Als in Gießen Bücher brannten

  • Karola Schepp
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Am 8. Mai 1933, zwei Tage früher als in anderen Städten, verbrannten Studenten vor der Volkshalle in Gießen Schriften, weil diese angeblich einem "undeutschen Geist" entsprungen waren. Daran erinnert eine Ausstellung in der Uni-Bibliothek. Gießener Prominente lasen zur Eröffnung aus Ernst Glaesers Roman "Jahrgang 1902". Auch sein Buch landete im Feuer – wenn auch nicht bei der Aktion in Gießen.

Es ist fast auf den Tag genau 85 Jahre her, dass sich vor der Gießener Volkshalle knapp 4500 Menschen versammelten, um mit einer "nationalen Kundgebung" den Schulterschluss der Universität mit dem Nationalsozialismus zu vollziehen. Die mehrheitlich politisch weit rechts gesinnte Studentenschaft und der Rektor der "Ludoviciana" hatten dazu aufgerufen. Im Becken der Fontäne vor der Volkshalle ging am 8. Mai 1933 "zersetzendes Schrifttum" in Flammen auf, SA-Mannschaften formierten sich zur Mahnwache, eine SA-Kapelle gab ein Platzkonzert und am Ende zog ein Fackelzug vom Trieb bis zum Uni-Hauptgebäude. Es war die erste offizielle Bücherverbrennung der NS-Diktatur, auch wenn das schreckliche Ritual mit den berüchtigten "Feuersprüchen" nicht im Mittelpunkt der Kundgebung stand.

Warum fand diese Bücherverbrennung früher als in anderen Städten statt? Warum handelten Universitätsleitung und Studentenschaft in vorauseilendem Gehorsam? Und welche Folgen hatte dieses dunkle Kapitel Gießener Geschichte? Diesen Fragen geht eine kleine Ausstellung mit drei Lesetafeln und einer Vitrine voller Bücher im Zeitschriftenlesesaal der Uni-Bibliothek nach.

Zur gut besuchten Eröffnung am Dienstagabend lasen elf namhafte Vertreter der Gießener Öffentlichkeit nacheinander Passagen aus Ernst Glaesers Roman "Jahrgang 1902". Den Lesemarathon eröffnete an ihrem letzten Tag im Amt Kulturamtsleiterin Simone Maiwald, als Vorleser folgten Prof. Claus Leggewie, Monika Graulich vom Verein Gegen vergessen, Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, Dekan Frank-Tilo Becher, Uni-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee, Gießener-Allgemeine-Chefredakteur Dr. Max Rempel, Dr. Michael Breitbach vom Geschichtsverein, Kulturredakteur Björn Gauges und Dow Aviv, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Gießen. Sie alle fanden im permanent wechselnden Publikum aufmerksame Zuhörer.

Vorauseilender Gehorsam

Vor dem fast dreistündigen Lesemarathon berichtete Uni-Archivarin Dr. Eva-Maria Felschow von den Hintergründen des 8. Mai 1933. Germanistin Dr. Kirsten Prinz erinnerte an den Butzbacher Autor Ernst Glaeser, seinen widersprüchlichen Ruf als verfemter Autor, Exilant und späterer Rückkehrer ins Reich – und seinen Roman über die verlorene Generation des "Jahrgang 1902".

Es sei die Angst der "Ludoviciana" vor einer drohenden Schließung gewesen, die den Anlass für die Aktion am 8. Mai 1933 gegeben habe, berichtete Felschow. Rektor Adolf Jeß gelobte den Führern und der hessischen Heimat "treue Gefolgschaft", Rassenhygieniker Prof. Philaletes Kuhn hielt eine fanatische Rede und der hessische Staatspräsident Dr. Ferdinand Werner, der selbst in Gießen promoviert hatte und ein Alter Herr der Burschenschaft Chattia war, forderte die Wissenschaftler auf, sich zu den "im deutschen Blut wirkenden Gesetzen zu bekennen".

"Weniger aus Überzeugung, denn aus Opportunismus", so Felschow, habe die "Ludoviciana" mit dieser Kundgebung ihre "Ergebenheit gegenüber den neuen Machthabern zum Ausdruck bringen wollen" und sich öffentlich den Nationalsozialisten unterworfen. Im Feuer landeten wohl keine Bücher, sondern Pakete mit Zeitschriften, doch damit habe sich die Universität "von der Freiheit des Geistes" verabschiedet. Die kleine Landesuniversität wollte damit der drohenden Schließung entgegenwirken, konnte aber dennoch den Abstieg unter den Nationalsozialisten nicht verhindern. Der Rektor wurde künftig vom Reichsstatthalter eingesetzt, von den 125 Professoren und 38 Dozenten im Jahr 1933 wurden 26 Professoren sowie sieben Assistenten und Lektoren aus dem Dienst entfernt, jüdische Studenten, und vor allem Studentinnen, wurden ausgegrenzt, und ehemaligen Absolventen der Doktorgrad entzogen. Von den rund 2000 Studenten im Jahr 1933 blieben im Sommersemester 1942 nur noch 607 übrige, und die studierten fast ausschließlich Human- oder Tiermedizin.

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