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Osterputz in der Siedlung Margaretenhütte in den späten 1990er Jahren.

Geschichte zum Mitmachen

  • VonChristian Schneebeck
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Gießen (csk). Um die gewünschte Erkenntnishöhe zu erreichen, führt der Weg zunächst in die Tiefe. Das ist oft bildlich zu verstehen, manchmal aber auch buchstäblich. »Wir tauchen gerade ab in die Archive«, beschreibt Annke Rinn genau diesen Prozess. Die Quartiersmanagerin aus der Nördlichen Weststadt leitet die AG Geschichte einer unlängst gegründeten städtischen Projektgruppe.

Sie erforscht die Vergangenheit dreier ehemaliger Gießener Problemviertel - und ist dafür auf Hilfe angewiesen. Ob Margaretenhütte, Gummiinsel oder Eulenkopf: Die Gruppe betont, dass weder die »sozialräumliche Ausgrenzung« dieser Siedlungen noch der Prozess ihrer Überwindung ohne die Mitwirkung der Bewohner umfangreich zu dokumentieren sei.

Historisch wichtig

»Es handelt sich um ein Thema, das von großer historischer Relevanz ist«, erklärt Christian Pöpken, Stadtarchivar und Sprecher der Dokumentations-AG, bei einem Pressegespräch. Ungeachtet der Bedeutung fehlten nach wie vor systematisch aufgearbeitete Bestände im von ihm geleiteten Langzeitgedächtnis der Stadt. Die neue Initiative soll diese Lücke schließen. Prinzipiell sind dafür alle möglichen Quellen willkommen, zum Beispiel Schriftgut, Filme, Fotos und Interviews mit Zeitzeugen.

Stadträtin Astrid Eibelshäuser sieht in dem Aufruf, Keller und Dachböden, Abstellräume und Wohnzimmerschränke nach kleinen oder größeren Schätzen zu durchstöbern, auch die Chance für einen Rückblick voller Stolz. In allen drei Gebieten »würde heute niemand mehr von einem sozialen Brennpunkt sprechen«, sagt sie und erinnert an sozial- und siedlungspolitische Initiativen, besonders seit den 1970er Jahren, und an die Gemeinwesenarbeit samt »Pionieren« wie dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter.

Wie die Bewohner aktiv ins Erinnern einbezogen werden können, haben diverse Aktionen bereits gezeigt. Rinn nennt hier interaktive Führungen und Erzählcafés. Überhaupt beobachte sie eine »hohe Bereitschaft der Menschen, von ihrer Geschichte zu erzählen«.

Vereine und deren Chroniken bieten weitere vielversprechende Ansatzpunkte. Reinhard Thies, Projektleiter und Ex-Wohnbau-Chef, verweist nur auf den Sportverein Schwarz-Weiß. Er hat 2020 sein 60-jähriges Bestehen gefeiert und steht seit der Gründung für soziale Arbeit in der Margaretenhütte. Auch Materialien rund um die manische Sprache dürfen nicht fehlen, eine Digitalisierung zentraler Quellen ist ebenfalls angedacht.

Unter dem Strich erhoffen sich die Initiatoren aus Politik, Verwaltung, Gemeinwesenarbeit, Wissenschaft und Zivilgesellschaft ein Potpourri gelebter und erfahrener Gießener Lokalgeschichte. Pöpken möchte ein thematisches Inventar, eine Bibliografie und ein Quellenverzeichnis erstellen und der Forschung zugänglich machen. Rinn denkt an Ausstellungen und Führungen. Und nicht zuletzt verfolgt die Gruppe auch ein sozusagen weiches Ziel. Denn »Aktivierung und Beteiligung der Bewohner« stärkten am Ende immer »die Identifikation mit dem jeweiligen Quartier«, meint Anna Hoffmann (Koordinierungsstelle Soziale Stadterneuerung).

Materialien gesucht

Wer über Materialien zur Geschichte von Margaretenhütte, Gummiinsel oder Eulenkopf verfügt, wendet sich am besten per E-Mail an das Stadtarchiv (stadtarchiv@giessen.de) oder an die Koordinierungsstelle Soziale Stadterneuerung (soziale.stadterneuerung@giessen.de). Erwünscht sind grundsätzlich alle möglichen Quellen, von Schriftgut bis zu Filmmaterial. Explizit nennt Christian Pöpken zum Beispiel Fotografien von Veranstaltungen in den einstigen Brennpunkten, die im Stadtarchiv bislang äußerst rar sind.

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