Paul Düsterhöft hat wegen Corona schwer zu kämpfen. 	FOTO: SCHEPP
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Paul Düsterhöft hat wegen Corona schwer zu kämpfen. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

„Boom Jack“ in Gießen: Wie Paul Düsterhöft vom Partyjünger zum Geschäftsmann wurde

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Paul Düsterhöft ist der Chef von „Boom Jack“, ein Geschäft für Mode und Wohnaccessoires in Gießen. Der 38-Jährige, der sich in der Region auch einen Namen als Partyveranstalter und DJ gemacht hat, leidet stark unter Corona.

Gießen – Paul Düsterhöft kommt mit dem Rennrad zum Laden. Er trägt eine Schiebermütze, Strickpulli und Oldschool-Sneaker. Das Outfit des Gießeners wirkt schick, aber auf eine alternative Weise. So gesehen ist er ein guter Repräsentant dessen, was er in seinem Geschäft »Boom Jack« anbietet. Zumindest, wenn nicht gerade eine globale Pandemie das Leben stillstehen lässt. »Corona macht mir schwer zu schaffen«, sagt Düsterhöft. »Ich sehe gerade, wie der Laden, nachdem ich die letzten Jahre so viel Energie reingesteckt habe, den Bach runtergehen könnte.« Für den 38-Jährigen ist das doppelt bitter. Schließlich war seine Karriere nach einigen unsteten Jahren gerade im Begriff, Fahrt aufzunehmen.

„Boom Jack“ in Gießen: Als Partyveranstalter gestartet

Düsterhöft ist Anfang der 80er Jahre in Wetzlar geboren und aufgewachsen. Er ist also ein Millennial, oder ein Vertreter der Generation Y, wie auch immer man es nennen will. Er wuchs in einer Zeit heran, in der deutscher Hip Hop bewies, mehr zu können als »Die da« von den Fantastischen Vier. Kool Savas, Sammy Deluxe, Afrob, Freundeskreis und viele weitere sorgten dafür, dass aus den Jugendzimmern des Landes massive Töne dröhnten. Bei Düsterhöft war es nicht anders. »Ich fand den ganzen Hip-Hop-Lifestyle gut. Wir haben damals auch Grafitti gemalt und selber Musik gemacht.« Und da niemand Düsterhöft und seine Clique zum Auflegen einlud, organisierten die Jungs einfach selber Partys in Wetzlar, später vor allem im Technobereich. Jahrelang waren Feiern und Kulturveranstaltungen das Hauptaugenmerk des jungen Mannes. Er versuchte auch, diese Leidenschaft zum Beruf zu machen. Allerdings vergebens .

Nach dem Schulabschluss hatte Düsterhöft andere Dinge im Sinn, als seine Karriere voranzutreiben. »Nach meinem Zivildienst war ich ein Jahr in Australien und habe mich dann eine ganze Weile lang mit Gastro-Jobs und als DJ über Wasser gehalten.« Ein Lehrgang für Eventmanagement an der Messe in Frankfurt absolvierte er zwar, seine Bewerbungen um eine diesbezügliche Ausbildungsstelle verliefen jedoch erfolglos. Wobei Düsterhöft kein Geheimnis daraus macht, in jener Zeit nicht das größte Engagement an den Tag gelegt zu haben. »Ich habe damals viel gekifft und nicht sonderlich viel auf die Reihe bekommen.« Mit 27, Düsterhöft wohnte bereits vier Jahre lang in Gießen, zog er einen Schlussstrich. Unter das Rumhängen, aber auch unter die mittelhessische Provinz. Und so zog er zusammen mit seiner damaligen Freundin nach Berlin. Er ließ nicht nur seine Heimat zurück, sondern auch seine Mutter.

„Boom Jack“-Inhaber: „Mein Vater war immer ein Fremder für mich“

»Zu meinem Vater habe ich keinen Kontakt. Er war nie da«, sagt Düsterhöft. Phasenweise habe es an den Geburtstagen zwar Anrufe gegeben, eine wirkliche Beziehung sei daraus aber nicht entstanden. »Ich habe daher relativ früh für mich entschieden, dass ich keinen Kontakt mehr haben wollte. Mein Vater war immer ein Fremder für mich«, sagt Düsterhöft. Man merkt dem 38-Jährigen nicht an, was ihm bei diesen Sätzen durch den Kopf geht. Er sagt aber: »Ich habe nie etwas vermisst.«

Seine Mutter, die seit Jahrzehnten als Goldschmiedin in der Wetzlarer Innenstadt einen gut etablierten Handwerksbetrieb mit internationalem Publikum betreibt, hat den Sohn also alleine großgezogen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Düsterhöft mit Frauen besser klarkommt und früh gelernt hat, selbstständig zu sein. »In der Schule und der Uni habe ich zum ersten Mal realisiert, dass ich bei der Anwesenheit von autoritär wirkenden Männern nicht so frei sprechen kann. Bei Frauen hingegen bin ich viel lockerer«, sagt Düsterhöft und fügt lächelnd hinzu: »Vielleicht hat die Toilettenlektüre von Brigitte, Vogue und Co. dazu geführt, dass ich einen guten Geschmack im Bereich Damenmode entwickelt habe. . .«

„Boom Jack“ in Gießen: „Gutes Gespür“ hilft Düsterhöft

Auch während seiner Zeit in Berlin, wo Düsterhöft Marketing und Kommunikation studierte, fuhr er regelmäßig in die alte Heimat und organisierte Partys und Kulturveranstaltungen. Dazu gehörte auch die Idee, in der alten Euler-Brauerei ein Pop-up-Event zu veranstalten, auf dem neben Musik auch Mode und Design-Objekte vorgestellt werden sollten, die dann über einen Onlineshop zu kaufen sein sollten.

»Kurz vor dem Start hat uns die Versicherung aber einen Strich durch die Rechnung gemacht«, sagt Düsterhöft. Stattdessen habe er in der Wetzlarer Innenstadt ein leer stehendes Geschäftsgebäude nutzen können und sein Projekt dort in abgesteckter Form gezeigt. Aber schon damals sei ihm klar geworden, dass er lieber etwas Dauerhaftes betreiben wolle. »Es wäre einfach Quatsch gewesen, alle Produkte immer wieder quer durch Deutschland zu schaffen.« Diese Erkenntnis war die Geburtsstunde seines ersten stationären »Boom Jack«-Ladens in Wetzlar, für den er Berlin den Rücken kehrte. Vor drei Jahren kam dann die Filiale in Gießen hinzu.

Düsterhöft hat sich von einem Partyjünger zu einem Geschäftsmann entwickelt. Und im Gegensatz zu anderen Vertretern der Branche betreibt er auch keine Augenwischerei. »Es mag sein, dass ich ein gutes Gespür für Damenmode habe. Dass ich mich darauf konzentriert habe, liegt aber vor allem daran, dass Frauen mehr Mode einkaufen«, sagt Düsterhöft, der neben diversen Einrichtungsgegenständen trotzdem eine Auswahl an Männerkleidung anbietet. Auch die Tatsache, dass derzeit 90 Prozent der Kleidung biologisch produziert und/oder fair gehandelt wurden, hat nicht nur ethische, sondern auch monetäre Gründe. »Mir ist bewusst, welchen Einfluss mein Handeln auf die Umwelt hat. Ich versuche daher, das Thema Nachhaltigkeit in der Modeindustrie zu etablieren. Deswegen gibt es seit Kurzem auch eine gut recherchierte Wissensdatenbank für Mitarbeiter und Kunden in unserem hauseigenen Onlineshop.« Düsterhöft sagt aber auch, dass der nachhaltige Aspekt für viele Menschen ein zusätzlicher Kaufanreiz ist, und er dieses Segment nicht zuletzt deshalb ausgeweitet hat. Klar: Am Ende des Tages zählt der Umsatz. Und ohne den kann der Gießener auch keine umweltfreundliche Kleidung anbieten.

Corona hat gravierende Folgen für „Boom Jack“ in Gießen

Momentan bleibt die Tür jedoch geschlossen. Was für Düsterhöft gravierende Folgen hat. Eine der langjährigsten Mitarbeiterinnen habe er schon bitten müssen, sich einen neuen Job zu suchen. Das Online-Geschäft laufe zwar ordentlich, könne den Verlust aber nicht auffangen. »Wir waren für 2020 richtig gut aufgestellt und hätten erstmals schwarze Zahlen geschrieben. Doch dann hat uns Corona alles zunichte gemacht.« Die geschäftlichen Probleme haben auch Auswirkungen auf seine Psyche, gesteht Düsterhöft. »Ich habe einen schlechten Rhythmus und schlafe sehr schlecht. Mir tut das alles nicht gut.«

Bleibt für den Gießener zu hoffen, dass sein Laden die Krise gut überstehen wird. Zumal der Geschäftsführer schon die ein oder andere Entwicklung für die Zeit nach dem Lockdown angestoßen hat. Spruchreif sind sie aber noch nicht. Es bleibt also spannend am Johannette-Lein-Platz.

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