Die Spritze mit der Grippe-Impfung ist gerade sehr begehrt. Witold Rak, Sprecher des Gesundheits-Netz Gießener Hausärzte, warnt aber auch vor Risiken und Nebenwirkungen. (Symbolbild)
+
Die Spritze mit der Grippe-Impfung ist gerade sehr begehrt. Witold Rak, Sprecher des Gesundheits-Netz Gießener Hausärzte, warnt aber auch vor Risiken und Nebenwirkungen. (Symbolbild)

Berichte von Abweisungen

Gießen: Probleme bei Grippeschutzimpfung - Hausarzt nimmt Stellung

  • vonSebastian Schmidt
    schließen

Die Grippe-Saison beginnt, und die Nachfrage nach Impfungen ist dieses Jahr besonders hoch. Einige Patienten in Gießen berichten, dass sie abgewiesen worden sind.

  • Aktuell lassen sich viele Gießener gegen die Grippe impfen.
  • Doch bei der Grippeschutzimpfung gibt es offenkundig Probleme.
  • Ein Hausarzt aus Gießen bezieht Stellung.

Gießen - Von Sprechstundenhilfen wird hinter vorgehaltener Hand erzählt: »Es gibt gerade Schwierigkeiten mit der Lieferung des Grippe-Impfstoffes.« Und im Internet beschweren sich Menschen, weil sie gar keine Grippe-Impfung bekommen. Sie sei mit 56 Jahren weggeschickt worden, weil sie zu jung wäre, schreibt eine Gießenerin auf Facebook. An der Justus-Liebig-Universität beklagen sich Mitarbeiter, weil die Impftermine der Universität nach drei Stunden bereits alle vergeben sind. Witold Rak ist Sprecher des Gesundheits-Netz Gießener Hausärzte. Er erklärt, was gerade das Problem mit den Grippe-Impfungen ist.

Gießen: Auslieferung des Grippe-Impfstoffs braucht länger

Die gute Nachricht zuerst: Der Grippe-Impfstoff ist nicht aus. Aber die Verteilung braucht mehr Zeit. Rak sagt: »Die Produktion des Grippe-Impfstoffes ist abgeschlossen. Die Menge ist da, aber sie muss abgefüllt und ausgeliefert werden.« Dahinter stehe ein komplexer logistischer Prozess vom Hersteller des Impfstoffes zum Großhändler, vom Großhändler zur Apotheke und von der Apotheke schließlich zur Arzt-Praxis. Dort seien die Lager wegen der hohen Nachfrage im Moment fast leer, aber neue Lieferungen kommen. »Wir sind wirklich gut aufgestellt.«

Für die Grippe-Saison 2020/21 stehen 26 Millionen Impfdosen in Deutschland zur Verfügung, hat Gesundheitsminister Jens Spahn erklärt. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor sind nur 14 Millionen benutzt worden. Auch in Gießen haben sich die Hausärzte auf eine größere Nachfrage eingestellt, sagt Rak. So hat zum Beispiel die Praxis Cseke und Friese letztes Jahr rund 500 Grippe-Impfungen vorgenommen. Dieses Jahr erwarten sie 750.

Grippe-Impfung: Keine Infrastruktur, um alle Bürger der Stadt zu impfen

So viele Impfdosen, dass sich jeder Einwohner impfen lassen kann, gibt es aber nicht. Und selbst wenn: Um jeden Bürger der Stadt zu impfen, »dafür steht die Infrastruktur gar nicht bereit«, sagt Rak. Es solle sich aber auch nicht jeder impfen lassen, sondern nur die Risikogruppen. Rak zählt auf: »Menschen die älter als 60 Jahre sind, die chronische Erkrankungen oder Atemwegs-Erkrankungen haben, Schwangere und Menschen in Pflegeheimen oder Gemeinschaftsunterkünften.« Für diese Menschen sei eine Grippe-Impfung sinnvoll, um schwere Verläufe der Krankheit zu verhindern.

Aber ist es nicht sinnvoll möglichst viele Menschen gegen die Grippe zu impfen? Dann würde die Krankheit es schwerer haben, in der Gesellschaft zu grassieren, und auch die Risikogruppe wäre geschützter. Rak sagt Nein. »Man muss Vorteile und Risiken abwägen«, erklärt er. Auch die Grippe-Impfung habe Risiken. Menschen mit einem gesunden Immunsystem müssen diese Risiken nicht eingehen. Sie werden mit der Grippe auch so fertig, sagt Rak.

Gießen: Noch genug Zeit für Risiko-Gruppe bei Grippeschutzimpfung

Wer zu einer Risikogruppe gehört und noch keine Grippe-Impfung bekommen hat, den bittet Rak um Geduld. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, die Impfung im Oktober und November vorzunehmen. Die Haupt-Saison sei Januar bis März, und der Impfstoff brauche 14 Tage, bis er wirke, erklärt Rak. »Es ist also noch mehr als genügend Zeit.« Rak rät, dass Menschen aus einer Risikogruppe Kontakt zu ihrem Hausarzt aufnehmen. Manche haben sogar noch einen kleinen Vorrat. Ansonsten müsse man warten, bis die nächste Lieferung komme. Menschen die keiner Risiko-Gruppe angehören, können sich auch an ihren Hausarzt wenden. Rak fordert aber Verständnis, dass sie nur nachrangig geimpft werden.

Grundsätzlich geht Rak davon aus, dass die Grippe-Saison dieses Jahr nicht so stark ausfallen wird. Das liegt vor allem an Corona und den AHA-Regeln. Auch die Grippe verbreitet sich über Tröpfchen. Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske tragen schütze auch vor ihr.

Bei den über 65-Jährigen lag die Impfquote in Deutschland im Jahr 2017 bei 34 Prozent. Im Vergleich: In Süd-Korea lag sie bei 82 Prozent, in Großbritannien bei 72 Prozent, den USA bei 67 Prozent und in Frankreich bei 49. Quelle: OECD (2020).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare