Ahmad Al Satati zusammen mit Megan Wellens, die ihn gemeinsam mit ihrer Familie aufgenommen hat.
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Ahmad Al Satati zusammen mit Megan Wellens, die ihn gemeinsam mit ihrer Familie aufgenommen hat.

Gießen

Gießen: Flüchtling vor Heiligabend angegriffen - Familie nimmt Syrer bei sich auf

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Kurz vor Heiligabend wird Ahmad Al Satati angegriffen und schwer verletzt. Eine Familie hat den aus Syrien geflohenen Mann aus Gießen nun bei sich aufgenommen.

Gießen - Als Ahmad Al Satati vor gut acht Jahren vom syrischen Geheimdienst gefangen gehalten und gefoltert wird, denkt er nicht ans Überleben. Er hofft einfach nur, dass er sich noch bewegen kann und von niemandem abhängig sein muss, sollte er doch noch freikommen. Al Satati überlebt das Martyrium und kommt 2014 als Geflüchteter nach Gießen. Sechs Jahre später wird er während seiner Arbeit angegriffen und schwer verletzt. Die Angst, die er im syrischen Foltergefängnis verspürt hat - sie ist plötzlich wieder da.

Al Satati studiert in Frankfurt Lehramt an Gymnasien mit den Fächern Englisch und Ethik. Um sich sein Studium zu finanzieren, arbeitet er als Sicherheitskraft in einer Flüchtlingseinrichtung in Neustadt. Am 13. Dezember hat er dort Nachtdienst, als er von einer Person vermutlich mit einem Topf mit voller Wucht auf den Kopf geschlagen wird. Die Wunde auf seiner Stirn ist noch immer zu sehen. Anschließend muss er irgendwie aus dem zweiten Stock auf den Hof gestürzt sein. »Ich habe keine Erinnerung mehr daran«, sagt er. Nur noch schemenhaft ist da dieser Angreifer, der graue Kleidung trägt - und wegen Corona einen Mundnasenschutz.

Nach Angriff in Geflüchteteneinrichtung: Mann aus Gießen hat schwere Verletzungen am Kopf

Al Satati wird in ein Krankenhaus in Marburg eingeliefert. Er hat schwere Verletzungen am Kopf, an der Hand und am Knie erlitten. Die zwei Operationen verlaufen gut, am 24. Dezember kann er entlassen werden. Nur: Al Satati wohnt in Gießen in einer Wohngemeinschaft im dritten Stock; seine Mitbewohner sind wegen Weihnachten längst ausgeflogen. Mit seinen Verletzungen jedoch kann er sich kaum alleine versorgen.

Zu allem Überfluss ist in der Zeit, in der er im Krankenhaus liegt, im Zuge seines Studiums ein Unterrichtsbesuch an der Schule geplant, an der er ein Praktikum absolviert. Al Satati berichtet seiner Mentorin von den Ereignissen - und die reagiert sofort: Sie nimmt ihn bei sich zu Hause in Oberursel auf. »Ich bin der Familie dafür so dankbar«, sagt er, »ohne sie hätte ich es nicht geschafft.«

Megan Wellens und ihr Ehemann stammen aus England; sie haben zwei Kinder. »Du bist nun ein Teil von uns«, hätten sie ihm gesagt. Gemeinsam feiern sie - wie selbstverständlich - Weihnachten. Auch Al Satati bekommt Geschenke und wird bei den Videotelefonaten mit der Familie in England den Verwandten vorgestellt. Er lächelt, wenn er davon erzählt. Generell ist der 30 Jahre alte Gießener ein durch und durch positiver Mensch - trotz oder vielleicht gerade wegen all den Dingen, die er in seinen jungen Jahren bereits ertragen musste.

Gießen: Mann aus Syrien fühlt sich in Deutschland „herzlich aufgenommen“

Nicht erst seit den Ereignissen nach dem Angriff fühlt sich Al Satati in Deutschland »herzlich aufgenommen«. In den Sozialen Medien findet man immer wieder Einträge von ihm, in denen er Alltagsszenen in Deutschland mit solchen in Syrien vergleicht. Zum Beispiel hat er ein Foto mit der lächelnden Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz veröffentlicht, der er zufällig auf dem Fahrrad begegnet war. »Vor zehn Jahren, als ich in meiner Heimatstadt war, fuhr der Bürgermeister an mir vorbei, hupte mit seinem dicken schwarzen Auto, und kurz davor wäre ich übergefahren worden.«

Das Thema Heimat und Identität spielt im Leben von Al Satati eine große Rolle. Fühlt er sich dort heimisch, wo er geboren wurde? Wo aber ein Verwandter eines Beamten ihn töten könnte, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden? Oder ist es doch das Land, in dem seine Rechte respektiert werden und ihn die OB anlächelt, wenn er sie um ein Selfie bittet? Auch deshalb hat er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt.

In seiner Wahlheimat Gießen erzählt der angehende Lehrer von seiner Heimat Syrien

Mit seinen Wurzeln bricht Al Satati nicht. Beispielsweise erklärt er in Videos auf Arabisch deutsche Sprichworte. Außerdem denke er oft an Syrien, erzählt er. Ein Teil seiner Familie und Freunde lebt dort noch. Er hat oft Alpträume, sagt er, dass er noch immer im Land seiner Eltern leben würde. »Auf der einen Seite bin ich froh, hier zu sein, auf der anderen Seite bin ich traurig, wenn ich die Nachrichten aus Syrien höre.« Oder wenn er nicht weiß, ob Freunde überhaupt noch leben oder gefangen gehalten werden.

In Syrien, sagt Al Satati, habe er ein Schulsystem erlebt, das sich vom deutschen fundamental unterscheide. Er wählt bewusst das Wort »Diktatur«, weil es dort keinen Raum für Diskussionen gebe. Manchmal wird er von Lehrern gebeten, in Schulklassen von Syrien zu erzählen. Die Lehrkräfte und Schüler, erzählt er dann, begegneten ihm mit viel Respekt. Für sie könnte Al Satati ein Vorbild sein - und eine Hilfe, über den Tellerrand zu schauen. Dies könnte nicht nur in Zeiten hilfreich sein, in denen manche von einer Diktatur in Deutschland reden. (Kays Al-Khanak)

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