Wort zum Sonntag

Geschenkt!

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Kürzlich musste ich mit meiner kranken Tochter ein paar Tage in München verbringen. "Mach das Beste daraus", gab mir eine Freundin mit auf den Weg. Wie soll das aussehen, dachte ich, mit einem kranken Kind in Corona-Zeiten in einer Millionen-Metropole, in der ich mich nicht auskenne und mir den Kopf verrenken muss, um ein Stück vom vielleicht weiß-blauen Himmel zu sehen?

Unter der Gesichtsmaske wird die Luft knapp, wenn man sich durch U-Bahn Stationen schiebt und eine Adresse sucht. Und dann, zu allem anderen, die ständige Angst vor dem Virus. Kein unbeschwerter Gang durch den Park, weil sich da gefühlt die Hälfte der Stadt versammelt hat. Kein entspannter Konzertbesuch, weil die Maske vor dem Gesicht juckt. Also gehe ich im Dämmerlicht durch die schlaftrunkene Stadt. Das schwindende Licht macht die Konturen weicher, denke ich.

Bis ich vor dem beleuchteten Schaukasten einer großen Kirche stehe: "Begrüßen wir den Tag, denn er ist ein Geschenk" steht da, und ich muss innehalten. Wann habe ich mir das zum letzten Mal bewusstgemacht?

Vor lauter Angst, was mit mir, meiner Tochter und der Welt, in der wir leben, wird, sehe ich nicht mehr, was wir in der Pandemie gerade alle lernen müssen: Es macht keinen Sinn, immer neue Pläne zu fassen und sich auf die Angst zu konzentrieren oder sie zu verdrängen. Mit Angst kann man nicht leben! Wir wissen nicht, was vor uns liegt.

Aber wir können jeden Tag entscheiden, wie wir leben. Wir haben den Lauf der Dinge nicht in der Hand, aber wir können jeden Tag die Verantwortung für uns, unsere Mitmenschen und auch für unsere Welt annehmen.

Jeder Tag ist ein Geschenk, dessen Inhalt wir nicht kennen. Keine Last, die es zu bewältigen gilt. Es liegt an uns, das Beste daraus zu machen, nicht trotz Krankheit, Elend und Corona, sondern genauso wie es ist: Lassen Sie sich mit diesem Tag beschenken!

Doris Wirkner, Ev. Dekanate Grünberg, Hungen, Kirchberg

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