auf Beratungsstellen hin oder geben Tipps: Wie sich nicht nur Opfer, sondern auch Zeugen von Belästigung verhalten können.

Die Gießener Studentin hofft, dass durch die Aktion Menschen sensibilisiert und Betroffene animiert werden, von ihren Erfahrungen zu berichten. Nur so könne ein Bewusstsein für die Problematik geschaffen werden. Sogenannte Catcalls seien einfach keine Komplimente oder gar Flirtversuche. Es seien tagtägliche Grenzüberschreitungen und Herabwürdigungen.

Männer, die andere Menschen belästigen, sollten sich hinterfragen, wünscht sich die 23-Jährige: »Wie ginge es ihnen, wenn sie körperlich unterlegen wären und von Fremden solche Sprüche zu hören bekommen würden.« Sie macht eine kurze Pause, bevor sie sagt: »Jeder Mensch findet das schlimm.«

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