1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Prominenter Buchhändler muss sich Untreueverdacht stellen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Kays Al-Khanak

Kommentare

Das Untreue-Verfahren gegen einen Buchhändler wird am Amtsgericht Gießen fortgesetzt.
Das Untreue-Verfahren gegen einen Buchhändler wird am Amtsgericht Gießen fortgesetzt. © Oliver Schepp

Das Untreue-Verfahren gegen Dieter Schormann in Gießen geht nach jahrelanger Pause weiter. Der Buchhändler bestreitet die Tatvorwürfe weiterhin.

Gießen – Vor vier Jahren wurde das Untreue-Verfahren gegen Dieter Schormann, ehemals Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und Chef der Universitätsbuchhandlung Holderer, vertagt. Nun hat vor dem Amtsgericht Gießen ein neuer Anlauf begonnen. Doch viele der vorgeworfenen Taten sind verjährt – und Schormann bestreitet eine Beteiligung.

Die Fliege und der Seidenschal waren sein Markenzeichen. Dieter Schormann war in seiner Stadt vor vielen Jahren ein Protagonist des Gießener Einzelhandels, sein Wort hatte Gewicht. Als Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels war er bundesweit bekannt. Waren, hatte - das alles ist Vergangenheit. Heute lebt der 76-Jährige zurückgezogen und in einfachen Verhältnissen in einer Kreiskommune.

Dies hängt mit dem Jahr 2018 zusammen: Die Staatsanwaltschaft Gießen hatte Schormann Untreue in 50 Fällen vorgeworfen. Doch das Verfahren war auch wegen einer Erkrankung des Angeklagten vertagt worden. Weil bei dem Tatbestand eine Verjährung nach fünf Jahren eintritt, geht es beim Prozessauftakt vor dem Amtsgericht am Dienstag (17. Mai) nur um vier Tatvorwürfe, die sich zwischen 2012 und 2015 zugetragen haben sollen. Der Angeklagte bestreitet sie.

Gießen: Buchhändler hebt tausende Euro von Geschäftskonten ab

Vor dem Prozessbeginn sitzt der gelernte Buchhändler vor einem Sitzungssaal und ist in ein Buch vertieft. Schormann ist tadellos gekleidet, mit einem Schal - aber ohne Fliege. Er wirkt nachdenklich. Das verwundert nicht. Denn gleich beginnt das Verfahren, in dem er auf turbulente, schmerzhafte Jahre zurückblicken wird. Wie Staatsanwalt Matthias Rauch in der Anklageverlesung schildert, war Schormann ab 2008 zusammen mit einer weiteren Person geschäftsführender Gesellschafter der Unibuchhandlung Holderer am Seltersweg.

Schormann habe dabei ohne Wissen seines Mitgesellschafters im Sommer und November 2012 von den Geschäftskonten insgesamt 6600 Euro abgehoben. Damit habe er Schulden aus seinen früheren Geschäften begleichen wollen. Vorgeworfen wird ihm auch, zwischen 2012 und 2013 den Arbeitnehmeranteil bei den Beiträgen für die Krankenversicherung einer Angestellten in Höhe von rund 1200 Euro vorenthalten zu haben. Zudem habe er seinen Mitgesellschafter nicht über Zahlungsrückstände informiert. So hätten Forderungen nicht beglichen werden können. Die Folge: Inkassokosten von rund 10.300 Euro.

Gericht in Gießen: Anwalt verließt Erklärung

Über seinen Anwalt Alexander Hauer lässt Schormann zuerst eine Erklärung verlesen, in der die Arbeitsaufteilung bei Holderer nachgezeichnet wird. Er selbst sei für das Buchhändlerische zuständig gewesen, sein Kompagnon als ehemaliger Verkaufsleiter für die Buchhaltung. Kennengelernt habe er diesen im Fisch-Restaurant im Karstadt. Der Mann habe ihn angesprochen, weil er ein Buch geschrieben hatte und Schormanns Meinung hören wollte. Schormann sagt, er sei begeistert gewesen und habe das Buch verlegt.

2005 dann ein tiefer Einschnitt in Schormanns Karriere: Thalia kommt nach Gießen. Er habe als Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und Chef der Ferberschen Buchhandlung »nie gedacht«, dass man ihn »in Gießen angreift«. Einem Wettbewerb mit der Kette habe er sich wegen seines Alters nicht gewachsen gefühlt. Bei Gesprächen mit Thalia sei ihm klargemacht worden, man werde seine Mitarbeiter nur übernehmen, wenn er die »Ferbersche« schließe. »Ich bin diesem Deal gefolgt, mit der Konsequenz, dass ich mein Vermögen verloren habe«, sagt er. Drei Jahre lang sei er noch bei Thalia tätig gewesen, habe dann mit dem späteren Holderer-Mitgesellschafter ein Antiquariat eröffnet. Als die beiden Männer mit der Liebe zu Büchern erfahren hätten, dass die Inhaberin von Holderer ihr Geschäft verkaufen will, hätten sie sich 2008 erneut zusammengetan.

Gießen: Schormann bestreitet Tatvorwürfe

Die Arbeitsaufteilung der Männer ist für Hauer wichtiges: Hier der Buchhändler mit dem Netzwerk, dort der Kaufmann. Für die Gehaltsauszahlung an Mitarbeiter sei sein Mandant nicht zuständig gewesen. Außerdem habe neben Schormann der Mitgesellschafter eine Bankkarte und damit Zugriff auf das Konto gehabt, von dem die 6600 Euro abgehoben wurden. Schormann erinnere sich nicht daran, dies getan zu haben. Und auch ein bewusstes Verheimlichen von Forderungen von Gläubigern sei nie erfolgt.

Schormann sagt, nachdem das Geschäft in den ersten Jahren gut gelaufen sei, seien die Verbindlichkeiten 2013 zu hoch gewesen, um sie zu begleichen. Seine Frau sei dann schwer erkrankt, und sie hätten ihr gemeinsames Haus verkaufen müssen. »Ich hatte keinerlei Kraft, mich in dieser Zeit um irgendwas zu kümmern.« In dieser Endphase der Buchhandlung Holderer sei auch das Verhältnis zu seinem Mitgesellschafter irreparabel in die Brüche gegangen.

Gericht in Gießen: Richterin bremst Belastungszeugen

Im Zeugenstand erneuert der Mitgesellschafter die Vorwürfe gegen Schormann. Dieser habe Rechnungen und Mahnungen unterschlagen, »die habe ich nie zu Gesicht bekommen. Ich bin ein ehrbarer Kaufmann, das wäre mit mir nicht möglich.« Auf die Nachfrage von Richterin Sonja Robe, ob er als Verantwortlicher für die Buchhaltung die Rechnungen und Kontoauszüge nicht regelmäßig kontrolliert habe, antwortet der 79-Jährige: »Wissen Sie, das ist eine Frage des Vertrauens.« Und dieses Vertrauen habe er in Schormann als Freund auch gehabt. Die Gehaltsauszahlung an Mitarbeiter habe anfangs er übernommen, aber später ein von Schormann installierter Steuerberater. »Das war ein Teil des Betrugs«, sagt er. Weil für diese Anschuldigungen aber keine konkreten objektiven Beweise vorliegen, muss Robe den Mann immer wieder bremsen: »Was Sie sagen, sind Vermutungen.«

Als der Mitgesellschafter erzählen will, wie er Schormann im Fischrestaurant kennengelernt hat, geht Robe erneut dazwischen: »Es geht hier nicht um Männerfreundschaften, die in die Brüche gehen.« Am Ende geht es vor allen Dingen auch um einen einst geschätzten Mann, der aufgrund der Vorwürfe seine gesellschaftliche Reputation verloren hat. Schormann sagt: »Nachdem die Zeitung über diese Vorwürfe berichtet hat, war ich in Gießen ein toter Mann. Ich wurde nicht einmal mehr als Lesepate in die Schule meiner Tochter eingeladen.« (Kays Al-Khanak)

Nur zwei Tage später steht dann fest: Der Prozess am Amtsgericht Gießen gegen Schormann wird eingestellt.

Auch interessant

Kommentare