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Frank Richtberg verteidigt unter anderem Mitglieder der Hells Angels in Gießen.

Porträt

Gießen: Anwalt Frank Richtberg verteidigt Hells Angels und Banker zugleich

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Er verteidigt Mitglieder der Hells Angels, Banker, Kanalreiniger und junge Kleinkriminelle. Frank Richtberg aus Gießen hat einen sehr guten Ruf als Strafverteidiger. Ein Porträt.

Gießen - Frank Richtberg war vor seiner Zeit als Strafverteidiger ein ziemlich guter Triathlet. "Das hat mich geprägt", sagt der 61 Jahre alte Anwalt. Der Ausdauersport mache seelisch stabil; "es ist eine Frage des Willens: Ich stehe das durch." Dieses Motto hat ihn durch lange, auch kontroverse Prozesse getragen. Richtberg ist einer der profiliertesten Strafverteidiger in Gießen. Seine Mandanten sind Hells-Angels-Rocker, Banker, Professoren und jugendliche Kleinkriminelle. Bald verteidigt er eine Kanalreinigungsfirma aus Heuchelheim, die in 45 Fällen ihre - oft betagten - Kunden betrogen haben soll.

Wer Richtberg in einem Prozess beobachtet, erlebt einen konzentrierten Mann mit wachen Augen. Showanträge sind seine Sache nicht. Auch das Poltern überlässt er anderen, obwohl er rein körperlich dazu die Statur hätte. Hart kann er trotzdem sein - in der Sache. Fragt man bei Kollegen nach, beschreiben sie ihn als einen Profi, der viel Arbeit in die Recherche stecke. Richtberg suche nach früheren Urteilen, Rechtsprechungen und Fundstellen, um seine Argumente zu stützen. Richtberg sagt, das sei Handwerk - oder: "97 Prozent Transpiration, 3 Prozent Inspiration".

Gesagt hat diesen Satz Helmut Ridder, ein Verfassungsrechtler und Professor an der Uni Gießen. Richtberg hatte ihm als Jurastudent geantwortet: "Ich hätte gerne Ihre 3 Prozent Inspiration." Ridder hatte als linksliberaler Bürgerrechtler großen Einfluss auf eine Vielzahl seiner Studierenden, darunter Frank-Walter Steinmeier und Brigitte Zypries. Auch Richtberg sagt, Ridder habe ihn geprägt. Vor allem dessen Sicht auf die Bedeutung des Rechts für eine Demokratie und die Verantwortung der Verteidigung.

Frank Richtberg: Strafverteidiger in Grenzbereichen

In Gießen begann Richtbergs Weg als Anwalt in einer linken Kanzlei: bei Michael Roth und Kollegen. "Ich schätze ihn sehr", sagt Richtberg, "denn er ist sich treu geblieben." Aber Richtberg war nie nur links, sondern links-liberal. "Ich habe dort gerne gearbeitet, aber ich wollte auch wirtschaftlichen Erfolg und nicht nur für eine Klientel arbeiten." Er fand seine Heimat an der Ostanlage in der Kanzlei Helduser. "Wir sind vom Typ und politisch unterschiedlich", sagt er, "aber haben eine hohe Toleranz."

Richtberg bewegt sich als Strafverteidiger in Grenzbereichen. Angst vor Mandanten - beispielsweise aus dem kriminellen Milieu - hat er nicht. Juristen vertreten die Würde des Staates und der dort lebenden Menschen - und diese Würde gilt auch für Straftäter. Bei Richtberg wissen die Mandanten, woran sie sind: "Bestimmte Dinge werden in dieser Kanzlei nicht gemacht" - zum Beispiel die Beeinflussung von Zeugen. "Die schweren Jungs wollen das gar nicht", sagt Richtberg, "das passiert eher bei bürgerlichen Leuten, die ihrem Partner ein falsches Alibi geben wollen." Auch ist er schmerzhaft-ehrlich, wenn er mit seinem Mandanten über das zu erwartende Strafmaß spricht. Eine persönliche Nähe lässt Richtberg aber nicht zu. Weder duzt er seine Mandanten, noch trifft er sich mit ihnen zum Essen. Auch Einladungen in Table-Dance-Bars lehne er ab, erzählt der Jurist und schmunzelt. Gleichzeitig sucht er nicht die Nähe zu Richtern und Staatsanwälten. "Exekutive und Judikative sind nicht grundlos getrennt."

Richtberg bezeichnet das Landgericht Gießen gerne als "Insel der Seligen". Die meisten Richter bemühten sich, einen ordentlichen Job zu machen, betont er. Gemeinsam mit Staatsanwälten würden sie manchmal "Schlimmeres verhindern", weil manche Strafverteidiger ihr Handwerk nicht beherrschten. So versteht Richtberg nicht, warum diese ihre Mandanten vor Gericht schweigen lassen. Oftmals sei das ein "kapitaler Verteidigerfehler". Zum einen suggeriere eine fehlende Aussage, dass der Angeklagte etwas verschweige. Zum anderen helfe eine Aussage dem Gericht, sich ein Bild vom Menschen zu machen.

Auch Absprachen hält Richtberg nicht immer für die beste Wahl. "Wir streiten über Sachverhalte, mit denen sich das Gericht auseinandersetzen soll", betont Richtberg. Es sei wichtig, den Diskurs zu führen. Nur nehme die Bereitschaft dazu auch gesellschaftlich immer weiter ab. Gleichzeitig beobachtet er, dass der Ton in den Gerichtssälen schärfer wird. Dass laut einer Studie der Uni Erlangen 32 Prozent der befragten Jurastudenten die Todesstrafe befürworten, erschreckt ihn. "Viele junge Kollegen sind smart", sagt Richtberg, "aber Jura aus gesellschaftspolitischen Gründen studiert haben sie nicht."

Dazu passt eine Anekdote, die der 61 Jahre alte Jurist erzählt: Er habe sich vor langer Zeit in Bonn als Datenschutzbeauftragter beworben. Erst als er die Zusage für die Stelle bekommen habe, habe er erfahren, dass er beim Bundesnachrichtendienst anfangen sollte. Das kam für ihn aus Überzeugungsgründen nicht infrage; er sagte ab. "Heute würde ich mich anders entscheiden", sagt Richtberg, "um diesen Sicherheitsbereich vor Leuten wie Hans-Georg Maaßen und Co. zu schützen." Es gebe dort zu viele Rechtskonservative. "Es braucht dort auch Liberale, die auf dem Boden der Verfassung stehen."

Richtberg sagt von sich selbst, emotional könne er viel abhaben. Aber ein Fall hat ihn zu Tränen gerührt. Er verteidigte einen 25 Jahre alten Mann, der 1997 in Lauterbach einen sechs Jahre alten Jungen mit kurdischen Wurzeln erst missbraucht und dann ermordet hatte. Den Täter beschreibt Richtberg als intellektuell zurückgeblieben. Bei einem Gespräch mit ihm habe er erfahren, dass der Mann von seiner Pflegefamilie in den USA regelmäßig in einem Hundezwinger gehalten wurde.

Frank Richtberg: "Gut und böse? So einfach ist das nicht immer"

Richtberg erklärte ihm, er werde für seine Tat zu einer lebenslangen Strafe verurteilt. Als der 25-Jährige ihm sagte, eigentlich sei er für seine Tat nicht verantwortlich, weil er selbst jahrelang eingesperrt worden war, habe Richtberg ihm geantwortet: Man lasse einen bissigen Hund auch nicht frei herumlaufen. Der junge Mann habe kurz nachgedacht und dann gesagt, wenn er seinem Opfer im Himmel begegne, werde er sich bei ihm entschuldigen. "Diese kindliche Naivität und Ehrlichkeit in diesem Moment hat mich sehr berührt", sagt Richtberg. Er lehnt sich zurück. Dann sagt er nach einer kurzen Pause: "Das waren zwei Opfer. Gut und böse? So einfach ist das nicht immer."

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