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Zur Gießener Mahnwache nach der Bluttat von Hanau kamen rund 500 Menschen.

Terror in Hanau

Bluttat von Hanau mit Auswirkungen auf Gießener Faschingsumzug - "Anschlag auf unsere Werte"

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    Kays Al-Khanak
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Die unfassbare Bluttat von Hanau sorgt auch in Gießen für Trauer, Entsetzen und Wut. Rund 500 Menschen nahmen an einer Mahnwache teil. Neuigkeiten gibt es zum Faschinungsumzug. 

Gießen - "Schon wieder", mag am Donnerstagabend der ein oder andere in der Menschenmenge auf dem Kirchenplatz gedacht haben. Es war die dritte Mahnwache seit dem vergangenen Sommer, zu der sich Gießener versammelt hatten, weil rechtsextremistisch und rassistisch gesinnte Täter gemordet haben. Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde im vergangenen Sommer ebenso zu ihrem Opfer wie zwei Menschen beim Synagogen-Anschlag von Halle im Oktober und nun die zehn Frauen und Männer, darunter neun mit Migrationshintergrund, am Mittwochabend im hessischen Hanau.

Nachdem am Donnerstag im Laufe des Tages Ausmaß und Tatmotive bekannt wurden, riefen verschiedenste Gießener Institutionen an der Teilnahme zu der Mahnwache auf. Von einem "sehr traurigen Abend" sprach DGB-Geschäftsführer Matthias Körner und verwies darauf, dass in immer kürzeren Abständen über Damm- und Tabubrüche sowie überschrittene rote Linien diskutiert werden müsse. Allerspätestens jetzt müsse die Gesamtgesellschaft aufstehen und sagen: "Es reicht".

Gießen: "Dass der Täter psychisch krank gewesen sein soll, kann uns nicht beruhigen"

Stellvertretend für alle christlichen Kirchen und die anderen Religionsgemeinschaften in Gießen brachte der evangelische Dekan André Witte-Karp Trauer über die Opfer zum Ausdruck. "Dass der Täter psychisch krank gewesen sein soll, kann uns nicht beruhigen", sagte Witte-Karp. Wieder einmal seien "aus Worten, die unser friedliches Zusammenleben zersetzen wollen, Taten geworden".

Da sich unter den Opfern wohl vier oder fünf Menschen kurdischer Abstammung befinden, hielten Geschäftsführer Kemal Deniz und Mehmet Bachilli von der Kurdischen Gemeinde Deutschland zwei kurze Ansprachen. Deniz sagte, die Bluttat von Hanau reihe sich ein in eine Serie "nationalsozialistischer Mordanschläge". Die Verantwortlichen in Politik und Sicherheitsbehörden müssten energischer dagegen vorgehen.

Gießen: Mahnwache endete mit einer Gedenkminute nach Terror von Hanau

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz bezeichnete die Taten als "Anschlag auf unsere Werte und damit auf uns alle." Wie sie der GAZ am Rande der Mahnwache sagte, hatte sie ihrem Hanauer Amtskollegen Claus Kaminski, den sie gut aus der SPD und dem Hessischen Städtetag kennt, tagsüber schriftlich kondoliert. "Er ist einer meiner liebsten Kollegen im Städtetag. Es ist eine ganz fürchterliche Vorstellung, so etwas in der eigenen Stadt erleben zu müssen". Ausschließen könne man es gleichwohl nicht. "Hanau ist überall", sagte Grabe-Bolz.

Die knapp halbstündige Mahnwache endete mit einer Gedenkminute. Posaunisten des Stadttheaters umrahmten die Veranstaltung mit drei Stücken musikalisch. Dekan Witte-Karp bedankte sich bei den rund 500 Teilnehmern für ein "Zeichen der Trauer, Anteilnahme und Solidarität".

Aufgrund der Ereignisse in Hanau hatte die Stadt den für Donnerstag geplanten närrischen Sturm auf Rathaus abgesagt. "Uns ist angesichts der vielen Toten in unserer hessischen Nachbarschaft und der offensichtlichen Bedrohung durch rechten Terror nicht zum Feiern zumute. Ein fröhlicher Sturm auf das Rathaus passt nicht zu einem Tag, an dem wir entsetzt und traurig sind", begründete Grabe-Bolz die Absage. Am Rathaus sowie vor anderen öffentlichen Gebäuden hingen die Fahnen von Gießen, Hessen und Deutschland auf halbmast.

Fassenachtszug am Sonntag mit Schweigeminute oder Plakaten

Wie in anderen Städten auch, wird der Gießener Fassenachtszug am Sonntag stattfinden. Im Zuge der rassistisch motivierten Morde von Hanau am Mittwochabend habe die Gießener Fassenachts-Vereinigung (GFV) das Gespräch mit dem Dachverband - Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval - gesucht, sagte der GFV-Präsident Arndt Niedermayer. Die habe dazu geraten, die Saalveranstaltungen und den Straßenumzug stattfinden zu lassen. Geplant sei jedoch, der Opfer zu gedenken. "Ob das in einer Schweigeminute geschieht oder in Form von Plakaten während des Zugs, diskutieren wir noch", sagte Niedermeyer.

Den rassistische Anschlag des 45-jährigen Deutschen bezeichnet der GFV-Präsident als schlimm. Er betont aber auch: "Das Leben muss weitergehen." Dass der Umzug abgesagt wird, kommt in Gießen selten vor. So verzichtete die GFV wegen des Golfkriegs 1991 auf ihre gesamte Kampagne. Weitere Veranstalter wie der Club 68 und der TSV Kleinlinden schlossen sich an.

Der Umzug soll am Sonntag um 13.33 Uhr in der Ringallee mit etwa 90 Zugnummern starten. Es werden einige Zehntausend Besucher erwartet.

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