In seiner Monstermanufaktur in Allendorf arbeitet Pierre Schrader gerade an einer Silikonnachbildung von Peter Cushing, dem berühmten britischen Horror-Darsteller. Jedes Haar sticht der Künstler dabei einzeln in den Silikonschädel ein. FOTO: SCHEPP
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In seiner Monstermanufaktur in Allendorf arbeitet Pierre Schrader gerade an einer Silikonnachbildung von Peter Cushing, dem berühmten britischen Horror-Darsteller. Jedes Haar sticht der Künstler dabei einzeln in den Silikonschädel ein. FOTO: SCHEPP

Geschäftsidee

In Gießen-Allendorf werden Actionhelden geboren

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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In seiner Monstermanufaktur in Gießen-Allendorf modelliert Pierre Schrader furchteinfößende Figuren, aber auch TV- und Actionhelden. Wir haben ihm dabei zugeschaut.

Der Weg in Pierre Schraders Monstermanufaktur führt nicht durch einen dunklen Keller in einen verlassenen Abstellraum oder in einen versteckten Verschlag in einem entlegenen Waldstück. Wenn der Gießener Modellierer sich aufmacht, um an seinen zum Teil furchteinflößenden Figuren zu arbeiten, nimmt der 40-Jährige die Treppe in den ersten Stock seines modernen Einfamilienhauses im Neubaugebiet von Allendorf und setzt sich ins Arbeitszimmer. In der neuen Siedlung am Ortsrand stört sich schon lange niemand mehr daran, dass - während die Nachbarn Kürbisfiguren an ihre Scheiben heften oder so langsam Weihnachtsdekoration anbringen - hier das ganze Jahr über Nachbauten von Star-Wars-Figuren, das berühmte Alien des Schweizer Künstlers HR Gigar oder menschliche Skelette im Fenster stehen.

"Die Leute haben sich daran gewöhnt. Vor allem bei den Kindern bin ich beliebt. Sie kommen zum Basteln rüber", sagt Schrader. Er lacht. Der gelernte Steinmetz und Steinbildhauer hat all diese Figuren selbst geschaffen: Manche wie den lebensgroßen Meister Eder für ein kleines privates Filmmuseum detailgetreu nachgebaut, manche selbst kreiert und manche wie zum Beispiel Meister Eders Pumuckl mit eigenen Ideen weiterentwickelt.

Meister Eder und sein verwahrloster Pumuckl

Schraders Kobold hat eine Kippe im Mund, trägt dreckige Jeans, einen versifften Pulli und schleppt einen Bierkrug mit sich herum. "Ich habe mich immer gefragt, was wird wohl aus Pumuckl, wenn Meister Eder stirbt", sagt Schrader. Der verwahrloste Kobold ist seine Antwort darauf.

Schraders besonderer Witz hat auch dafür gesorgt, dass er im Sommer 2018 mit seinen Kreationen in die Öffentlichkeit geraten ist. Seine damals geschaffenen hessischen Superhelden Bembelmän und Griesos sowie Handkäs-Herbert gehören im Frankfurter Souvenirladen "Bembeltown" heute noch zu den Verkaufsschlagern. "Vor allem Bembelmän ist durch die Decke gegangen, dabei war das nur eine Schnapsidee beim Stammtisch mit Kumpels", sagt Schrader. Hunderte dieser Actionfiguren hat der Gießener bereits verkauft.

Sein Herz schlägt aber mehr für Star-Wars-Figuren. Einige seiner Werke stehen in einem Star-Wars-Museum in Mönchengladbach. Seine Version des Baby-Yoda hat er gerade fertig modelliert, nun arbeitet er an Peter Cushing, dem berühmten britischen Schauspieler, der 1977 in "Krieg der Sterne" den Bösewicht Wilhuff Tarkin verkörpert hat. Um den 1994 verstorbenen Kino-Helden auferstehen zu lassen, ist viel Akribie nötig. Bis Schrader jetzt jedes einzelne Haar aus Wollkrepp in den Silikonschädel des Schauspielers einstechen kann, waren viele Arbeitsschritte nötig. Schrader modelliert den Prototypen in Wachs, es folgt ein Abguss in Silikon. Danach setzt er mundgeblasene Glasaugen ein. Das Silikon wird in mehreren Schichten bemalt, bis die Gesichtshaut täuschend echt ist. Mit einem Mikropinsel trägt er feine Äderchen auf. "Am Ende kommen die Altersflecken", sagt Schrader. Das ist wie im echten Leben.

Stunde um Stunde kann der 40-Jährige mit seinen Figuren verbringen. Gerade im Herbst und Winter und an verregneten Sonntagen. Das Modellieren ist Hobby, Leidenschaft und langsam auch ein zweites Standbein. In Deutschland gibt es nicht einmal eine handvoll Modellierer, die auf seinem Niveau arbeiten. Sein Handkäs-Herbert hatte sogar schon einen "Auftritt" im Tatort des HR aus Frankfurt. Für einen Sender hat er jetzt den Fuß einer weiblichen Leiche modelliert. Seine Frau stand Pate. Vielleicht sieht man ihn bald in einem Krimi? Kontakte zu TV-Produktionen gab es bereits. "Ich würde mich nicht wehren. Der Beruf des Steinmetz ist körperlich anstrengend. Man weiß nie, wie lange das problemlos geht", sagt er.

Aber das ist Zukunftsmusik. Im Moment reicht es ihm, durch das Schaffen der Figuren seine Leidenschaft für Fantasy- und Actionhelden auszuleben. "Was das angeht, bin ich ein bisschen Kind geblieben." Schon als Junge sei er von den Figuren begeistert gewesen. "Ich hatte das Glück, dass meine Oma bei Karstadt bei den Spielwaren gearbeitet hat. Und was ich nicht bekommen habe, habe ich schon damals einfach selbst geknetet."

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