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Die Löcher in der Holzkiste sowie am Theodolit selbst stammen aus einer Bombennacht. FOTO: EP

Geschichte als Zeugnis der Geschichte

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Gießen(chh). In den Sammlungen der Justus-Liebig-Universität schlummern viele Schätze. Wobei bei diesem Stück das Wort "Schatz" nicht wirklich angemessen erscheint. Vielmehr ist es Zeugnis der dunkelsten Geschichte dieses Landes. Das liegt nicht an dem Objekt selbst, sondern vielmehr an dem Ort, wo es einst lagerte. Und welche "Wunden" noch heute davon zeugen.

Die schlichte Holzkiste beherbergt einen Theodolit. Diese Instrumente werden hauptsächlich für die Berechnung von Horizontal- und Vertikalwinkeln eingesetzt, zum Beispiel beim Gebäudebau. Theodolite gibt es seit mehr als 200 Jahren, ihr Aufbau hat sich seitdem kaum verändert. Sie bestehen aus einem Zielfernrohr, einem Horizontalkreis, einem Vertikalkreis und mehreren Libellen. Das Stück aus der Sammlung der JLU wurde von der Firma Hildebrand Reiss Wichmann nach dem Jahre 1921 gefertigt, es besteht unter anderem aus brüniertem Messing. Der Theodolit war Teil der Geodätischen Sammlung, die seit spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts bestand. Die Studenten lernten mit den Instrumenten Grundkenntnisse des Vermessungswesens.

Fakten, die auf viele Theodolite zutreffen. Und dennoch ist das Gießener Exemplar einzigartig. Das beginnt schon mit der Holzkiste. An mehreren Stellen klaffen Löcher im Holz, auch das Instrument selbst hat einiges abbekommen.

Dezember 1944: Das Unheil, das Deutschland über die Welt gebracht hat, ist an seinen Ursprungsort zurückgekehrt. Ganz Gießen liegt in Schutt und Asche. Am 11. Dezember werden auch zahlreiche Kliniken und Institute von den Bomben der Alliierten getroffen. Darunter auch die Geodätische Sammlung in der Bismarckstraße 16. Der Mathematiker Egon Ullrich, der während des Kriegs an der Gießener Uni als Professor tätig war, schrieb später einmal einen Aufsatz über jene Zeit. Demnach wurde das Haus am 11. Dezember durch zwei Sprengbomben "völlig unbrauchbar" gemacht. Eine der Bomben sei in der mathematischen Bücherei explodiert. "Die andre", so Ullrich, "hat einen Teil der Geodätischen Instrumente durchsiebt." Eine treffende Beschreibung, wie ein Blick auf die Holzkiste bestätigt.

Der Theodolit überstand aber nicht nur die Bomben. Ullrich hielt in seinem Aufsatz zudem fest, dass in der Folge Plünderer das Haus nach Beute durchsucht hätten. Es sei ihrem "geringen Sachverständnis" zu verdanken, dass sie die Instrumente offenbar für wertlos erachteten.

Das 1880 erbaute Haus in der Bismarckstraße wurde übrigens schnell wieder aufgebaut, vor drei Jahren folgte eine umfassende Sanierung. Der Theodolit hingegen hat die Narben des Krieges behalten.

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