Getanztes Plädoyer für Europa

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Eine schöne Tradition: Mitglieder der Tanzcompagnie stellen eigene Choreografien vor. Diesmal sollte der große Spiegel im Probensaal bei der Inspiration helfen, daher der Titel "Spiegelreflexe". Ballettdirektor Assam und Tanzdramaturg Bergmann führten moderierend durch die kurze Stunde im Theaterfoyer.

Der erste Block im Theaterfoyer zeigte tänzerische Europa-Improvisationen, die Anfang Mai in erweiterter Form noch mal zu sehen sein werden. Das Stadttheater organisiert im taT eine Veranstaltungswoche zur Europa-Wahl. Alle Theatermitglieder sind aufgerufen, Ideen beizutragen. Wenn eine Gruppe am Theater international zusammengesetzt ist, dann ist es von jeher die Tanzcompagnie. Fünf von ihnen haben sich der Herausforderung bereits gestellt und sich selbst als Tänzer/Tänzerin mit ihrem Herkunftsland vorgestellt. Die schwierigste Aufgabe beim Foyer um fünf am Freitag war für alle das Sprechen vor Publikum.

Leo Vendelli kam im glänzenden Rokoko-Kostüm und zelebrierte einen eleganten Hoftanz. Dann sprach er ins Mikrofon, erzählte in deutlichem Französisch von seiner Heimat und seinem Leben in Gießen. Währenddessen zog er das Kostüm aus, um dann noch eine Improvisation im zeitgenössischen Stil zu Elektrosound zu zeigen. Michael d’Ambrosio startete mit Contemporary, ihm reichten eine Weste, eine Kappe und eine rote Schärpe, um wie ein Italiener zu wirken. Natürlich half die Musik, um die Atmosphäre eines süditalienischen Tarantella-Tanzes zu zaubern. Die Jahrespraktikantin Marine Henry zeigte in einer Art Dirndl einen französischen Volkstanz, aufgeregt und charmant.

Dann folgten die erfahrenen Profis der TCG. Magdalena Stoyanova sprach zunächst bulgarisch, um dann auf Deutsch weiterzumachen. Selbst für sie war es aufregend, vor Publikum zu sprechen. Sie überführte einen bulgarischen Hochzeitstanz in zeitgenössischen Tanz, eine schnelle und mitreißende Improvisation. Als konkrete und symbolstarke Basis diente ihr ein Podest, über das eine Decke mit Folkloremotiven gelegt war.

Sven Krautwurst ist seit neun Jahren in Gießen und überzeugter Europäer, wie er in seiner engagierten Ansprache sagte. Er ist gebürtig aus Franken, das bekanntlich nicht so wirklich zu Bayern gehören will. Dennoch zeigte er einen Schuhplattler in Lederhose. Im realen Leben habe er nur als Kind eine Lederhose getragen, verriet er, dann noch mal als Tänzer in der Operette "Zum Weißen Rössl". Soviel zum Klischee des Bayern.

Alle waren so stark eingespannt, dass eigentlich nur Gleidson Vigne, Tänzer der TCG seit dieser Spielzeit und in Choreografie erfahren, dies leisten konnte. Seine Tanzsprache und Musikauswahl wirken sehr modern. Im Tanz nutzt er ebenso Elemente des Neoklassischen Balletts wie des Modern Dance. Die auffälligen Kostüme sind durchgehend schwarz und streng, fast geometrisch, der lange Rock im zweiten Stück ist als Element in die Choreografie einbezogen. Bei "Elo" tanzten Maria Adriana Dornio und Chiara Zincone, bei "Should Be" Laura Avila und Sven Krautwurst. Zwischen den beiden war eine Eigenchoreografie von Zincone und Patrick Cabrera zu sehen, die sie für den Ball der Tanzschule Bäulke kreierten: Ein romantisch-inniges Liebesduett zur frühlingshaften Musik von Edvard Grieg.

Eine hinreißende Nachmittagsstunde im Stadttheater bei freiem Eintritt. Das hat sich längst herumgesprochen, es war rappelvoll. Und während der Europawoche vom 4. bis 12. Mai ist ein Teil noch mal zu sehen.

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