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Leere Schubladenfächer in der Apotheke von Mira Sellheim. Auch hier fehlen viele Präparate. 

Liefer-Engpässe

Apotheken schlagen Alarm: Medikamente sind auch in Gießen Mangelware

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Apotheken in Deutschland schlagen Alarm: Immer häufiger kommt es zu Lieferengpässen von Medikamenten. Zum Leidwesen der Patienten - und der Apotheker. Auch in Gießen.

Gießen - Mira Sellheim übt ihren Beruf als Pharmazeutin gerne aus. Sehr gerne. Seit 1994 leitet sie die Apotheke am Ludwigsplatz in Gießen. Doch wenn man sie auf den aktuellen Lieferengpass von Medikamenten anspricht, erlebt man sie ganz anders. "Dass es sich so zuspitzt, habe ich in meiner 30-jährigen Tätigkeit noch nicht erlebt", betont sie. Und einen Silberstreifen am Horizont - den sieht sie noch lange nicht. Aktuell sind es in Sellheims Apotheke 115 Medikamente, die sie dauerhaft nicht bekommt. Es sind Schmerzmittel wie Ibuprofen, aber auch lebenswichtige Präparate wie bestimmte Blutdrucksenker, Antikrebsmittel, Antibiotika oder Antidepressiva. "Wir sind eines der reichsten Länder der Erde", sagt sie, "und haben trotzdem eine Quote für nicht lieferbare Medikamente, die immens ist."

Den einen Grund für die Lieferschwierigkeiten gebe es nicht, sagt Sellheim. Aber die Probleme hätten sich bereits vor einigen Jahren angebahnt. Einen großen Anteil hätten auf jeden Fall Rabattverträge, die Krankenkassen seit 2007 mit bestimmten Pharmafirmen schließen dürfen. Die Idee dahinter: Mit hohen Abnahmemengen die Preise senken - und damit die Kosten im Gesundheitswesen reduzieren. In dieser konkreten Frage ging die Rechnung der Politik auf. Nur zeigen sich jetzt unerwünschte Nebenwirkungen: Immer öfter melden die Hersteller von Medikamenten Lieferschwierigkeiten. Sellheim betont: "Wenn in einen Markt eingegriffen wird, der vorher funktioniert hat, dann hat das Folgen."

Lieferengpass, kein Versorgungsengpass

Dass es sich um einen Lieferengpass, aber nicht um einen Versorgungsengpass handelt, glaubt Katja Förster, Pressesprecherin des hessischen Apothekerverbandes. Weil die Preise fielen, hätten Pharmakonzerne nicht mehr in Deutschland produzieren lassen, sondern in Niedriglohn-Ländern wie China oder Indien. "Per Gesetz können Krankenkassen den Rabattvertrag für einen bestimmten Wirkstoff mit nur einem Hersteller abschließen", sagt sie. Komme es dort zu Störungen im Betriebsablauf oder in der Lieferkette, könnten alle Versicherten dieser Kasse nicht mehr mit diesem Präparat versorgt werden.

Manche Krankenkassen hätten inzwischen die richtigen Schlüsse gezogen und sicherten sich durch Rabattverträge mit mehreren Herstellern desselben Wirkstoffs ab, sagt die Verbandssprecherin. Sellheim betont, es sei sinnvoll, mit mindestens drei Herstellern solche Verträge zu schließen. Förster weist aber darauf hin, dass die sinkenden Medikamentenpreise allerdings nicht nur zur Produktionsverlagerung, sondern auch zur Konzentration auf wenige Betriebe geführt hätten. Für manche lebenserhaltende Präparate gebe es weltweit gerade noch zwei Hersteller.

Patienten sind verunsichert

Für Sellheim und ihr Team bedeutet dieser Umstand mindestens sechs Stunden in der Woche zusätzliche Arbeit. Die Apotheker und pharmazeutischen Assistenten müssen dann Medikamente eines anderen Herstellers mit dem gleichen Wirkstoff, mit der gleichen Menge und Stärke suchen und herausgeben. Ist beispielsweise die gleiche Stärke nicht vorhanden, müssen Tabletten geteilt oder doppelt genommen werden. Ist ein Präparat überhaupt nicht mehr lieferbar, sollte der Patienten das Gespräch mit dem Arzt wegen möglicher Alternativen suchen, betont die Gießener Apothekerin. Resultat sei in jedem Fall, dass Patienten verunsichert seien - und sei es alleine wegen der anderen Farbe oder Form des Ausweichmedikaments.

Es gibt weitere Gründe für den aktuellen Medikamentenengpass. Beim Schmerzmittel Ibuprofen hat der Brand einer Fabrik in Texas zu Lieferproblemen geführt. Sellheim nennt außerdem einen weit verbreiteten Wirkstoff, der den Blutdruck senkt. Dort wurde eine Verunreinigung mit krebserregenden Stoffen festgestellt. Dadurch brach die Versorgung zusammen. Ein anderer Fall sei der Engpass bei einem Gürtelrose-Impfstoff. Hier sei der Hersteller vom Erfolg überrascht worden und hätte im Vorfeld schlicht und ergreifend zu wenig Präparate produziert.

In Deutschland sind nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) derzeit fast 290 Medikamente von Lieferengpässen betroffen. Die Zahl der Meldungen über solche Fälle sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Dramatisch sei die Situation aber nicht, heißt es vonseiten der Behörde. Denn die Zahl der Lieferengpässe müsse im Verhältnis gesehen werden: Bundesweit seien 103 000 Arzneimitteln zugelassen.

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