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Schulstraße mit zerstörter Stadtkirche.

6. Dezember 1944

Angriff der "Todesflotte" auf Gießen - Die große Rekonstruktion 75 Jahre danach

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Am 6. Dezember 1944 greifen rund 250 britische Bomber Gießener an. Die Stadt wird in Schutt und Asche gelegt. Wir rekonstruieren den Tag vom Morgenappell der britischen Bomberbesatzungen bis zur Todesangst der Bunkerinsassen 12 Stunden später. 

1944 fällt der Nikolaustag auf einen Mittwoch. Eine knappe Tagesreise westlich von Mittelhessen stehen die Amerikaner bei Aachen und an der Saar. London liegt unter Beschuss deutscher Marschflugkörper. Auf Gießen sollen am Abend über 1200 Tonnen Bombenmaterial aller Kaliber niedergehen. Wir rekonstruieren 75 Jahre später den Schreckenstag vom Morgen bis in den Abend. Dieser Artikel wird über den Tag aktualisiert, zeitlich passend zu den Geschehnissen am 6. Dezember 1944.

Nach dem Angriff, Gießen: Die Stadt ist ein einziges Flammenmeer. Die Feuerwehren haben keine Chance. Vor der Stadt warten die Wehren aus dem Umland, aber niemand koordiniert ihren Einsatz. Inmitten des Infernos ereignen sich große und kleine Wunder. Im Stadttheater gelingt es dem Bühnenbildner Karl Löffler und seinen beiden Töchtern, Dutzende von Stabbrandbomben und brennende Dachbalken zu entfernen. Unter Mithilfe des Bühnenarbeiters Max Pohl und des holländischen Geigers Leendert van Leen retten sie das Bühnenhaus. In der Friedrichstraße erhält die Kinderklinik einen Volltreffer. 16 Schwestern, 16 Kinder und eine Ärztin sterben. Ein Mauerstück mit Balkon bleibt stehen, darauf ein Kinderbettchen, in dem ein Säugling liegt. Ein Soldat klettert zwischen Flammen auf das Mauerstück und holt das unverletzte Kind.

Selbe Zeit, Luftraum über Gießen: Die Nachtjäger sind ja. Die Verbände aus Schwäbisch-Hall, Echterdingen und Langendiebach schaffen es mit fast leeren Tanks nicht mehr, aber die Messerschmitts aus Kitzingen und Gerolzhofen. Um 20.02 Uhr erhalten die Jäger den Befehl, unverzüglich nach Gießen zu fliegen, wo sie um 20.11 Uhr eintreffen. Die Brände und Leuchtmarkierungen am Boden beleuchten die dünnen Wolkenschicht, gegen die sich die Konturen der Bomber gut abheben. Ein kurzer, aber heftiger Kampf entbrennt. Günther Liersch drückt seine 110 in den Sturzflug und nähert sich einem der Viermotorigen von unten im toten Winkel. Der Feldwebel betätigt die schräg nach oben aus dem Rumpf zeigenden Schnellfeuerkanonen. Die Lancaster zerbricht in zwei Teile und explodiert. Fünf Minuten später erwischt Liersch südlich des Zielgebiets einen weiteren Bomber, ehe er selbst getroffen wird und auf Rhein-Main notlanden muss. Auch die Maschine mit Willi Brüseke wird in einen Luftkampf verwickelt. Der Nachtjäger wird angeschossen. Brüseke und Pilot Karl Möller steigen mit dem Fallschirm aus, Funker Theo Neudeck schafft es nicht mehr. Bei Niederweimar zerschellt der Jäger im Feld. Die zweite Welle mit der Lancaster ME 239 ist mittlerweile über der Stadt. Es ist kurz nach 20.20 Uhr. Stan Bridgeman sieht aus dem Seitenfenster unter sich große Brände. Mächtige Explosionsblitze zeigen die Einschläge der schweren Luftminen, durch den Nachthimmel sausen Leuchtspurgeschosse. Über dem Bahnhofsgelände entledigt sich das Flugzeug seiner sechs Tonnen schweren Bombenfracht und springt nach oben. Nach dem Zielfoto dreht der Bomber seitwärts Richtung Nordwesten ab und geht auf Heimatkurs.

Nach 20.15, Sonnenstraße: Der junge Heinrich Lich und sein Vater sitzen im Keller unter dem Haus mit der Nummer 31. Mutter, Schwestern und Großeltern sind aufs Land evakuiert worden. Heinrich und sein Vater hören noch das Abwehrfeuer der Flakgeschütze, die in der Marburger Straße postiert sind, dann ist der Verband direkt über ihnen. Es gibt schwerste Detonationen und ein Geräusch, das sich anhört wie das Prasseln und Klatschen eines Wolkenbruchs. Es sind die Stabbrandbomben. Jeder der Angreifer schüttet 2100 Stück über dem Stadtkern aus. Sie entfachen Brände, die sich später zu Feuersäulen bündeln werden, die durch die Stadt wirbeln. Auch Heinrich Lich und sein Vater geben den Kampf gegen die Flammen auf. Wie viele andere Überlebende flüchten sie aus der Innenstadt. Wer aus Angst vor den Flammen im Keller jetzt noch sitzen bleibt, stirbt still. Mit dem Brandgas schleicht sich Müdigkeit und ein lautloser Tod in die Schutzräume.

Nach 20.14 Uhr, Luftraum über Gießen: Die erste Welle, die das Stadtgebiet angreifen soll, ist im Anflug. Sie haben Befehl, ihre Bombenlast eine knappe halbe Minute nach dem Passieren der Rotmarkierung abzuwerfen. Der "Master Bomber" verlängert diese Zeitspanne um sechs Sekunden; das rettet die Jugendstilhäuser im Seltersweg und bringt dem mittelalterlichen Stadtkern die totale Vernichtung. Nördlich der Linie Goethestraße/Mühlstraße gehen in den folgenden Minuten hunderte Tonnen von Spreng- und Brandbomben nieder.

Nach 20.10 Uhr, "Bernhardtshausen" und Poppe-Keller: Liesel Bieker kauert im Luftschutzkeller des Hauses Wilhelmstraße Nummer 7. Die Erde bebt unter den Einschlägen der Bomben, die große Tür des Schutzraums fliegt auf, aber der Keller stürzt nicht ein. Über dem Schutzraum brennt das Haus. Nebenan erhalten die Adressen 1 und 3 einen Volltreffer durch eine der schweren Luftminen. Niemand überlebt. In den Kellern der Wetzlarer Straße und in "Bernhardtshausen" sitzen teilweise drei Generationen nebeneinander. Die Bomben löschen ganze Familien aus: die Beplers, die Jungs, die Luhs, die Philippis, die Rinns, die Völkers, die Volkerts, die Webers, die Wellers oder Weigels. Unterhalb des Geländes der Firma Poppe drängt sich die Familie Baums an der dicken Eisentür vorbei in den Bierkeller. Hunderte Menschen sitzen auf den Bankreihen, als oben der erste Bombenteppich auf die Gummifabrik zuwandert. Das Licht geht aus. Dann erhält der Erdhang über dem Keller einen Volltreffer. Der Luftdruck schleudert Ernst Baums mehrere Meter durch den Raum. Als er sich berappelt, sieht er oben ein riesiges Loch, durch das der Schein der brennenden Stadt dringt. Baums findet Frau und Sohn unversehrt. Sie flüchten sich in die Nordecke des Gewölbes. Oben fallen weiter Bomben. Als sich Baums umschaut, sieht er Menschen unbewegt auf den Bänken sitzen, manche sind in sich zusammengesunken, alle tot. Der Druck der gewaltigen Explosion hat ihre Lungen zerrissen.

20.08 Uhr, Luftraum über Gießen: Im Tiefflug rauschen die Zielmarkierer der 627. Mosquito-Staffel über Kleinlinden hinweg. Im dritten Anlauf gelingt einer der schnellen Maschinen mit einer roten Leuchtbombe eine präzise Markierung des Zielpunkts. Er liegt inmitten des Gleisdreiecks, nur wenige Meter vor dem Straßenviadukt an der Ortseinfahrt von Kleinlinden. Wenig später nähert sich die erste Welle des Kampfverbands dieser Stelle und zieht sich wie ein Fächer auseinander. Hoch oben kreist der "Master Bomber". Über Sprechfunk geht jetzt der Befehl an die Lancaster-Besatzungen: Abwurf! Um 20.10 Uhr fallen aus 2800 Meter Höhe die ersten Sprengbomben auf Kleinlinden und das Bahnhofsgelände. Von unten rasen Leuchtspurgeschosse auf die Angriffsspitze zu. Die auf einen Waggon montierte Vierlings-Flak schießt aus allen Rohren.

Die zerstörte Gießener Innenstadt rund um den Marktplatz.

Gegen 20 Uhr, außerhalb von Gießen: In den Bahnhof von Großen-Linden rollt der letzte Personenzug aus Bad-Nauheim ein. Der Frankfurter Wilhelm Schweizer will an diesem Abend noch bis Marburg. Schon seit Minuten steht der Zug. Schweizer fragt einen Schaffner, was los ist. Der Bahnbedienstete zeigt mit dem Finger Richtung Norden, wo der Himmel taghell ist. "Heute geht es nicht mehr weiter. Eben greifen sie Gießen an." 30 Kilometer weiter östlich steht der 14-jährige Edgar Becker auf dem Nussberg oberhalb von Beltershain, wohin der Junge, der in der Gießener Steinstraße lebt, evakuiert wurde. Das Brummen von Flugzeugen hat ihn auf die Anhöhe gelockt. Von dort sieht er, wie das Gebiet, in dem Gießen liegen muss, weithin erleuchtet ist. Bald setzt ein dumpfes Grollen ein, das Edgar Becker sein Leben lang nicht vergessen wird.

Kurz vor 20 Uhr, im Luftraum über Gießen: Die erste Welle der Beleuchter hat das Zielgebiet erreicht. Die Pfadfinder der 83. und 97. Staffel kreisen über der Stadt. Gegen den Uhrzeigersinn ziehen sie einen Kreis über Hausen, Rödgen, Wißmar, Krofdorf, Kinzenbach und Lützellinden und setzen die Lichtmarkierungen. Um 20.03 Uhr fällt die erste Beleuchtung.

19.30 Uhr, Gießen: Ernst Baums hat sich gerade eine Flasche Bier geöffnet, da heulen die Sirenen auf. Voralarm! Die Familie macht sich auf den Weg in den benachbarten Luftschutzraum. Tausende Gießener greifen nach ihrem kleinen Notgepäck. Die Menschen hören das Brummen der Flugzeuge, was aber nicht ungewöhnlich ist. Gießen wird nachts oft überflogen. Um 19.45 Uhr geben die Sirenen Entwarnung. Viele sind gerade auf dem Weg zu oder von den Schutzräumen, als aus Richtung Südwesten das Geräusch von Flugzeugmotoren wieder näher kommt. Die Sirenen geben im anschwellenden Dröhnen der Bomber Vollalarm. Ernst Baums ruft: "Jetzt wird’s ernst." Wie viele andere rennt die Familie über die Straße zum nahen Eingang des Poppe-Kellers. Plötzlich ein kollektiver Aufschrei des Entsetzens: die Stadt ist in gleißendes Licht getaucht. Am Himmel stehen die "Christbäume".

19-19.30 Uhr, Luftraum über Westdeutschland: Auf Flughöhen zwischen 3000 und 7000 Metern dringt die Armada in den deutschen Luftraum ein. Die Luftgaukommandos XIV und III registrieren den Einflug hunderter viermotoriger Flugzeuge. Vor den Staffeln der 5. Bombergruppe ziehen nach Norden leicht versetzt die 1. und 3. Gruppe durch die Dunkelheit. Ihr Ziel sind die Leuna-Werke bei Merseburg. Für die deutsche Luftüberwachung sieht es so aus, dass sich diese Verbände im Anflug auf Mittelhessen befinden. Um 19.30 Uhr wird daher Voralarm für Gießen gegeben. Doch kurz darauf ändert der Kampfverband seinen Kurs und schwenkt nach Nordosten, wobei die südliche Flanke des 30 Kilometer breiten Bomberstroms das Gießener Stadtgebiet streift.

18.27 Uhr, Kitzingen, Flugplatz des Nachtjagdgeschwaders 6: Feldwebel Günther Liersch und der Gefreite Willi Brüseke sind bereits in der Luft. Um kurz nach 18 Uhr kam die Alarmierung. 27 Me 110 und vier Junkers 88 fliegen in Richtung Nordwesten. Die Lichtenstein-Radargeweihe an den Bugnasen der Jäger tasten nach dem Feind.

18 Uhr, Nachtjäger-Leitstelle bei Butzbach: Herbert Zilkenat ist Beobachter beim Fliegermeldedienst. Die Ortungsgeräte haben starke Feindverbände im Anmarsch auf Mittel- und Südwestdeutschland registriert. Die ersten Nachtjäger sind bereits in der Luft und suchen Kontakt zu der Nachtjagd-Stellung "Nachtigall". Zilkenat und seine Kameraden geben durch: "Pulks bis 40 Stück, insgesamt an 400 Maschinen, Flughöhe 4000 bis 5000 Meter, Kurs Ost, Uhrzeit jetzt: 18.50 Uhr."

17 Uhr, Waddington: Bordmechaniker Stan Bridgeman hat auf seinem Sitz neben dem Piloten Platz genommen. Die jetzt fast 30 Tonnen schwere Lancaster ist startbereit. In den Tanks schwappen 6000 Liter Treibstoff, und im Bombenschacht hängen sechs Tonnen Luftminen und Sprengbomben. Andere Flugzeuge, die das Stadtgebiet attackieren werden, haben Schüttkästen voll mit Stabbrandbomben geladen. Der Pilot startet die vier Rolls-Royce-Merlin-Motoren, jeder mit einer Leistung von 1600 PS. Ein einziges Dröhnen liegt über der Landschaft. Auf den elf Flugfeldern der 5. Bombergruppe warten jetzt 255 Viermotorige auf das grüne Startsignal. Das Schauspiel wiederholt sich fast zeitgleich überall in Mittelostengland. Eine gewaltige Streitmacht von weit über 1000 Maschinen bringt Bomber Command an diesem Abend in die Luft: 475 Viermotorige für Merseburg/Leuna, 450 für Osnabrück und besagte über 250 für Gießen. Noch sind die RAAF-Bomber aus Waddington, die zur zweiten Welle gehören, nicht gestartet. Jetzt erhält auch der überladene Bomber mit Stan Bridgeman an Bord das Signal. Die Maschinen der ersten Welle und die zweimotorigen Mosquito-Pfadfinder sind schon über den Kanal hinweg. Es ist 17.40 Uhr, als die Lancaster ME 239 den ersten Wendepunkt westlich von London erreicht und Kurs auf die französische Küste nimmt.

Spätnachmittag, Gießen: Liesel Bieker hilft den Großeltern bei der "großen Wäsche". Die 21-Jährige und ihre Familie wohnen in der Wilhelmstraße, ein kleines Quersträßchen im Kleinlindener Ortsteil "Bernhardtshausen". Die Siedlung am Übergang von Gießen in den südlichen Vorort heißt so, weil die meisten Häuser vom gleichnamigen Bauunternehmer gebaut wurden. Viele Eisenbahnfamilien leben hier. Sie sind geblieben, obwohl die Gegend als gefährdet gilt. "Bernhardtshausen" liegt mitten im Gleisdreieck, an dessen Spitze die wichtigen Bahnlinien in Richtung Westen und Süden auseinanderlaufen. Die Keller der Häuser sind besonders gut ausgebaut und abgestützt. Zeitgleich bereitet sich im Günthersgraben die Familie Baums auf den Nikolausabend vor. Dorothea Baums füllt den roten Pappstiefel mit Süßigkeiten für ihren elfjährigen Sohn. Die Eheleute reden über den Luftangriff in der Nacht zum Sonntag. Ernst Baums, der einen Büromaschinenhandel betreibt, sagt, beim nächsten Alarm werde die Familie in den "Poppeschen Keller" nebenan gehen. In dem Keller unter der Gummifabrik wurde ein Luftschutzkeller eingerichtet. Der Keller gilt weit und breit als der sicherste Unterschlupf.

Die zerstörte Liebigschule in der Stephanstraße.

14.30 Uhr, Waddington: Für die Bomberbesatzungen ist bereits am späteren Vormittag ein Ausgeh- und Telefonverbot verhängt worden. Damit ist klar: Stan Bridgeman wird seine Feuertaufe bekommen. Das Einsatzziel ist noch nicht bekannt, aber einige "alte Hasen" haben erfahren, dass es kein "Volltankjob" wird. Es wird zwar über das Ruhrgebiet hinaus gehen, aber nicht bis Berlin, München oder Nürnberg. Die Einsatzbesprechung bringt Klarheit. Der Einweisungsoffizier der Staffel gibt den Blick auf eine Wandkarte frei. Das Angriffsziel, das keinem der Männer etwas sagt und in Einsatzaufzeichnungen später als "Gisson", "Geisson" oder "Geissen" auftauchen wird, liegt auf Position 50,36 Grad Nord und 8.40 Grad Ost, etwa 60 Kilometer nördlich von Frankfurt. Mit Nachtjägern, Flakabwehr und sogar Sperrballons müsse gerechnet werden. Die Startzeit wird auf 17 Uhr festgelegt. Die Flieger werden schweigsam oder überspielen mit Witzchen aufkommende Angst. Der ein oder andere wird im "Bombenbaedeker" der RAF nachschauen. Dort lesen sie: "Gießen ist eine Universitätsstadt, Hauptverwaltungssitz für Oberhessen mit einer Anzahl kleinerer Betriebe für Maschinen, Armaturen, Gummi und Reifen. Im Transportwesen ist Gießen ein wichtiger Knotenpunkt für die Strecken Frankfurt-Kassel und dem Ruhrgebiet. Es befindet sich dort ein umfangreiches Bahngelände."

Gegen Mittag, Kitzingen bei Würzburg, Flugplatz der 4. Gruppe des Nachjagdgeschwaders 6: Willi Brüseke sitzt mit Kameraden beim Essen. Der 19-jährige Bochumer ist Bordschütze und überwacht das Radar eines zweimotorigen Messerschmitt-Nachtjägers 110. In der Nacht zum Dienstag waren er, Pilot Karl Möller und Funker Theo Neudeck im Raum Heilbronn auf der Jagd nach britischen Bombern. Draußen auf dem Flugfeld steht Günther Liersch bei seiner Maschine. Mit vier Lancaster-Abschüssen gehört der Feldwebel schon zu den Routiniers unter den vielen jungen Piloten. Der Unteroffizier kennt den neuesten Wetterbericht. In der kommenden Nacht werden die Tommies wieder kommen. In Kitzingen und auf dem benachbarten Flugfeld Gerolzhofen beginnt das Warten auf den Feind.

11 Uhr, High Wycombe westlich von London: Morgenlage des Bomber Command. Die Meteorologen der Royal Air Force sagen für den Kontinent eine klare Nacht mit wechselnder Bewölkung voraus. Es kann geflogen werden. Anhand der Zielliste werden die Angriffsziele festgelegt: Osnabrück, Merseburg/Leuna und Gießen. Mosquito-Schnellbomber sollen Ablenkungsangriffe gegen Berlin, Schwerte und Hanau fliegen. Die 5th Bomber Group wird auf Gießen angesetzt und die Angriffszeit auf 19.45 Uhr festgelegt. 133 Lancasters sollen die Bahnanlagen, 77 die Stadt und 37 Maschinen beide Ziele angreifen. Die australische Staffel aus Waddington wird der "Zielgruppe Bahngebiet" zugeteilt. Die Briten belegen ihre Ziele mit Kennworten, die Fischarten entsprechen. Der Code für Gießen lautet "Hake" (Hecht).

Vormittag, Gießen: Die Stadt steht noch unter dem Eindruck des Luftangriffs in der Nacht zum Sonntag. Brandgeruch liegt in der feuchtkalten Luft. Vor allem den Bereich um den Kreuzplatz hat es schwer erwischt. Die Aufräumungsarbeiten laufen. Hans Spengler hilft mit. Der 14-Jährige, der in der Wetzlarer Straße in Kleinlinden wohnt, ist zum Aufräumen geschickt worden. Andere Gießener erledigen die für den Kriegsalltag typischen Besorgungen; die Abholung des Fliegergeschädigtenausweises oder der Lebensmittelkarten. Die Nachricht macht die Runde, dass es eine Sonderration Sirup gibt. In der Pelikanapotheke am Kreuzplatz arbeitet Margarete Bill. Die 25-jährige Frau ist dienstverpflichtet – und stolz, dass die Apotheke wieder blitzblank ist. In der Nacht zum 3. Dezember hatte der Luftdruck der Bomben die Scheiben eingedrückt und Dreck in die Räume geschleudert. "Was haben wir geputzt und gewienert, so sauber ist die Apotheke schon lange nicht mehr gewesen", sagt sich die Aushilfskraft. In der Zeitung werden die Leser mit den Geheimnissen der "Luftlage" vertraut gemacht. Um Punkt 16.48 Uhr muss die Stadt verdunkelt sein.

8.30 Uhr, Flugfeld Waddington südlich der Stadt Lincoln: Morgenappell für das fliegende Personal. Der junge Stan Bridgeman friert. Es ist bitterkalt an diesem Morgen in Ostengland. Bridgeman ist Bordmechaniker und eines von sieben Besatzungsmitgliedern einer viermotorigen Afro Lancaster mit der Kennnummer ME 239. Die Männer sind Australier und gehören zur 463. Squadron. Stan Bridgemans Besatzung kommt direkt aus der Ausbildung und hat noch keinen Kriegseinsatz hinter sich. Ob die kommende Nacht seinen ersten Einsatz bringen wird, weiß Stan Bridgeman noch nicht. Die 463. Staffel ist Teil der 5. Bombergruppe, die ihre Flugplätze in der Grafschaft Lincolnshire hat. Die "5th" ist die Eliteeinheit des britischen Bomber Command. Knapp drei Monate nach dem 6. Dezember wird die 5. Bombergruppe die Speerspitze jener Streitmacht bilden, die den Feuersturm nach Dresden trägt. Die Deutschen werden ihr später den Namen "Todesflotte" geben.

6.15 Uhr, Flugzeugführerschule nahe der Burg Hohenzollern: Ernst Rüspeler ist früh aufgestanden und hat noch etwas Zeit. Um 7 Uhr beginnt der Unterricht. Der 21-jährige Gießener will Flieger werden. Er sitzt mit Kameraden auf der Stube, einer dreht am Radio und sucht einen Sender mit Unterhaltungsmusik. Ein französischer Sender spielt deutsche und französische Schlager. Dann unterbricht eine Meldung die Musik: "Aujourd’hui, ce soir, Gießen." Ernst Rüspeler, der etwas Französisch kann, versetzt die Meldung nicht in Erregung. Es ist üblich, dass "Feindsender" deutsche Städte nennen, die angeblich bombardiert werden sollen. Heute also Gießen, denkt er...

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