+

Getanztes Gebet und viel Magie

  • schließen

Es gab Humor und Magie, Anleihen beim Maori-Tanz und vier Mädchen, die bei ihrer Aufführung lachten, quietschten und schrien. Das TanzArt ostwest-Festival brachte an drei Tagen auf der taT-Studiobühne eine große Vielfalt an tänzerischen Ausdrucksformen auf durchweg hohem Niveau.

Viele Gruppen waren von weither angereist, einige zählen zur freien Szene, andere kamen von Ausbildungszentren. Fünfmal Studiobühne hieß es von Freitag bis Sonntag beim TanzArt ostwest-Festival.

Eine komplette Vorstellung gab wieder Susanna Curtis (Nürnberg), die nach intensiver Recherche die Frage beantwortet "Do you contemporary dance?". Sie erzählt vieles von dem, was sie erfahren hat, zeigt Filme und führt auf verblüffend prägnante Weise die verschiedenen Tanzstile des zeitgenössischen Tanzes vor, von Isadora Duncan bis heute. Immer dabei ist ihr wunderbarer Humor, ihre Reflexivität und Souveränität, mit 55 Jahren noch auf der Bühne zu tanzen und Haut zu zeigen.

Aus Shenzhen in Südchina, mit deren Schule die Tanzcompagnie Gießen seit Jahren kooperiert, kam wieder der Flötist Li Fanmo; diesmal nicht mit einer Schülerin, sondern mit dem Tanzkollegen Chen Jun. Die beiden feierten in zwei Stücken das Gefühl von Freundschaft und von Leichtigkeit im Tanz. Einen exotischen Touch hatte auch das Solo "Mana Orite" von der in den Niederlanden lebenden, aus Neuseeland stammenden Isabelle Nelson. Sie verwendete Elemente eines rituellen Maori-Tanzes, auch die entsprechende Musik dazu, bei dem das Maori-Verhältnis zur eigenen Tradition und zur Natur Thema ist. Weltmusik-Soundmix prägte das Stück der fünfköpfigen Revolution Dance Company (Italien), die mit ihrem Tanz Kritik an unserer Konsumgesellschaft ausdrückte.

Schwungvoll und quirlig

Zwei außergewöhnliche Pas-de-Deux waren zu erleben. Am ersten Abend "Arbre" von der Compañia Otra Danza (Spanien). Auch hier war der ewige Kreislauf der Natur das Hauptthema. Der Tanz wirkte sehr erdgebunden, nur die Verschlingungen umeinander schienen Halt zu geben. Das zweite Paar ist mit dem Stück "Melankoli" Gewinner des Tanzfestivals in Udine/Italien. Choreografin Barbara Gatto (Bagart Dance Comp.) arbeitet mit dem extremen Größenunterschied der beiden, der einerseits schützende Hülle für die kleine Tänzerin bedeutet, zugleich anschmiegsame Bewegungen ermöglicht. Ungewöhnlich filigran wirkt der Einsatz der Fingerspitzen als Impulsgeber. Die Tänzerin Marta Castellata kam noch einmal mit einem beeindruckenden Solo zu einem Marien-Klagelied, das wie ein getanztes Gebet wirkte.

Tanzhochschulen zeigten vor allem quirlige Gruppenproduktionen. Die vier Mädels von der Dance Academy Ljubljana (Slovenien) lachten, quietschten und schrien aus Leibeskräften. Die Vier haben ein altersgemäßes Stück kreiert, in dem sie mit den an sie gerichteten Erwartungen als Ballettschülerinnen spielerisch umgehen. Alle sind Schülerinnen von Rosana Hribar, die bereits in Gießen choreografierte. Das Bohemia Ballet Prag (Tschechien) war nach längerer Zeit wieder zu Gast und zeigte an zwei Abenden ihre fröhlichen, erzählenden Stücke im neoklassischen Stil. Viel Schwung hatte die elfköpfige Gruppe der Zürcher Hochschule. Die choreografische Abschlussarbeit hatte einen fast durchgängigen Klatschrhythmus, zeigte viele locker synchrone Gruppenszenen mit witzigen Momenten.

Seit Beginn kontinuierlich dabei ist Irene Kalbusch aus Eupen (Belgien). Sie brachte diesmal einen Teil aus einer Trilogie mit, die sich mit der industriellen Vergangenheit der Region befasst. "Atme, meine Liebe, atme" scheint Sänger Guillermo Horta der um Luft ringenden Tänzerin zuzurufen. Sein Gesang mit Kopfstimme ist betörend und seine körperlich-mimische Präsenz geradezu magisch. Magisch auf andere Art war auch das Solo "Pagliacci", das Tiago Manquinho, ebenfalls als Choreograf in Gießen bekannt, mit der Tänzerin Cecilia Castellari einstudiert hat. Sie agiert als trauriger Clown, dessen Tränen sich in einen Schmetterling verwandeln. Und noch ein Choreograf, der schon mehrfach in Gießen arbeitete: Paul Julius brachte sein neues, elegisches Solo "Miss You" mit, getanzt von Sayaka Hirano.

Am letzten taT-Abend war Alice Gaspari (Braunschweig) zu erleben, in ihrem fast selbstzerstörerisch wirkenden Clinch zur metallisch-schrägen Syntheziser-Improvisation von Laurenz Gemmer. Das Trio um Salvatore Siciliano (Berlin) bot in weißen Raumfahrtanzügen einen Ausblick auf die maschinengesteuerte Zukunft der Menschheit. Was wunderbar zur letzten Vorstellung von Metropolis durch die Tanzcompagnie Gießen passte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare