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Wohnungslose bleiben zuweilen im Hilfesystem stecken, wenn sie ihre »Wohnfähigkeit« beweisen müssen - und landen dann wieder auf der Straße. Die Diakonie Gießen verfolgt einen anderen Ansatz für schwerere Fälle. SYMBOLFOTO: DPA

Erfolgreiches Projekt

Gießen als Vorreiter in der Wohnungslosenhilfe

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Das im Jahr 2016 gestartete Projekt »ZuHAuSE«cder Gießener Diakonie ist für Wohnungslose mit Problemen ein Erfolg.

Trotz Festanstellung in einem Lager habe ich lange keine Wohnung gefunden. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich mir gesagt habe: Ich schaff’s nicht mehr allein«, sagt Simon, der anonym bleiben möchte. »Das Projekt hat nach langer Zeit dafür gesorgt, dass ich in eine Erfolgsspur reinkam. Das ging relativ schnell, aber man muss auch Eigeninitiative zeigen«, betont der ehemals wohnungslose Gießener. D as »ZuHAuSE«-Projekt des Diakonischen Werks Gießen läuft seit 2016 und erhielt nun bundesweite Aufmerksamkeit im Rahmen einer digitalen Konferenz des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS).

Erfolgreicher Ansatz in der Sozialarbeit

Teilgenommen hatten neben Staatssekretär Dr. Rolf Schmachtenberger (BMAS) und Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz auch Kooperationspartner aus Stadt und Landkreis, der Diakonie sowie Wohnbau GmbH. Ziel der Veranstaltung war, »weitere Weichen zu einer Verstetigung des Projektes zu setzen sowie deutlich zu machen, wie positiv es für unsere Gesellschaft ist, auch diejenigen zu erreichen, die ansonsten durch alle Raster zu fallen«, sagte Holger Claes, Leiter der hiesigen Diakonie.

Bei über 1000 Menschen hätten die Sozialarbeitenden seit 2016 überhaupt erst wieder erreicht, dass sie ansprechbar sind und sich Hilfsangeboten öffnen. So verfolgt das Projekt einen noch nicht weit verbreiteten Ansatz in der Obdachlosenhilfe: »Housing First« (zu Deutsch: zuerst ein Zuhause) meint, dass Wohnungslose, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße und zudem oft viele Probleme gleichzeitig haben, zuallererst eine eigene Wohnung bekommen, ohne dass sie vorher ihre »Wohnfähigkeit« unter Beweis stellen müssen. Basis ist demnach auch das Grundrecht auf Wohnen. Die Idee setzt »auf das praktische Wiedererlernen von autonomer Lebensführung in der eigenen Wohnung«, schreibt die Diakonie in ihrem Projekt-Bericht von Ende 2020. Trotz großer Erfolge in anderen Ländern werde die Idee in Deutschland bisher kaum verfolgt.

In Gießen kombiniert die Einrichtung »Housing First« mit der »Aufsuchenden Sozialarbeit«. Knapp 200 Menschen leben hier auf der Straße. Die Szenen seien durch starke Fluktuation geprägt, berichtete Straßensozialarbeiter Konstantin Potthoff in der Vorstellung. Die ständige Beziehungs- und Vetrauensarbeit sei daher enorm wichtig. »Viele konnten wir aber in den herkömmlichen Hilfsangeboten einfach nicht unterbringen, weil die Bedingungen zu hochschwellig sind«, erklärte Sozialarbeiterin Sarah von Trott. Hunde oder Paare sind beispielsweise in betreuten Wohnkonzepten verboten; zudem müssen Betroffene Drogenabstinenz nachweisen oder an Therapien teilnehmen. Viele würden in diesen Stufenmodellen stecken bleiben, wodurch sich die Wohnungslosigkeit oft manifestiere, erläuterte von Trott.

»Gießen verfügt zwar über ein breit aufgestelltes Hilfesystem, die Zielgruppe ist diesem gegenüber aber misstrauisch«, so der Diakonie-Bericht weiter. Für eine gute Vertrauensbasis sei daher auch die Kontaktaufnahme auf Augenhöhe und ständige Präsenz an den Szeneplätzen wichtig.

Das Projekt habe gezeigt, dass es möglich ist, Menschen mit multiplen Problemlagen nachhaltige Hilfe und ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben zu ermöglichen, bilanziert die Diakonie. So gelang es, 15 Langzeitwohnungslose (teils bis zu 18 Jahre) wieder eine eigene Wohnung zu vermitteln. Den Wohnraum stellt die Wohnbau zur Verfügung.

Bis auf eine Klientin, die ihre Wohnung wieder verlor, hätten sich alle Personen »gut entwickelt und psychisch stabilisiert«. Auch zwei Jahre nach Einzug wohnen demnach noch rund 80 Prozent in der eigenen Wohnung. Natürlich werden auch hier Betroffene unterstützend begleitet - ob psychologisch, medizinisch oder ganz praktisch bei Behördengängen. Aber es gibt beispielsweise keinen Zwang, an Therapien teilzunehmen.

Gießen ist auf Mittel angewiesen

Die Zahl der Obdachlosen steigt bundes- und auch EU-weit seit Jahren; in Deutschland waren 2020 knapp 680 000 ohne Wohnung. Eigentlich sei diese Idee »ein völlig naheliegender Ansatz«, wie Staatssekretär Schmachtenberger in der Konferenz unterstrich. »Was braucht ein Wohnungsloser?«, fragte er. »Ein Zuhause.« Finanziert wurde das Gießener Projekt bis Ende vergangenen Jahres über den europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (EHAP) sowie das BMAS. Auch angesichts der »besonders hohen Erfolgsquote in Gießen« machte Schmachtenberger klar, er werde sich für weitere Mittel aus dem EHAB stark machen.

So betonte auch Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz, Gießen zeichne zwar ein starkes Miteinander und eine eng vernetzte Sozialarbeit aus, sei aber eine finanziell arme Stadt und deswegen auf solche Mittel angewiesen.

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