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»Das hatte der Abend nicht verdient“: Mann steht plötzlich blutend am Tresen

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Von: Kays Al-Khanak

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Mit einem Messer soll ein 29 Jahre alter Gießener nach einer Auseinandersetzung einen Mann angegriffen und dessen Freund zu Boden gestoßen haben.

Gießen – Der Barkeeper liebt seinen Beruf. Das merkt man jedem einzelnen Wort an, das der 50 Jahre alte Mann am gestrigen Donnerstag im Zeugenstand vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Gießen sagt. Dass sein Arbeitstag am frühen Morgen des 22. Oktober 2021 blutig endet, kommentiert er so: »Das hatte der Abend nicht verdient. Die Stimmung war vorher so gut, dass ich die Musik extra laut gemacht habe.« Die Gäste hätten zu Schlagermusik getanzt, alle seien fröhlich gewesen. Bis der Mann, der als Angeklagter im Gerichtssaal sitzt, blutend am Tresen der Gaststätte steht.

Die hiesige Staatsanwaltschaft wirft dem 29 Jahre alten Gießener vor, an jenem Oktobertag um 4.15 Uhr vor einer Kneipe in der Innenstadt in einer Auseinandersetzung ein Messer gezückt und damit einen heute 28 Jahre alten Mann verletzt zu haben. Von der Tatwaffe fehlt bis heute jede Spur. Zuvor soll der gelernte Industriemechaniker seinem Kontrahenten ins Gesicht geschlagen haben, woraufhin dieser zurückgekeilt habe. Einen Freund des Geschädigten, sagt Staatsanwalt Eugen Schwegler, habe der Angeklagte umgestoßen, sodass dieser sich unter anderem an seiner Schulter verletzt habe.

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Vor dem Amtsgericht Gießen geht es um eine gefährliche Körperverletzung. © Oliver Schepp

Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht Gießen

Richter Dr. Dietrich Claus Becker lässt zuerst die 26 Minuten lange Aufnahme der Kamera abspielen, die den Außenbereich der Kneipe überwacht. Die Gaststätte ist eine der wenigen in Gießen, die noch bis zum frühen Morgen geöffnet haben. Wiederholt ist es hier zu Streitereien gekommen – auch mit einem Polizeieinsatz als dickes Ende. Kein Wunder. Denn je früher der Morgen, desto höher die Promillezahl und umso kürzer die Zündschnur. Auf dem schwarz-weißen Bewegtbild, das den Vorfall zeigt, geschieht lange Zeit nicht viel, bis es plötzlich zu einer kurzen, heftigen Auseinandersetzung kommt.

Der Hauptgeschädigte erzählt im Zeugenstand, er sei damals für eine Woche bei einem Freund in Gießen untergekommen. Er habe zu der Zeit noch keine Wohnung in der Stadt gefunden, in der er studieren wollte. Sie seien in die Gaststätte gegangen und hätten sich dort ein T-Shirt der Kneipe gekauft. Später habe sich der Angeklagte vor der Tür mit anderen Menschen gestritten. Als er einen Gast gefragt habe, was dort los sei, habe der Angeklagte ihn attackiert, auf die Nase geschlagen und dann mit einem Messer in den Oberschenkel gestochen. »Ich habe geblutet wie ein Wasserfall«, sagt er. Sein Freund habe ihm tatkräftig geholfen, in dessen Wohnung zurückzukehren. Nach dem Vorfall habe er mehrere Wochen in einer Klinik bleiben müssen. »Das war nicht einfach für mich.«

Becker ist ein Richter, der früh erkennen lässt, wenn er Zweifel oder zumindest offene Fragen hat, die nach der Aussage eines Zeugen bleiben. Dann fragt er einfach zurück. Warum der Hauptgeschädigte denn keinen Rettungswagen gerufen habe? »Ich wusste nicht, dass es so schlimm war«, antwortet der 28-Jährige. Und wie es sein könnte, dass sein Freund ihn in die Wohnung getragen habe, wenn dieser doch nach dessen Aussage an der Schulter verletzt worden sei? »Das wird dann schwer, eine verletzte Person zu stützen oder zu tragen«, sagt Becker.

Prozess um gefährliche Körperverletzung vor Gießener Amtsgericht

Der Richter will außerdem wissen, warum der Freund in seiner polizeilichen Vernehmung zuerst erzählt habe, die beiden seien an jenem Abend an der Lahnbrücke mutmaßlich von einem »Eritreer« mit einem Messer angegriffen worden. »Ich weiß auch nicht, warum er das erzählt hat«, sagt der 28-Jährige, und auf Nachfrage des Staatsanwalts betont er: »Es gab nur einen Vorfall.« Als Schwegler wissen will, ob der Täter im Gerichtssaal sitze, deutet er mit dem Kopf auf den Angeklagten: »Ja, ich kann ihn nicht vergessen.«

Der Verteidiger des Angeklagten, Ismail Cetin, hat da so seine Zweifel. Auch der Hauptgeschädigte soll in seiner ersten polizeilichen Vernehmung ausgesagt haben, er sei gemeinsam mit seinem Freund nach einem Kneipenbesuch am Lahnufer gewesen. Dort seien sie auf zwei weitere Männer gestoßen, wovon einer ihn mit einem Messer angegriffen habe. So stehe es im polizeilichen Ermittlungsbericht. Der Zeuge schüttelt den Kopf. »Das stimmt nicht.« Die Polizei habe kurz nach dem Vorfall neben ihm gestanden, als er gerade aus der Narkose aufgewacht sei. Er wisse nicht mehr genau, was er den Ermittlern dort gesagt habe.

Drogen-Prozess bis mindestens Juni anberaumt: Der Prozess gegen mutmaßliche Drogenhändler wird das Landgericht Gießen Justiz noch länger beschäftigen.

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Der zweite Geschädigte hatte bereits bei Erhalt der Ladung durch das Gericht seinem Freund angekündigt, nicht vor Gericht zu erscheinen. Richter Becker lässt ihn jedoch von der Polizei abholen. Im Zeugenstand sagt dieser schließlich aus, sein 28-jähriger Kumpel sei an jenem Abend aggressiv gewesen und trage eine Mitschuld an der Eskalation. Die Geschichte mit dem Vorfall an der Lahn habe er erfunden, um seinen Freund zu schützen.

Den ganzen Abend kann der 28 Jahre alte Geschädigte aber nicht aggressiv gewesen sein. Richter Becker will wissen, ob sich der Gastwirt an die beiden Freunde erinnern kann, die der Angeklagte später verletzt haben soll. Sie hätten an jenem Abend die Kneipen-Shirts gekauft – für »zehn Euro das Stück«, sagt der Barkeeper, »die sind der Renner!«. Na klar, betont der 50-Jährige. »Sie waren sehr freundlich, haben bestellt und Danke gesagt. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich.«

Zum eigentlichen Tathergang kann er aber nichts sagen. Als einziger Mitarbeiter in der Kneipe sei er »unter Vollstress« gewesen. »Es war ein sehr schöner Abend, gute Musik, die Leute waren gut drauf.« Irgendwann sei der Angeklagte an der Hand blutend vor dem Tresen aufgetaucht. »Ich war erst mal stinksauer wegen der Blutlache«, sagt der Barkeeper. Zusammen mit einem anderen Gast habe er dann den 29 Jahre alten muskulösen Mann mit Tüchern versorgt und ihm geraten, zum Arzt zu gehen. »Das wollte er aber nicht«, sagt er. Der Prozess wird fortgesetzt. (Kays Al-Khanak)

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