+
Prof. Britta Bannenberg erklärt, welche Rolle Gewalterfahrungen in der Jugend bei Mördern spielen können. FOTO: SCHEPP

"Gewalt bringt Gewalt hervor"

  • schließen

Britta Bannenberg lehrt an der Justus-Liebig-Universität Gießen und ist eine der führenden Kriminologen in Deutschland. Im Interview spricht sie darüber, wie Menschen zu Mördern werden, wann Frauen dazu fähig sind und ob Gewaltverbrecher ihre Tat bereuen.

Frau Professor Bannenberg, wann werden Menschen zu Mördern?

Das ist vollkommen unterschiedlich. Es gibt nicht den Mörder, und es gibt nicht das Motiv. Es gibt Morde, die sind schrecklich, aber rational nachvollziehbar. Und es gibt Fälle, bei denen der Täter gar nicht weiß, was er tut.

Gibt es Risikofaktoren?

Gewalt bringt Gewalt hervor. Insbesondere Jungen, die in einem gewalttätigen Elternhaus aufwachsen, haben erhebliche Risikofaktoren. Das sind nicht nur Gewalterfahrungen, sondern auch Eltern, die ihrer Rolle nicht gerecht werden, vertrauensvolle Beziehungen zum Kind aufbauen zu können, Vertrauen zu schenken, eine liebevolle Umgebung zu geben. Wenn zusätzlich die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol getrunken oder Drogen genommen hat, wenn sie vom Partner geschlagen wurde, dann wirkt sich das auf die Hirnentwicklung des Ungeborenen aus. Das sind Faktoren, die eine gute Entwicklung verhindern.

Warum?

Das Kind kommt unter großem Stress auf die Welt und dann in ein Elternhaus, in dem die gesamten Bedingungen ungünstig sind. Es erfährt Gewalt, Verwahrlosung oder Vernachlässigung. Und wenn es dann seine Impulse nicht kontrollieren kann, ist das eine ganz schlechte Ausgangsvoraussetzung. Deshalb ist das gar nicht so klischeehaft, wenn man auf das schlechte Elternhaus verweist. Aber nicht jeder, der so aufwächst, muss das Pech haben, zum Gewalttäter zu werden. Kinder können eine große Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress und ungünstigen Bedingungen aufweisen. Und die Fähigkeit, in allem das Gute zu sehen und Selbstvertrauen zu entwickeln.

Teilnehmer von Antigewalttrainings sagen oft, sie hätten selbst Gewalt erlebt.

Gewalt schockiert. Wer Gewalt erlebt, ist in seinen Grundfesten erschüttert. Und gerade Jungen haben die Fähigkeit, in der Pubertät zu sagen, das lasse ich mir nicht gefallen, da schlage ich zurück. Ich bin kein Opfer mehr. Das hat Vor- und Nachteile. Denn eventuell läuft es dann bei einem aus dem Ruder.

In den 80er und 90er Jahren in Gießen gab es einige Mordversuche oder Morde, die von US-Soldaten begangen wurden.

Stationierung in einem fremden Land bedeutet Stress. Man ist weg von seiner Familie, hat keine vertrauensvolle Sexualität, die Liebesbeziehung zu Hause aufgeben müssen, oder sie ist zerbrochen. Man hat vielleicht niemanden, mit dem man über seine Probleme reden kann. Alles erscheint weit entfernt, der Sinn steht im Zweifel: Was mache ich eigentlich hier? Und dann kommt Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum dazu. Das sind zusätzliche Risikofaktoren, die zu einer belastenden Auslandsstationierung hinzukommen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ein Kampfeinsatz oder eine Beobachtermission ist.

Oftmals werden Männer zu Mördern.

Das ist die extremste Gewaltform. Und da Männer durch ihre Körperlichkeit, durch ihre Biologie ohnehin eher nach Außen gerichtet sind und durch die größere Körperkraft Konflikte eher gewaltsam austragen, liegt das gar nicht fern. Es gibt auch Frauen, die zu allem fähig sind. Aber sie tun es weit seltener. Eine Frau würde sich aufgrund der körperlichen Begebenheiten eher schützen, in dem sie sich körperlichen Konflikten entzieht. Dann ist es häufig so, dass gerade Männer Gewalt gegen Fremde ausüben und Frauen, wenn sie töten, häufig im familiären Umfeld bleiben.

In Gießen gab es 2016 den Mordfall Riconelly; eine Frau hatte drei Menschen aus Habgier ermordet.

Serientötungen sind selten, und bei Frauen noch viel seltener. Tötungsdelikte von Frauen geschehen in der Regel nicht aus Habgier, sondern weil ein Konflikt mit dem Partner aus dem Ruder läuft, gewaltgeprägt ist und man sich dann nicht mehr zu helfen weiß. Es gibt aber auch die Serientötungen durch Pflegerinnen. Dort sehen wir, wenn Frauen im beruflichen Kontext stärker vertreten sind, steigt auch die Zahl der Täterinnen. Aber insgesamt muss man sehen, dass Tötungsdelikte in Deutschland sehr selten sind. Wir leben auf einer Insel der Seligen, was das angeht.

Was macht es mit einem Menschen, wenn er getötet hat?

Manche bereuen wirklich, was sie getan haben, und manche bemitleiden nur sich selbst. Andere denken wiederum, wie blöd, dass ich erwischt worden bin. Das kommt sehr auf die Motivlage und die Persönlichkeitsstruktur an. Auch Menschen, die sehr abweichende Sexualvorstellungen haben und in diesem Zuge eine Tötungstat verübt haben, Personen, die eine Amoktat begangen haben, die fühlen sich oft extrem im Recht, die bereuen diese Taten nicht. Die haben in der Regel keine Empathie und sehen nur sich selbst. Dass der Täter bereut, kommt selten vor. Häufiger ist das Selbstmitleid. Es gibt viele Taten, die aus einem eskalierenden Konflikt entstanden sind. Erst später erkennen diese Täter, sie können nicht wiedergutmachen, was sie falsch gemacht haben.

Die meisten Morde können wegen neuer Technik schnell aufgeklärt werden. Aber auch deshalb, weil die meisten Fälle Beziehungstaten sind.

Absolut. Für eine Frau ist weltweit das höchste Risiko, vom Partner oder Expartner getötet zu werden. Männer gehen auch außerhalb der engeren Verbindungen Risiken ein und haben dadurch eine heterogenere Möglichkeit, dem Falschen zu begegnen.

Wenn man sich die Zahlen für Gießen anschaut, fällt auf, dass es einen Höhepunkt von Mordfällen in den 80er und 90er Jahren gab. Auffällig sind viele Morde an Prostituierten auf dem Straßenstrich.

Das ist natürlich eine sehr verletzliche Opfergruppe, und damals war die Spurenlage und die Ermittlungsarbeit nicht auf dem heutigen Stand. Ein Täter bemüht sich, wenn er nicht völlig in seiner Intelligenz gemindert ist, kaum Spuren zu hinterlassen. Er weiß um sein Risiko. Bei Vergewaltigungsdelikten ist es ja auch so, dass Täter Kondome benutzen oder Kleidung tragen, die wenige Spuren hinterlässt.

Machen Täter also eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf?

Aber ja. Selbst die devianten Täter, die ihre Sexualfantasien ausleben oder sich Opfer wie Obdachlose suchen, wollen nicht entdeckt werden. Aber die Tatsache, dass heute Spuren auch noch viel später entdeckt werden können, hat einen abschreckenden Effekt. Andererseits gibt es im Bereich der Tötungsdelikte eine Konstellation, die man bedenken muss: Bei uns sinkt die Zahl der vollendeten Tötungen, die der versuchten aber nur bedingt. Nur sind die nicht mehr so oft erfolgreich, weil die Medizin besser geworden ist.

Gibt es eine hohe Dunkelziffer?

Relativ hoch ist die nicht. Ende der 90er Jahre wurde dazu eine empirische Studie durchgeführt, und danach war das Dunkelfeld 1,2-mal so hoch wie das Hellfeld. Man wird aber durchaus ein größeres Dunkelfeld in Betracht ziehen müssen, wenn man an die Patiententötungen denkt, die eine lange Zeit in gravierender Zahl unentdeckt blieben. Tatsächlich ist das Problem der Leichenschau ein altbekanntes. Die rechtsmedizinischen Institute sind weiter ausgedünnt worden. Wenn Polizeibeamte überlastet sind, draußen 35 Grad herrschen oder das Ende der Schicht naht, dann sagt man vielleicht ganz schnell, dass es ein Herzinfarkt war, wenn ein Mann tot neben seinem Lkw liegt. Und die Staatsanwaltschaften sind auch nicht immer motiviert, in jedem Fall aufklären zu wollen, ob da nicht mehr dahintersteckt.

Dennoch sind wir von Verhältnissen wie in anderen Staaten weit entfernt.

Verhältnisse wie in Mexiko, wo die organisierte Kriminalität ganz anders auftritt, haben wir wirklich nicht. Hier gibt es durchaus einen hohen Verfolgungsdruck bei solchen Delikten, wenn einem Verdacht nachgegangen wird.

Sie sprechen das organisierte Verbrechen an. Bis auf den Mord an den Gießener Hells-Angels-Chef Aygün Mucuk fallen die Banden - was Tötungsdelikte angeht - hierzulande selten auf.

Die Rocker hierzulande versuchen, Aufsehen zu vermeiden. Aber wir sollten uns nicht so sicher fühlen. Sobald man beim Gegendruck durch Strafverfolgung nachlässt, ist das brenzlig. Deshalb: Wehret den Anfängen.

Die Polizei rüstet massiv auf im Hinblick auf Terrorismusbekämpfung und Cyberkriminalität…

Wird auch Zeit.

Glauben Sie, dass die Polizeiarbeit darunter leiden wird, alte Mordfälle liegenbleiben, weil die Manpower fehlt?

Am Ende sitzt an einem solchen Fall nur noch ein Ermittler. Wenn von Anfang an die Spurenlage schlecht ist, hilft oftmals nur Kommissar Zufall. Deshalb muss man trotz aller Verbesserungen der DNA-Technik und der Spurenkunde sagen: Wenn die Spuren nicht gesichert waren oder verschimmelt in der Asservatenkammer liegen, ist es vorbei. Es sei denn, es gibt doch noch ein Geständnis oder eine Anzeige aus dem nahen Umfeld. Ich glaube, durch eine Verlagerung der polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Aktivitäten in Richtung Cybercrime wird diese Art von Ermittlung nicht leiden. Es wird Zeit, dass man sich mehr mit Cybercrime beschäftigt und die Professionalität aufbaut. Tötungsdelikte sind zeitaufwendig, aber relativ selten. Man sollte vielmehr auf die Qualität der Spurensicherung Wert legen und auf dem neuesten Stand bleiben. Man braucht aber auch die richtigen Ermittler.

Krimis verkaufen sich gut, selbst wenn sie immer brutaler werden. Der Tatort läuft und läuft. Wie erklären Sie sich diese Hingabe zu Mord und Totschlag?

Gewalt hat Menschen schon immer fasziniert, solange es sie nicht selber trifft. In dem Moment, in dem der eigene Partner, die eigene Freundin, das eigene Kind oder man selbst einem Tötungsdelikt knapp entgangen ist, sieht die Sache ganz anders aus. Da wendet sich das Blatt. Wenn die Gewalt ins eigene Leben tritt, dann relativiert sich vieles.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare