Das "Sowieso"-Schild verschwindet - sehr zum Ärger von Wirtin Britta Prell.
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Das »Sowieso«-Schild verschwindet - sehr zum Ärger von Wirtin Britta Prell.

Kneipen

Gießen: Gebühren-Wirrwarr für Kneipen-Wirte – „So etwas unterschreibe ich nicht“

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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In Gießen gibt es Ärger wegen höherer Gebühren für Außenwerbung. Zwei Betreiber ziehen Konsequenzen.

Gießen – Das Sowieso an der Ecke Liebigstraße/Frankfurter Straße ist für viele Gießener ein besonderer Ort. Nicht so hektisch wie die Welt außerhalb der Kneipe, ein Platz, an dem man mit einem Bier vor der Nase die Sorgen hinter sich lassen kann. Wirtin Britta Prell betreibt das Sowieso seit 1989, und schon damals hing vor der Tür das Reklameschild und leuchtete den Gästen den Weg zu ihrem Bier. Doch damit ist bald Schluss, Prell wird das Schild abhängen und durch ein neues ersetzen lassen. Schweren Herzens, wie sie sagt. »Aber das war mir einfach zu teuer.«

Prell hat vor einigen Wochen Post von der Stadt bekommen, wonach die Gebühren für die »Nutzung einer Werbeanlage« pro Jahr künftig 300 Euro betragen. Zuvor hat Prell 75 Euro bezahlt. Hintergrund ist eine Änderung der Satzung über Sondernutzungen an öffentlichen Straßen, die bereits 2017 beschlossen worden ist. Warum die Stadt erst jetzt an heimische Gastronomen neue Verträge verschickt, ist unklar. Auf Nachfrage dieser Zeitung ließ Bürgermeister Peter Neidel mitteilen, diesbezügliche Fragen erst kommende Woche beantworten zu können.

Gießen: Neues Sowieso-Schild „schön“ aber mit weniger Charme

Laut Prell sind lediglich Werbeschilder betroffen, die von der Hauswand mehr als 50 Zentimeter in den öffentlichen Raum ragen. Sie hat daher ein neues Schild anfertigen lassen, das flach an der Fassade angebracht wird. Das sei auch schön, wie sie sagt - mit dem Charme des alten Schildes, das bereits seit 1982 vor dem Sowieso hängt, könne das neue jedoch nicht mithalten. Prell stört zudem ein Detail im Vertrag, wonach die Gebühren jederzeit geändert, also auch erhöht werden können. »Das ist ja quasi ein Blankoscheck«, sagt die Gießenerin. »So etwas unterschreibe ich nicht.«

Unklar ist auch, wer von der Regelung betroffen ist. Denn andere Kneipen, deren Schilder ebenfalls in den öffentlichen Raum ragen, sind laut deren Betreiber zumindest bisher verschont geblieben. Apfelbaum-Chef Sascha Homfeld hingegen soll zahlen. Und das nicht zu knapp.

Gießen: Apfelbaum-Chef fühlt sich wegen Schilder-Zoff „veräppelt“

2019 hat Homfeld das Wirtshaus in der Ludwigstraße übernommen. 2020 sei dann eine Mahnung ins Haus geflattert, wonach er eine jährliche Summe von 1000 Euro für das schmiedeeiserne Schild zu zahlen habe. Damit war Homfeld nicht einverstanden und legte Widerspruch ein. »Ich hatte vorher sämtliche Gastronomen im Umkreis gefragt, und keiner musste die Gebühr bezahlen. Ich fühlte mich veräppelt«, sagt Homfeld. Das Tiefbauamt habe daraufhin eine Klärung angekündigt.

»Ein Jahr lang ist nichts passiert, bis dann 2021 eine Zahlungsaufforderung in gleicher Höhe für das aktuelle Jahr kam«, sagt Homfeld. Diesmal schaffte er es, das Tiefbauamt zu einem Vor-Ort-Termin zu bewegen. Auf die Frage, warum die anderen Kneipen nicht zahlen müssen, habe der städtische Mitarbeiter keine klare Aussage gemacht.

Man merkt Homfeld an, dass ihn die Angelegenheit mächtig stört. »Es ist einfach unfair, dass wir zahlen sollen und die Mitbewerber nicht. Wir befinden uns schließlich in einem Wettbewerb.« Die 2000 Euro für die vergangenen beiden Jahre hat er nun gezahlt, für 2022 wird die Stadt jedoch kein Geld erhalten. Homfeld wird das Schild auf eine Höhe von 4,50 Meter hängen, dann ist es von den Gebühren ausgenommen.

Ärger um Gießener Kneipenschilder: Ein Schild ab, ein Schild hoch

Hätte er von dieser Ausnahme früher gewusst, würde das Schild bereits dort oben hängen, das Geld wäre in der Apfelbaum-Kasse geblieben. »Leider«, sagt Homfeld, »hat es über ein Jahr gedauert, bis ich eine Antwort von der Stadt erhalten habe«.

Sowohl Prell als auch Homfeld machen keinen Hehl daraus, was sie von dem Vorgehen halten. Nicht zuletzt wegen des Zeitpunkts. Schließlich haben die Gastwirte durch die Corona-Pandemie harte Monate hinter sich. (chh)

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