Die Krankenschwestern Mae Fee und Lia Catalan haben ihr Heimatland verlassen, um in Deutschland zu arbeiten. FOTO: SCHEPP
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Die Krankenschwestern Mae Fee und Lia Catalan haben ihr Heimatland verlassen, um in Deutschland zu arbeiten. FOTO: SCHEPP

Gespannt auf ein neues Leben

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Deutschland ist ihre große Chance. Die Krankenschwestern Lia Catalan und Mae Fee haben zu Hause auf den Philippinen alles zurückgelassen. Familie, Freunde, Heimat. Sie wollen hier ein neues Leben beginnen und aus der Ferne die Daheimgebliebenen unterstützen.

Die beiden jungen Frauen sprechen schon gut Deutsch, doch oft fehlen die richtigen Wörter noch. Aber eine deutsche Redewendung haben sie bereits verinnerlicht: Aller Anfang ist schwer. Das sagen sie, um ihre Situation zu erklären, aber auch, um sich selbst Mut zuzusprechen.

Den brauchen sie in ihrem neuen Leben auf jeden Fall. Gemeinsam mit 20 Kollegen und Kolleginnen sind sie Anfang September nach Gießen ans Klinikum gekommen. Sie haben in ihrer Heimat einen Bachelor-Studiengang im Gesundheitswesen absolviert, die meisten haben mehrjährige Erfahrung in der Pflege.

Mittlerweile arbeiten sie auf Stationen des UKGM, Mae auf einer kardiologischen, Lia auf einer chirurgischen Intensivstation. Bis zum Start ihrer Tätigkeit hatten sie etwas Zeit, das neue Land und seine Bewohner besser kennenzulernen. Dabei gab es so manche Überraschung. Beispielsweise stellten sie fest, dass die Deutschen gar nicht alle "ernst und unfreundlich" sind, sagt Mae lachend und ein bisschen beschämt: Ein Mitarbeiter der Vermittlungsagentur, selbst Deutscher, hatte ihnen das erzählt. "Das stimmt gar nicht", sagt auch Lia, "die Leute nehmen uns so herzlich auf".

Vor der harten Arbeit im Krankenhaus ist ihnen nicht bange. Beide Krankenschwestern sind lange Schichten und große Belastungen gewohnt. Doch hier können sie deutlich mehr verdienen als zu Hause auf den Philippinen. Ihre Familien haben Geld gespart, um ihre Ausbildung zu finanzieren, nun wollen sie sich für die Unterstützung revanchieren. "Das ist so üblich bei uns. Die Jungen geben den Älteren etwas zurück", sagt Lia. Sie hat ein Stipendium erhalten und will beweisen, dass das in sie gesetzte Vertrauen gerechtfertigt ist. Lia (30) ist Einzelkind, ihre Eltern betreiben einen kleinen Kiosk, doch davon können sie nicht leben. Mae (27) hat drei Geschwister, ihre Eltern sind bereits in Rente.

Tatsächlich sind die "exportierten" Arbeitskräfte ein enormer Wirtschaftsfaktor auf den Philippinen. Die Filipinos sind in den USA und Europa als Fach- und Hilfskräfte willkommen. Die Überweisungen der Gastarbeiter betrugen im Jahr 2016 circa 30,6 Milliarden US-Dollar, was knapp zehn Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht.

Mae Fee und Lia Catalan wissen, dass die Erwartungen in sie hoch sind: Ihre Eltern wünschen sich für sie ein besseres Leben im wohlhabenden Europa, sie wollen sie auf keinen Fall enttäuschen. Täglich sind sie mit Vater, Mutter und den Freunden in Kontakt. Derzeit macht die Verwandtschaft sich Sorgen, dass die Krankenschwestern sich mit Corona anstecken könnten. "Sie haben Angst um uns", erklärt Mae.

Den Gedanken an Heimweh wollen die jungen Frauen gar nicht erst zulassen. "Wir werden auch hier Freunde finden", sagt Mae. "Wir wollen jetzt nach vorne schauen und uns auf unsere Arbeit fokussieren", sagt Lia.

Beide wollen für immer in Deutschland bleiben, und beide streben weitere Fachausbildungen an. Dass dies am UKGM möglich ist, interessiert sie schon heute. Sie wollen ihre Chancen nutzen. "Wir sind so dankbar, dass wir diesen Weg gehen können", betont Lia. Doch ein bisschen Wehmut gestehen sie dann doch. "Ich vermisse das philippinische Essen, das mein Papa zubereitet", sagt Mae. Und Lia zeigt auf das Foto ihres Hundes, den sie zurücklassen musste. "Ich bekomme jeden Tag neue Bilder von ihm."

Wie stellen sie sich ihre Zukunft in Deutschland vor, welche Wünsche haben sie? Sie möchten auf jeden Fall fließend Deutsch sprechen können. "Allein schon für unsere Patienten." Und neben einem guten Job im Krankenhaus wäre eine eigene Familie schön, Mann, Kinder, Hund und Katze. "Wenn man Träume hat, wird alles gut", sagt Lia.

Doch jetzt kommt erst einmal etwas auf sie zu, auf das sie lieber verzichten würden: der deutsche Winter. Den beiden Frauen war schon der September viel zu kalt. Und dann kommt er wieder, dieser Satz: Aller Anfang ist schwer.

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