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Fast wie ausgestorben wirkte der Seltersweg in den letzten vier Wochen. Ab Montag soll er sich wieder beleben - aber nicht zu sehr, sonst muss die Politik vielleicht wieder auf die Corona-Bremse treten. 

Einzelhandel

Corona-Regelung für Geschäfte in Hessen noch einmal aufgeweicht

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Seit Mitte März ist der Gießener Seltersweg wie ausgestorben. Nach den Beschlüssen des Corona-Gipfels soll ab Montag wieder das geschäftliche Leben erwachen. Aber nicht alle Läden dürfen mitmachen.

Update, 19.4.2020: Die Grenze, wonach in Hessen ab Montag nur Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern öffnen dürfen, ist aufgeweicht worden. 

Nun heißt es bei der Landesregierung: "Angesichts der Tatsache, dass sich die Mehrzahl der Nachbarländer für diesen Weg entschieden hat, wird Hessen auch größeren Einzelhändlern unter strengen Bedingungen die Öffnung erlauben: Sie müssen ihre Verkaufsfläche auf 800 qm reduzieren, und zwar so, dass die Abtrennung unmissverständlich und klar ist und auch durchgesetzt wird." 

In Gießen könnten von dieser Regelung etwa Spielwaren Fuhr oder H&M Gebrauch machen. 

Für Buchhandlungen, Auto- und Fahrradhändler galt die Größenbeschränkung von 800 Quadratmetern ohnehin nicht. Klargestellt wird von der Landesregierung in Hessen auch, dass auch Geschäfte in Einkaufszentren öffnen dürfen, wenn ihre Verkaufsfläche kleiner als 800 Quadratmeter ist. Lesen Sie im Überblick: Corona-Einschränkungen - Was ist aktuell in Hessen erlaubt? Was ist verboten?)

Erstmeldung, 17.4.2020: Die Bilder zeigen die Gießener Innenstadt von oben, Kirchengeläut ist zu hören, eine Stimme sagt: "Mein geliebtes Gießen." Mit einem emotionalen Video und dem Hashtag #wirbraucheneuch stimmt der BID-Verein Seltersweg auf den Neustart im Einzelhandel ein. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war aber noch nicht klar, mit welchen Einschränkungen die Öffnung der Geschäfte verbunden sein wird. "Wie es ungefähr ablaufen soll und welche Läden dabei sein werden, habe ich auch erst am Mittwochabend aus den Nachrichten erfahren. Seitdem steht das Telefon nicht still", sagt BID-Geschäftsführer Markus Pfeffer.

Vor allem die Regelung, dass Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von mehr als 800 Quadratmetern nicht öffnen dürfen, sorgt für Klärungsbedarf. Zumal es am Donnerstag noch keine neue Corona-Verordnung der Landesregierung, geschweige denn Ausführungsbestimmungen gab.

Corona Gießen: Wie groß ist die Lust aufs "Shoppen"?

Etwa 15 Gießener Geschäfte liegen über der 800-m²-Marke. Für Karstadt mit seinen 10 000 m² dürfte die Verlängerung der Zwangspause keine Überraschung sein. Andere mittelgroße Läden schnuppern unerwartet Morgenluft. Sie hatten sich an Österreich orientiert, wo die Grenze zunächst bei 400 Quadratmetern lag.

Vielerorts wurde nun recherchiert und gerechnet: Welche Flächen zählen, darf ich das Lager abziehen? Sind kreative Lösungen möglich, zum Beispiel eine Teilöffnung? Konkrete Antworten waren am Donnerstag aber schwer zu erhalten. Offen blieb auch die Frage, ob die Galerie Neustädter Tor öffnen darf, weil die Flächen der einzelnen Läden zählen, oder geschlossen bleiben muss, weil die Gesamtfläche zählt.

Wie man Hygiene- und Abstandsregeln umsetzt, konnten die Händler dagegen in aller Ruhe bei den "Grundbedarf"-Geschäften - vom Gemüseladen bis zum Baumarkt - besichtigen. Desinfektions-Stationen, Verkäufer mit Masken, Spuckschutz und Abstands-Markierungen an Kassen werden nun auch in Boutiquen und Fachgeschäften Einzug halten. Zudem wird es Zugangsbeschränkungen geben.

Warum größere Läden geschlossen bleiben müssen, hat Kanzleramtsminister Helge Braun am Donnerstagmorgen im HR-Radio erklärt. Natürlich könne man auch dort Abstand halten, doch wenn die großen Kundenmagneten wieder offen hätten, würden mutmaßlich zu viele Menschen in die Fußgängerzone strömen.

Aber wird die Freude am "Shopping" überhaupt im gewohnten Maß wiederkehren? Auch darüber wird spekuliert in der Geschäftswelt. Nicht nur die Angst vor Ansteckung könnte für Zurückhaltung sorgen. "Die Leute haben ein bisschen die Lust am Konsumieren verloren", glaubt ein Gießener. Diese Stimmung könnte noch eine ganze Weile anhalten. Wer in den letzten Wochen Zeit zum Aufräumen hatte, konnte schließlich feststellen, dass der Kleiderschrank längst gut gefüllt ist.

Heinz-Jörg Ebert ist erst einmal erleichtert: Sein Schuhhaus Darré liege gerade innerhalb der 800-m²-Grenze und darf öffnen. Als Vorsitzender des BID Seltersweg sei er aber "unglücklich" darüber, dass einige Kollegen noch nicht "an Bord" sein dürfen. Für alle Innenstadthändler hege er die Hoffnung, dass sie nun "Chancen zum wirtschaftlichen Überleben wahrnehmen können. Das wird schwer genug."

Die trostlose Szenerie eines "toten Zentrums" habe ihm vor Augen geführt, "wie sehr wir eine lebendige Innenstadt brauchen", so Ebert. Für deren Stärkung habe die Corona-Krise auch Positives bewirkt: "Einzelhandel und Gastronomie sind mehr denn je zusammengewachsen." Einiges komme endlich in Gang, etwa das Portal "Heimatschatz" oder lokale Lieferkonzepte.

Pfeffer ergänzt: "Für uns ist wichtig, dass die Innenstadt wieder belebt wird und Gießen wieder als urbanes Zentrum wahrgenommen wird." Mit der Kampagne #wirbraucheneuch wolle man die Kunden zum "vorsichtigen" Einkauf motivieren.

Grabe-Bolz: "Ich halte die Luft an"

Auch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz freut sich, dass das Geschäftsleben in Gang kommt. Die Städte hätten sich aber einen längeren Vorlauf gewünscht. "Es war vom Städtetag artikuliert worden, dass wir beim Ausstieg aus dem Shutdown etwas mehr Zeit haben wollen." Die städtischen Ämter seien seit Donnerstag beratend tätig, letztlich müssten die Unternehmen aber entscheiden, "ob sie unter die Verordnung fallen und öffnen können".

Grabe-Bolz fühlt mit den Leitungen und Mitarbeitern jener Unternehmen, die geschlossen bleiben müssen: "Ich hatte gerade wieder ein Gespräch mit einer Betriebsratsvorsitzenden. Oft geht es da um Fragen, bei denen wir als Stadt leider nicht helfen können", sagt die Rathauschefin. "Ich halte die Luft an, dass unsere Unternehmen das überstehen."

Infos im Überblick

Wie kommt die Politik auf 800 m²? Bau- und planungsrechtlich beginnt ab dieser Größe der großflächige Einzelhandel. In Gießen liegen folgende Betriebe nach GAZ-Recherchen mehr oder weniger klar über dieser Grenze und müssen geschlossen bleiben: Karstadt, Möbelstadt Sommerlad, Meda Küchen, Saturn, TK Maxx, Intersport Begro, C&A, Modepark Röther, H&M, Media Markt und Woolworth. Thalia ist auch deutlich größer, der Buchhandel ist aber ausgenommen. Fuhr und Köhler prüfen, ob eine Teilöffnung möglich sein wird.

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