Blicken sorgenvoll auf die Situation in der Neustadgiessen-baustelle-neustadt-laesst-geschaeftsleute-verzweifeln-denke-werde-laden-schliessen-muessent (v. l.): Susen Coulter (Langos-Imbiss), Samar Aoad (Tim’s Tasty), Tim Pflästerer (Coffee One) und Hildegard Boakye (African Baazar).
+
Blicken sorgenvoll auf die Situation in der Neustadt (v. l.): Susen Coulter (Langos-Imbiss), Samar Aoad (Tim’s Tasty), Tim Pflästerer (Coffee One) und Hildegard Boakye (African Baazar).

Verkehrsprobleme

Gießen: Geschäftsleute in der Neustadt sind besorgt - Baustelle mit bitteren Auswirkungen

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
    schließen

Die Sperrung in der Gießener Neustadt wird noch Monate bleiben, und danach läuft vor ihren Türen ein Verkehrsversuch. Nicht jeder Laden wird das überstehen.

Wir haben geöffnet... trotz Baustelle", steht auf der Tafel auf dem Gehweg in der Neustadt. Tim Pflästerer, Geschäftsführer des Coffee One, hat sie aufgestellt. Das Wort Baustelle hat er sehr kleingeschrieben, aber die Sperrung ist auch für seinen Laden ein großes Problem. Erst recht, nachdem in der vergangenen Woche bekannt geworden ist, dass die Neustadt noch über Monate gesperrt bleiben muss, weil die archäologische Baubegleitung den ursprünglichen Zeitplan durcheinandergewirbelt hat. "Ich werde einen Mitarbeiter entlassen müssen", sagt Pflästerer.

Kurzfristig haben Sandy Walldorf und ihre Mitarbeiterin Susen Coulter am Dienstagvormittag einige Geschäftsleute aus der vorderen Neustadt zusammengetrommelt. Vor eineinhalb Jahren hatte Walldorf ihren Langos-Imbiss als "zweites Standbein" neben ihrem Geschäft auf Volksfesten eröffnet. Jetzt steht der Laden vor dem Aus. Seit die Neustadt gesperrt ist, sei der Umsatz um 60 Prozent zurückgegangen. "Ich denke, ich werde den Laden schließen müssen", sagt Walldorf.

So schlecht steht es um die anderen Geschäfte (noch) nicht, aber auch deren Vertreter berichten von großen Umsatzeinbußen. "50 Prozent sind weggefallen", sagt Hildegard Boakye (Lesen Sie auch: Neustädter Tor mit großer Neueröffnung - Nächste Schritte zur Neuausrichtung stehen an). Seit sechs Jahren verkauft sie afrikanische Spezialitäten im African Baazar. "Viele unserer Kunden kommen von außerhalb, aber seit der Bus nicht mehr hält und keine Parkplätze zur Verfügung stehen, kommen viele einfach nicht mehr", erzählt Boakye. Auch der Lieferant bleibt weg. "Dem ist das zu stressig, mit dem Lkw hier reinzufahren. Mein Chef muss die Ware in Frankfurt abholen", erzählt sie. Ähnliche Probleme hat der Asia Center, der ebenfalls viel auswärtige Kundschaft hat. "Die Leute haben keine Lust mehr, in die Stadt zu fahren", sagt Geschäftsführerin Le My Tron. Von einer 30-prozentigen Umsatzeinbuße spricht Samar Aoad von Tim’s Tasty. Für den Lieferservice bedeuteten die Straßensperrung und der Wegfall der Kurzzeitparkplätze ein "Riesenproblem". Und bei dem könnte es bleiben, wenn nach Beendigung der Baustelle im nächsten Jahr der von der Stadt angekündigte Verkehrsversuch mit einer Einbahnstraßenregelung anlaufe, befürchten sie alle.

Gießen: Kritik an Kommunikationspolitik

Von dem Verkehrsversuch und der verlängerten Sperrung haben die Geschäftsleute aus der Zeitung erfahren und kritisieren die Kommunikationspolitik der Stadt. "Das muss man doch mit den Leuten, die hier wohnen und arbeiten, vorher besprechen", sagt Tim Pflästerer und schüttelt den Kopf. Die Ankündigung des Verkehrsversuchs wirkt auf ihn "aktionistisch"; die positive Wirkung, die sich die Stadt davon verspreche, stellen die Ladenbetreiber in Frage. "Was soll es der Umwelt bringen, wenn die Liefer-Lkw einen Umweg um den ganzen Block fahren müssen?", fragt Susen Coulter.

Auch die Umstände, die wohl zur Verlängerung der Sperrung bis ins neue Jahre hinein führen werden, werden kritisch hinterfragt. Dass die Stadt die Bodenarchäologen des Landesdenkmalamts nicht frühzeitig in die Planung der Baustelle eingebunden habe, sei unverständlich. "Dass man in diesem Bereich auf alte Mauern stößt, das kann man sich doch denken", meint Pflästerer.

Dass er und alle anderen auch in der umsatzträchtigen Adventszeit mit diesen Widrigkeiten und Ungewissheiten klarkommen müssen, ist eine bittere Pille. "Nichts kann man planen im Moment. Über uns und der Neustadt steht ein riesengroßes Fragezeichen", sagt Sandy Walldorf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare