Gewitter in der Petruskirche bei der Nacht der Chöre

Es ist ein Marathon der Chormusik: Über 25 Ensembles treten in der Kirche am Wartweg auf und locken über 1000 Menschen an. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, jeder Chor hat zehn Minuten Zeit für seinen Auftritt.

Mitternacht naht. Und kurz vor dem Finale bricht über die Gäste ein krachendes Gewitter ein. Nicht etwa draußen, wo die Hitze des Sommertages nur langsam entweicht. Nein, drinnen, im Kirchenschiff. Donner und prasselnder Regen stürmen über die Holzbänke der Petruskirche und über die Köpfe der jubelnden Besucher hinweg. Das Gießener Vocalensemble intoniert "Cloudburst" des Komponisten Eric Whitacre. Leisen A-cappella-Gesängen folgt ein helles Baritonsolo. Percussion-Instrumente kündigen den Donner an. Dann endlich das ersehnte Crescendo. Die Sänger heben die Arme in die Höhe, schnipsen. Die Gäste im Kirchensaal schnipsen mit ein – und lassen es regnen. Eine knapp sechs Stunden währende Nacht der Chöre hat am Samstag über 1000 Menschen in die Petruskirche gelockt.

Es ist ein Marathon der Chormusik: Über 25 Gesangsensembles treten in der Kirche am Wartweg auf. Doch während im sportlichen Marathon eher ein Tunnelblick und ein gleichmäßiger Laufstil gefragt sind, fasziniert in der Petruskirche vor allem die musikalische Vielfalt. Ein erhabenes Glanzlicht setzt gleich zu Beginn die gastgebende Petruskantorei mit einer Motette Vytautas Miškinis. Für frischen Wind sorgen die Joyful Voices, als sie von den Bänken im Publikum aufspringen und – während sie nach vorne eilen – Gospelstücke intonieren.

Das Finale läutet der Chor Cantamus ein, der am Abend zuvor bereits im Atrium des Kulturrathauses aufgetreten ist. Auch die einzigen Schüler, der Oberstufenchor der Liebigschule, verzaubern die Besucher – im Besonderen mit einem Gesangssolo Caroline Kenntemichs, die in schwedischer Sprache ein Lied aus dem Film "Wie im Himmel" anstimmt. "Von dem Schulchor müssen wir ein paar Sängerinnen abwerben", raunen sich auf den hinteren Bänken Vertreter anderer Chöre zu. Tatsächlich dient der Abend dazu, dass sich Ensembles kennenlernen, einander zuhören. Draußen vor der Kirche sitzen sie auf Holzbänken beisammen, Wein trinkend, plaudernd und lachend. Über "die Grenzenlosigkeit der Konfessionen" freut sich unter den Sängern und Gästen auch Arthur Kreuzer.

Jeweils zehn Minuten treten die Chöre auf. Dass es in der Kirche während der Stücke ruhig bleibt, dafür sorgen Helferinnen an den Türen. Zwischen den Auftritten ist es indes ein Kommen und Gehen. Nur eines regt sich in der Kirche während der Nacht der Chöre nicht: die zum Schneiden dicke Luft. Für einen Moment kehrt dann aber zumindest in der Vorstellung der Gäste ein ersehnter Wind durch den Kirchenraum – durch die Kraft der Musik nämlich: als das Gießener Vocalensemble das Gewitter entfacht.

Organisiert wurde die Nacht der Chöre von den Kantorinnen Marina Sagorski, Yoerang Kim-Bachmann und Christoph Koerber für das Evangelische Dekanat Gießen.

Stefan Schaal

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