Tatort Rabenweg in Gießen. Ende April 1992 wurde hier der Rentner Erwin L. umgebracht. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. FOTO: SCHEPP
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Tatort Rabenweg in Gießen. Ende April 1992 wurde hier der Rentner Erwin L. umgebracht. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. FOTO: SCHEPP

"Mord verjährt nicht"

In Gießen: Tod in der Badewanne - Knebelmord im Rabenweg

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Bis heute ist ein Mord im Rabenweg in Gießen unaufgeklärt. Ein 83-jähriger Rentner lag tot und geknebelt in der Badewanne. Wir blicken auf den Fall aus dem Jahr 1992 zurück.

Der Rabenweg ist ein gutbürgerliches Idyll am westlichen Rand der Anneröder Siedlung. Menschen, die es in den Nachkriegsjahren zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht hatten, verwirklichten sich in den Wohlstraßen im Gießener Osten ihren Traum vom Eigenheim.

Am Samstag, dem 25. April 1992, war es mit der Idylle vorbei. Männer in weißen Schutzanzügen untersuchten akribisch den Eingangsbereich eines kleinen Einfamilienhauses im unteren Rabenweg, in dem Polizeifahrzeuge parkten. Ein paar Stunden später trugen zwei Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens einen Blechsarg aus dem Haus. Darin lag der 83-jährige Erwin L., der zum Opfer eines abscheulichen Verbrechens geworden war, das die Siedlung erschütterte und bis heute im Rabenweg für Gesprächsstoff sorgt. "Er hat zurückgezogen gelebt und war ein freundlicher alter Herr", erinnert sich einer der Nachbarn, der die Aufregung um den Mord damals mitbekommen hatte.

Werbekolonne unter Verdacht

Am dem besagten Samstag vor nunmehr 28 Jahren wollten gegen 7.30 Uhr die Nichte und ihr Ehemann den Onkel in seinem Einfamilienhaus im Rabenweg zu einer Wochenendfahrt in die Pfalz abholen. Doch das Ehepaar aus der Fröbelstraße fand den angeblich vermögenden Rentner tot.

Der 83-Jährige war bereits Freitagmittag das Opfer eines Raubmörders geworden. Er lag, mit dem Kopf nach unten, in der mit Wasser gefüllten Sitzwanne im Badezimmer. Der Täter hatte ihn zuvor geknebelt. Alle Schränke und Schubladen in den Zimmern waren von dem unbekannten Täter nach Beute durchsucht worden. Beamte von der Spurensicherungsgruppe des Hessischen Landeskriminalamtes, die Ermittler vom Kommissariat für Kapitalverbrechen (K 11) und Kriminaltechniker der Gießener Kripo waren in dem 1950 erbauten Haus bis zum späten Samstagnachmittag mit der Tatortarbeit befasst. Ein Bereitschaftsstaatsanwalt der Anklagebehörde und ein Gerichtsmediziner waren ebenfalls vor Ort.

Nachbarn, die vernommen wurden, beschrieben den Mann als einen sparsamen, freundlichen Herrn, der seit dem Tod seiner Frau zurückgezogen in seinem Haus lebte. Die Letzten, die Erwin L. lebend gesehen hatten, waren eine Reinemachefrau und ein Schornsteinfeger, die am Freitag in dem Haushalt zu tun hatten. Der Verdacht fiel schnell auf eine Gruppe Zeitschriftenwerber, die am Mordtag in der Anneröder Siedlung unterwegs war. Eine Nachbarin von L. hatte beobachtet, wie ein junger Mann das Haus mit einer großen Tüte verließ. Etwa 20 Jahre alt, blond, schlank, etwa 1,75 Meter groß, so lautete die Zeugenbeschreibung. Der Blonde in den Jeans und dem rosafarbenen Hemd machte keinen schlechten Eindruck auf die Zeugin, die heute noch dort wohnt. "Er sah sehr seriös aus", meinte sie, "und ich dachte, er wäre ein Bekannter von Erwin L., der bei ihm zu Besuch gewesen war." Er habe sogar nachgeschaut, ob er auch den Riegel an der Gartentüre wieder zugeschoben hatte. Zu den Zeitschriftenwerbern gehörte er aber nicht, stellte sich Wochen später heraus.

Die Ermittler hatten also einen Verdächtigen und ein Motiv: Habgier. Das Häuschen war von unten bis oben durchsucht worden, weil L.s Mörder wohl vermutet hatte, dass der Rentner viel Bargeld in seiner Wohnung aufbewahrte. Ein Irrtum: L. war zwar vermögend und hatte in dem Haus auch ein Geldversteck angelegt, aber das meiste Geld lag auf der Bank. Sterben musste der rüstige 83-Jährige letztlich für ein paar lumpige Mark.

Die Polizei verfolgte in den ersten Tagen nach dem Mord einige Spuren, so hatte der Täter eine Zigarettenpackung der Marke "Golden American", die 1990 hergestellt und nach Polen sowie vor dem 1. Juli 1990 in den Inter-Shop-Läden der damaligen DDR verkauft wurde, am Tatort im Rabenweg hinterlassen.

Und tatsächlich kam es Ende Mai 1992 zu einer Verhaftung. Die Polizei nahm einen 27-jährigen Mann fest. Aber die heiße Spur blieb kalt. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft musste der Verdächtige, der die Tötung von L. bestritt, Anfang Juli 1992 freigelassen werden. Es hatten sich weder Fasern aus der Bekleidung des Opfers beim Tatverdächtigen finden können, noch konnten Kleiderfasern des Beschuldigten beim Opfer entdeckt werden. Spuren, die auf einen Kontakt zwischen beiden hinwiesen, hätten auch von einem früheren Besuch des 27-Jährigen bei dem mit ihm bekannten Rentner stammen können. Im November 1992 wurden die Ermittlungen gegen den jungen Mann endgültig eingestellt, und zwar "mangels Tatverdacht".

Anwohner geben Speichelprobe

So standen die Ermittlungen wieder am Anfang, und der Mordfall Erwin L. geriet in Vergessenheit. Bis zum Juli 2005, als die Polizei Bewohnern des Rabenwegs, die zum Zeitpunkt des Verbrechens dort bereits gewohnt hatten, Speichelproben entnahmen. Gentechnische Reihenuntersuchungen gehörten vor 15 Jahren schon zum deutschen Polizeialltag. Der unbekannte Mörder von Erwin L. hatte damals Spuren am Tatort hinterlassen, die eine DNA-Untersuchung aus Sicht der Polizei sinnvoll erschienen ließen; womöglich auch nur, um zunächst die Ermittlungsakte auszudünnen. Aber der Fall ist bis heute "kalt" geblieben.

In dem Straßenzug sorgten die Anschreiben der Polizei, die offenbar nur an die Zeugen von damals gerichtet wurden, 2005 für einigen Gesprächsstoff. "Ich war’s nicht", reagierte damals eine 80-jährige Betroffene gegenüber der GAZ fast belustigt auf die Einladung zum Speicheltest und nahm ihren längst verstorbenen Mann gleich mit in Schutz: "Der konnte doch keiner Fliege was zuleide tun."

Ein anderer Nachbar muss noch heute schmunzeln, wenn er an die DNA-Aktion denkt. Denn ihn und einen weiteren Nachbarn hatten die Ermittler wohl nicht auf dem Zettel, weil sie Eckgrundstücke mit der postalischen Anschrift Anneröder Weg bewohnen. "Die hatten uns vergessen", vermutet der Anwohner.

Seit der schrecklichen Tat vom April 1992 ist das Häuschen nacheinander von drei Ehepaaren bewohnt worden, die jetzigen Bewohner sind auch Eigentümer. Was vor 28 Jahren in dem Haus passiert ist, wissen sie natürlich - und schlafen trotzdem gut.

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