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Die Geschichte der Mitläufer

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Handgeschriebene Texte und historische Fotografien, Dokumente von Faktischem wie Erlebtem. Nora Krug verbindet in ihrer Graphic Memoir »Heimat« die Spurensuche nach ihrer Familiengeschichte mit der Geschichte Deutschlands und der Frage, wie man über seine Herkunft berichten kann. Mit einer Streaming- Lesung ist sie nun im Literarischen Zentrum zu Gast.

Graphic Novel, Familienalbum, Tagebuch über die Recherche der eigenen Herkunft - wer Nora Krugs »Heimat« in den Händen hält, versteht sofort, warum dieses Buch gleich zweimal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war und bereits mehrfach international ausgezeichnet wurde. Denn was die in Amerika lebende, und 1977 in Karlsruhe geborene Professorin für Illustration an der Parsons School of Design in New York geschaffen hat, fällt schon allein optisch aus dem Rahmen des bisher Bekannten.

Sie selbst bezeichnet »Heimat« als »Graphic memoir«, also gezeichnete Erinnerungen. Handgeschriebene Texte auf pastelligen Zeichnungen, dazwischen historische Familienbilder, in Archiven gefundene Porträts von Tätern und Opfern des Nationalsozialismus, Flohmarktfunde und historische Dokumente wie Frontbriefe - dies alles verwebt die Familiengeschichte mit der deutschen Geschichte. Eine faszinierende Mischung, die einen die knapp 300 Seiten im Flug durchblättern lässt, obwohl der Dokumentation der Recherche an sich großer Raum eingeräumt wird.

»Heimwehkranke Auswanderin«

Krug selbst bezeichnet sich als »heimwehkranke Auswanderin«. In ihrem »Katalog der deutschen Dinge«, in dem sie typisch deutsche Gegenstände wie Leitz-Ordner, Uhu oder Wärmflasche enzyklopädisch auflistet, befindet sich symbolträchtig auch ein Hansaplast. Es stehe für das Gefühl, sich als Deutsche ihrer Generation immer noch durch den Zweiten Weltkrieg und die Erinnerungen, die sich über Generationen praktisch weitervererbt haben, verletzt zu fühlen, sagt die Autorin. Sie spricht von »Vernarbung« und davon, mit ihrem Buch das Pflaster abnehmen und die Narbe betrachten zu wollen.

Die Arbeit an »Heimat« hat die Zeichnerin und Autorin sechs Jahre lang beschäftigt: jeweils zwei Jahre verbrachte sie mit Recherche, Geschichte und Gestaltung. Geschrieben hat sie es in erster Linie für ein amerikanisches Publikum (Originaltitel: »Belonging«) und wohl auch ihre Schwiegerfamilie, der sie damit, abseits von Sentimentalität oder Entschuldigungsversuchen, Rechenschaft über die eigene Herkunft ablegt. Sie habe aber auch besser verstehen wollen, wer wir Deutsche sind und was unsere Verantwortung ist. Dabei habe es weniger Mut bedürft, die Gewölbe eines Archivs zu befragen, als ihre eigene Tante, bringt Krug die Probleme vieler Autoren, die ihre Verwandten zu Schuld und Unschuld in der NS-Zeit, befragen, auf den Punkt.

Krug lebt seit mehr als zwanzig Jahren erst in England, dann in Amerika. Sie ist mit einem amerikanischen Juden verheiratet und hat sich für die amerikanische Staatsbürgerschaft beworben. Dabei sei ihr aufgefallen, dass viel mehr an ihr »deutsch ist als ich das vielleicht vorher erahnt hätte«, sagt sie.

Ihre Familiengeschichte ist eine Geschichte der Mitläufer, deren Schuld oder Unschuld schwer zu beweisen ist. Ihre Vorfahren waren keine Kriegsverbrecher, aber auch keine Widerstandskämpfer. Aber sie haben durch Schweigen und Mitmachen auch nichts gegen Unrecht und Antisemitismus unternommen. Am Beispiel ihres Großvaters Willi, der starb als Nora elf Jahre war, stellt Krug als Ich-Erzählerin die Frage, ob er Entscheidungen hätte anders treffen müssen oder können. Der Großvater war Mitglied der NSDAP und arbeitete in Kriegszeiten in Karlsruhe als Fahrlehrer. Krug hat versucht herauszufinden, warum er das getan hat und ob er ein überzeugter Nationalsozialist war. »Meines Erachtens hätte er nicht eintreten müssen. Aber seine Unschuld konnte ich trotzdem nicht wirklich 100 Prozent beweisen«, hat die Autorin in einem Interview mit dem Deutschlandradio erzählt.

Was hatte Großvaters Fahrschule mit dem jüdischen Unternehmer zu tun, dessen Chauffeur er vor dem Krieg war? Was sagen die mit Hakenkreuzen dekorierten Schulaufsätze über ihren Onkel Franz-Karl, der als 18-jähriger SS-Soldat in Italien starb? Was für eine Familie wären wir, wenn kein Krieg gewesen wäre? Wie kann man verstehen, wer man ist, wenn man nicht weiß, woher man kommt? Krug ringt anhand dieser Fragen mit der Bürde ihrer Herkunft und reflektiert über Verantwortung, »die wir als Einwohner eines Landes vor dem Hintergrund der Geschichte tragen.« Unsere Gegenwart existiere nicht ohne unsere Vergangenheit, sagt sie und empfindet gegen inneren Widerstand auch Mitleid mit dem Großvater, der darum kämpfte, als »Mitläufer« und nicht als »Belasteter« eingestuft zu werden. FOTO: SUBIN

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