Nach dem Mauerfall 1989/90
 war die Aufnahmestelle durch ankommende DDR-Bürger überfüllt.
+
Nach dem Mauerfall 1989/90 war die Aufnahmestelle durch ankommende DDR-Bürger überfüllt.

75 Jahre

Gießen als »Sehnsuchts(w)ort«: Flüchtlingsgeschichte(n) an der Lahn vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute

  • Karen Werner
    VonKaren Werner
    schließen

In Gießen fängt das neue Leben an. Gut eine Million Ankömmlinge aus aller Welt haben das in den letzten 75 Jahren erlebt. Den Ruf der Weltoffenheit hat die Stadt auch dem »Notaufnahmelager« zu verdanken. Doch es gab stets skeptische Stimmen.

Der Leiter des »Zonenlagers« ist aufgebracht. »Völlig deplaciert« findet er eine Resolution der Gießener Stadtverordneten und hält dagegen: Die gestiegene Kriminalität sei keineswegs auf Asylsuchende zurückzuführen. Schwere Verbrechen würden in der Hauptsache von anderen »Elementen« begangen. Die sanitären Verhältnisse seien besser als in anderen Lagern. Die heimische Geschäftswelt profitiere vom Verbrauch von beispielsweise monatlich 25 Zentnern Kartoffeln oder 3165 Broten. Im Übrigen biete die Einrichtung 80 Arbeitsplätze.

Der Artikel in der Gießener Freien Presse erscheint im Oktober 1949. Im »Durchgangslager« mit 750 Betten sind »illegale Grenzgänger« aus der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands untergebracht. Die meisten werden schnell zurückgeschickt: Nur wer politische Verfolgung nachweisen kann, darf bleiben.

Kontakt mit „Fremden“ führt zu mehr Weltoffenheit und Hilfsbereitschaft

Ob Neuankömmlinge auf Skepsis oder Willkommenskultur treffen, hängt nicht unbedingt von ihrer Sprache, Hautfarbe oder Religion ab. Das zeigt die mittlerweile über 70-jährige Geschichte der Aufnahme Geflüchteter unterschiedlichster Herkunft in Gießen. Eine weitere Lehre: Der Kontakt mit überdurchschnittlich vielen »Fremden« hat bei einem Großteil der Bevölkerung zu einer Haltung der grundsätzlichen Weltoffenheit und Hilfsbereitschaft geführt.

Regierungsdurchgangslager, Zonenlager, Zentrale Aufnahmestelle des Landes, Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber: Unter wechselnden Namen ist das Gelände am Meisenbornweg nahe dem Bahnhof seit 1945 Anlaufstelle für Menschen, die ihre Heimat verlassen haben. Der Kreis der Schutzsuchenden verändert sich mit den Krisen der Welt.

Aufnahme in Gießen: Staatenlose, Vertriebene, Flüchtlinge von 1945 bis heute

Direkt nach dem Krieg werden zunächst Staatenlose in Baracken untergebracht, es folgen Vertriebene. Die Stadt und die amerikanischen Besatzer haben anfangs ihre liebe Not, alle satt zu bekommen. 1950 beginnt eine 40-jährige Ära als Anlaufstelle für Übersiedler aus der DDR, seit 1963 die einzige bundesweit.

Für geschätzt eine Million Bürger aus dem anderen Teil Deutschlands ist Gießen die erste Station im Westen. Sie bestaunen das »Lichtermeer«, volle Regale in den Läden und das bescheidene Rotlichtviertel. Die Stadt wird ein Sehnsuchts(w)ort, wie ein Lied belegt, das politische Häftlinge in DDR-Gefängnissen singen: »Und sitzen wir im Bus nach Gießen, dann ist die Grenze nicht mehr weit, dann wird so manche Träne fließen. Es wurd’ auch allerhöchste Zeit.«

Vor den Kommunalwahlen 1984 und 1988 lässt die DDR zahlreiche Kritiker ausreisen, sodass die Einrichtung aus allen Nähten platzt. Ein Vorgeschmack auf 1989, als die Ungarn-Lücke im Eisernen Vorhang und dann der Mauerfall Tausende zum Aufbruch in ein neues Leben bewegen. Trabi-Karawanen tuckern durch Gießen, Firmen pinnen dutzendweise Stellenangebote an die Bäume vor dem Gelände.

Nach der Schließung des Traditionsstandorts: Museum am Meisenbornweg geplant

Die Ausnahmesituation wird bewältigt dank der Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter, der Disziplin der Neuankömmlinge und der Hilfe Ehrenamtlicher. Namentlich ein Kreis der Petrusgemeinde leistet langfristig wertvolle Unterstützung. Etwa während des Jugoslawienkriegs Anfang der 1990er Jahre und ab 2012, als der Ansturm auf die mittlerweile hessenweite Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge aus aller Welt anschwillt. Das für 600 Bewohner ausgelegte Gelände stößt spätestens im Jahr 2015 an seine Grenzen.

Vom Meisenbornweg aus wird die Erstunterbringung von bis zu 19.000 Menschen gleichzeitig gesteuert. Allerorten werden Außenstellen aus dem Boden gestampft - die größte ebenfalls in Gießen, nämlich im ehemaligen US-Depot an der Rödgener Straße. Dort wird 2019 das »Ankunftszentrum« für Asylbewerber konzentriert. Der Traditionsstandort schließt. Dort ziehen Landesbehörden ein.

Die Bedeutung des Meisenbornwegs für die deutsch-deutsche Geschichte aber bleibt. Ein »Lern- und Gedenkort« ist geplant. Und die Jugendherberge soll auf dem Gelände eine neue Heimat finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare