Shadi Souri hat die Chancen genutzt, die ihm das Leben in einem freiheitlichen Land bietet. 
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Shadi Souri hat die Chancen genutzt, die ihm das Leben in einem freiheitlichen Land bietet. 

Mensch, Gießen

Shadi Souri: Die bewegende Geschichte hinter dem Macher von Pasta- und Pizza-Wolke

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der 28-Jährige Shadi Souri hat das gastronomische und kulturelle Angebot in Gießen bereichert. Souri lebt hier die Freiheit aus, die seine Eltern im iranischen Regime nicht hatten. Ein Porträt.

Gießen - Shadi Souri war sechs Jahre alt, als die Männer kamen. Sie wussten, dass sein Vater, der im Iran mehrere Konditoreien betrieb, in der Mittagspause immer zu Hause aß. Also klingelten sie und sagten, sie seien Freunde der Familie. Waren sie aber nicht. Sondern Anhänger der Mullahs. Sie nahmen den Vater mit. 27 Tage später - seine Läden hatten die Machthaber längst dichtgemacht - stand der Vater wieder vor der Tür. Mehr tot als lebendig, wie Souri sagt. "Sie haben ihn gefoltert, weil er mit dem Christentum sympathisiert und das Regime kritisiert hat." Das war der Punkt, an dem die Familie beschloss, den Iran zu verlassen.

Heute, 22 Jahre später, sitzt Souri in seinem eigenen Restaurant in der Wolkengasse 10. Er hat die Möglichkeiten, die ihm das Leben in einem freiheitlichen Land geboten hat, am Schopf gepackt. Souri betreibt in Gießen mit der "Pizza Wolke" und der "Pasta Wolke" zwei Lokale. Mit seinen Pop-up-Parties und der Bühne auf dem Stadtfest beteiligt er sich zudem am kulturellen Leben der Stadt, und nicht zuletzt lebt er als praktizierender Christ den Glauben aus, für den sein Vater einst misshandelt wurde. Souri macht das alles mit viel Hingabe. Und wer seine Leidenschaften auslebt, schießt manchmal über das Ziel hinaus. Das haben zum Beispiel Anwohner der Johannesstraße bei Souris erster Pop-up-Party zu spüren bekommen. Die Musik war viel zu laut. Aber schon bei der zweiten Auflage hatte er gelernt. Denn er weiß: Sich an Regeln zu halten, erhöht auf Dauer die kreative Freiheit. "Und ich bin sehr dankbar", sagt der 28-Jährige, "dass ich hier diese Freiheiten habe."

Gießen: In Flüchtlingsunterkunft im Meisenbornweg gestrandet

Den Iran verließen die Souris im Jahr 2000. Sie strandeten in der Flüchtlingsunterkunft im Meisenbornweg. Kurz darauf zog die Familie nach Herborn. Glücklich wurde sie im Lahn-Dill-Kreis aber nicht. "Als Ausländer war es dort nicht leicht", sagt Souri, "mein Papa hat das besonders bei der Arbeitssuche zu spüren bekommen." Das Hobby des Sohnes hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass seine Eltern bald den nächsten Umzug wagten. "Ich habe damals bei der TSG Wieseck gekickt. Meine Eltern hatten aber irgendwann keine Lust mehr, mich jede Woche so weit zum Fußball zu fahren." Und da in der Universitätsstadt auch die beruflichen Perspektiven vielversprechender waren, zog die Familie 2005 nach Gießen.

Souris Vater arbeitete zunächst in den Küchen der Stadt, bevor er sich in der Wolkengasse selbstständig machte. "Da drüben", sagt Souri und zeigt auf den benachbarten Imbissstand, "hat mein Papa angefangen. Später ist er dann hierher umgezogen und hat das 'Cafe Wolke' betrieben."

Während Souri über seinen Vater spricht, sind hinten in der Küche seine Mitarbeiter zugange. Das ganze Team umfasst insgesamt 30 Männer und Frauen. Viel Verantwortung für einen jungen Chef. Gut, dass der 28-Jährige einst auf den Rat seines Vaters gehört hat.

Für Souri war früh klar, dass er in die Gastronomie wollte. Trotzdem schlug er zunächst einen anderen Weg ein. "Mein Papa hat zu mir gesagt: Du willst Gastronom werden? Kein Problem - lern’ erstmal rechnen." Der Vater wusste, wovon er sprach. Die teils komplizierten Regelungen in der deutschen Gastronomie hatten ihn nicht nur einmal verzweifeln lassen. Er verfluchte die Bürokratie deswegen aber nicht. Im Gegenteil, wie sein Sohn betont. "Er hat immer gesagt: Wenn es anders wäre, wäre Deutschland wie der Iran."

Gießen: Notstand führt zu zweitem Laden

Und so zog Souri nach seiner Zeit an der Herderschule nach München und begann eine kaufmännische Ausbildung. Parallel jobbte er in einer der berühmtesten Bars der Welt, dem Schumann's. Nach seinem Abschluss ging Souri nach Frankfurt und wurde stellvertretender Barchef in einem angesagten Restaurant. Später machte er sich mit einer eigenen Bar selbstständig. Es war aber nicht das Mixen von Cocktails, das sein kulinarisches Herz höher schlagen ließ. Sondern das wohl beliebteste Gericht der Welt: Pizza.

"Ich war 2011 das erste Mal in Neapel. Mein damaliger Chef kam aus der Gegend und hatte mir angeboten, bei seiner Familie Urlaub zu machen." Souri verliebte sich sofort in die süditalienische Stadt. Vor allem aber in ihr Leibgericht. Als dann sein Vater an Rheuma erkrankte und das Café Wolke aufgeben wollte, war für den Sohn klar: Ich übernehme den Laden und backe Pizza in meiner Heimatstadt.

Souri ist in Sachen Pizza Fundamentalist. Für seinen Teig nutzt er Caputo Mehl Typ 00, Hefe, Salz und Wasser. Mehr nicht. Die Soße besteht aus San-Marzano-Tomaten. Sowohl das Mehl als auch die Tomaten holt er selbst in Italien ab. Das Gemüse stammt hingegen vom Gießener Wochenmarkt, die Wurst vom heimischem Metzger, der Mozzarella aus einer Offenbacher Käserei. Bevor der Teig für 90 Sekunden in den mindestens 450 Grad heißen Ofen kommt, lässt Souri ihn 72 Stunden ruhen. "Das ist auch der Grund, warum wir so häufig ein Ausverkauft-Schild an die Tür gehängt haben", sagt Souri. "Das war kein Marketing-Gag. Wir hatten einfach nicht genügend Platz, um ausreichend Teig zu kühlen."

Diesen Notstand hat Souri seinem zweiten Laden zu verdanken. Als der benachbarte Blumenladen frei wurde, mietete Souri ihn an. "Eigentlich wollten wir daraus ein Kühlhaus machen. Doch dann hatten wir eine andere Idee." Was ist neben der Pizza das zweitliebste Gericht der Italiener? Richtig, Pasta.

Gießen: Tragische Zeit vor Eröffnung der "Pasta-Wolke"

So traditionell Souri in seiner Pizzeria denkt, so experimentierfreudig geht er in der "Pasta Wolke" vor. "In Gießen gibt es viele sehr gute klassische Pastaläden. Daher wollte ich etwas anderes machen." Er räumt aber auch ein, dass er nach der Eröffnung 2018 mit Startschwierigkeiten zu kämpfen hatte.

"Ich habe einen angeborenen Herzfehler", sagt Souri. Eines Nachts, sechs Wochen vor der Eröffnung, habe er eine Vorstufe eines Infarkts erlitten. Zweimal musste er operiert werden, danach ging es in die Reha. Er verpasste also die ersten Monate seines neuen Ladens. "In dieser Zeit haben wir viel Kredit verspielt." Doch das stört Souri nicht mehr. Zumal die Pasta Wolke eine gute Entwicklung genommen habe. Aktuell scheint den Gießener etwas anderes viel mehr zu berühren.

Souri denkt in diesen Tagen häufig an sein Herkunftsland. Nach dem Abschuss einer ukrainischen Passagiermaschine wagen sich dort immer mehr Menschen auf die Straße, um gegen das System zu protestieren. "Ich kriege Gänsehaut, wenn ich daran denke", sagt Souri und zeigt die aufgestellten Härchen auf seinem Unterarm. Am liebsten würde er selbst in den Iran fliegen und mitdemonstrieren, sagt er. Seine leidenschaftliche Art lässt vermuten, dass dahinter mehr als hohle Worte liegen. Das Einreiseverbot, das für die Familie noch immer gilt, hindert ihn jedoch daran.

Stattdessen konzentriert er sich auf sein Leben in Gießen. Vielleicht ist es der sinnvollste Weg, den Mut seiner Eltern zu würdigen. Das Beste aus der Freiheit machen, für die seine Eltern so viel geopfert haben.

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