Bus und Kleinwagen - das geht gerade noch gut. Aber sobald sich in der Allendorfer Untergasse zwei große Fahrzeuge begegnen, wird es eng.	FOTO: KHN
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Bus und Kleinwagen - das geht gerade noch gut. Aber sobald sich in der Allendorfer Untergasse zwei große Fahrzeuge begegnen, wird es eng. FOTO: KHN

Verkehrsprobleme

Gießen: Verkehrs-Frust im Allendorfer Nadelöhr – „Die meisten haben aufgegeben“

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Seit Jahren kritisieren Anwohner der Untergasse in Gießen-Allendorf die Verkehrssituation vor Ort. Einige haben mittlerweile aufgegeben, andere aber stecken ihren Finger weiterhin in die Wunde.

  • Die Verkehrssituation ist ein Dauer-Thema fast überall in Gießen.
  • Im Stadtteil Allendorf wächst seit Jahren der Frust über die Untergasse als Durchgangsstraße.
  • Die Anwohner fordern unter anderem einen Blitzer am Nadelöhr.

Gieße – Immerhin: Harald Kreußel hat seinen Humor nicht verloren. Zur Verkehrssituation an der Allendorfer Untergasse sagt der Anwohner: »Vielleicht legen wir zusammen und kaufen uns einen eigenen stationären Blitzer. Den haben wir mit den Einnahmen schnell abbezahlt.« Seit vielen Jahren ist die Durchgangsstraße Aufregerthema nicht nur im Ortsbeirat: Eine durchgängige Tempo-30-Zone, die Sperrung für Schwerlastverkehr und ein stationärer Blitzer sind zentrale Forderungen. Das geschieht in einer solchen Regelmäßigkeit, dass sich mittlerweile Resignation bei einigen Engagierten einschleicht. Kreußel jedenfalls sagt: »Die meisten haben aufgegeben.«

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Kreußel muss es wissen. Er wohnt seit 63 Jahren in der Untergasse. Manchmal, erzählt er, würde er wegen der Verkehrssituation am liebsten wegziehen. Er erinnert sich an eine Situation, als seine Tochter noch kleiner war. Kreußel wollte mit ihr im Kinderwagen aus der Hoftür fahren, als ein Auto auf den Bürgersteig auswich. In dieser Schilderung stecken gleich mehrere Probleme, die es in der Allendorfer Untergasse gibt.

Zum einen ist da die Enge der Straße. Hans-Georg Volk hat vor seiner Haustür einmal die Fahrbahnbreite gemessen: 4,20 Meter. »Ein Bus ist 2,20 breit«, sagt »Schorsch« Volk, der für die SPD im Ortsbeirat sitzt. Begegnen sich Bus und Lastwagen, wird es mehr als eng. Zudem würden viele Autos den Bussen und Lkw über den Bürgersteig ausweichen, erzählt Kreußel.

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Dann wären da die Lastwagen, die von den Autobahnen in Linden oder Lützellinden abfahren und dann durch den Ort ins Dutenhofener Gewerbegebiet rollen. Dass die Untergasse einem Nadelöhr gleicht, scheint die Fahrer nicht zu stören. Manche Anwohner ärgern sich auch über die enge Taktung des Busverkehrs: Zu den Hauptzeiten fährt alle 15 Minuten ein Bus von Lützellinden kommend Richtung Kleinlinden - und umgekehrt. Und dann sind es oftmals große Gelenkbusse. »Einer hat kürzlich morgens drei unserer Mülltonnen umgefahren«, erzählt Kreußel.

Kreußel verweist darauf, dass es lange gedauert habe, bis die Höchstgeschwindigkeit in der Untergasse auf 30 km/h festgelegt wurde - aber nur teilweise. Diesen Umstand nennt Volk einen »Schildbürgerstreich«: Auf der kurzen Strecke gibt es zwei ausgeschilderte Tempo-30-Zonen, unterbrochen von einer kurzen Strecke, auf der 50 gefahren werden darf. »Warum gilt Tempo 30 nicht durchgehend?«, fragt Volk. Aber auch damit ist es nicht getan - darin sind sich die Anwohner einig. Die Geschwindigkeitsbegrenzung müsste kontinuierlich überwacht werden. Volk betont: »Eine fest installierte Geschwindigkeitskontrolle wäre für uns ein Segen.«

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Der Ortsbeirat hatte sich erst in seiner August-Sitzung mit der Untergasse beschäftigt. Genau genommen dürfte ihn die Verkehrsfrage formalrechtlich nichts angehen. Böse gesagt: Ein Ortsbeiratsbeschluss steht qualitativ auf derselben Stufe wie die E-Mail eines Bürgers an die Stadtverwaltung. Das bedeutet aber nicht, dass man es gleich lassen sollte: Ortsvorsteher Thomas Euler erzählt, »dass wir viele in der Regel einstimmige Beschlüsse gefasst haben, in denen wir die Straßenverkehrsbehörde baten, Tempo 30 in der kompletten Untergasse vorzuzusehen«.

Erreicht worden sei vor einigen Jahren, dass eine Fußgänger-Ampel vor der Sport- und Kulturhalle für den Schulweg eingerichtet und partiell Tempo 30 vorgesehen wurde. »Allerdings fordern wir seit einigen Jahren, dass das Einhalten dieser Geschwindigkeitsbeschränkung überwacht wird«, betont Euler. Eingesetzt worden sei ein Verkehrsmessgerät für interne Aufzeichnungen, aber selten ein Blitzer.

Ebenfalls unumstritten im Ortsbeirats sei seit vielen Jahren, die Ortsdurchfahrt für den Schwerverkehr zu sperren. Euler betont, die Straße sei nicht für diese Belastung ausgelegt und werde durch die Lkw »kaputt gefahren« - das vor dem Hintergrund, dass die Anwohner die Sanierung der Untergasse durch ihre Straßenbeiträge finanziert hätten.

Allendorf ist ein Schlafvorort Gießens geworden; einen Lebensmittelladen oder Bäcker sucht man vergebens. Umso wichtiger ist für Euler der Bustakt - ein Standortvorteil für das Dorf: »Dass der Bus durch die Untergasse und die Hüttenbergstraße fahren muss, ist wichtig.« Jedoch setze sich der Ortsbeirat wiederholt dafür ein, dass es im Kreuzungsbereich zu keinen gefährlichen Situationen kommt. Ideen gibt’s genug: eine gesteuerte Ampelschaltungen oder der Einsatz von Monobussen.

Natürlich ist der Stadt die Diskussion im Ort bekannt. »Ein dringlicher Handlungsbedarf im Sinne der Straßenverkehrsordnung liegt nicht vor«, teilt Pressesprecherin Claudia Boje auf Anfrage mit. Generell gelte innerörtlich eine zulässige Maximalgeschwindigkeit von Tempo 50, sagt sie. Abweichungen seien nur möglich, wenn gesetzliche Voraussetzungen dafür bestehen. Im Bereich der Allendorfer Kita seien diese gegeben gewesen - »aber nicht für den gesamten Straßenverlauf«, betont Stadtsprecherin Boje.

Verkehrsschau

Für November ist in Allendorf eine Verkehrsschau geplant. Bürgermeister und Verkehrsdezernent Peter Neidel will sich vor Ort ein Bild der Lage machen. Thema wird neben der Untergasse die Hüttenbergstraße sowie die Einfahrt ins Neubaugebiet sein, für die sich die Bewohner statt einer 30er- eine verkehrsberuhigte Zone wünschen.

Gleiches gilt auch für die Sperrung der Ortsdurchfahrt für den Schwerlastverkehrs: Dies sei nur möglich »wenn aufgrund der besonderen örtlichen Verhältnisse eine Gefahrenlage besteht, die das allgemeine Risiko einer Beeinträchtigung erheblich übersteigt.« Diese engen Voraussetzungen seien in der Untergasse nicht erfüllt. Zudem, sagt Boje, wären die »statistischen Messungen« der Geschwindigkeit nicht auffälliger als in anderen Bereichen der Stadt.

Für die Anwohner sind das keine ermutigenden Auskünfte. Aber thematisieren werden sie die Probleme sicherlich erneut. Dazu haben sie bald die Gelegenheit: im Ortsbeirat und bei der für November geplanten Verkehrsschau vom zuständigen Dezernenten und Bürgermeister Peter Neidel.

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