Sanierung

Gesamtschule Gießen-Ost im Aufbruch

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Räume haben keine Türen, der Frontalunterricht gehört der Vergangenheit an: So soll die Zukunft der Ostschule aussehen. Das stellt die Schulgemeinde vor neue Herausforderungen.

Schulstrukturen ändern sich langsam, sehr langsam. Die Aufteilung und die Länge der Ferien stammt zum Beispiel noch aus einer Zeit, als Kinder und Jugendlichen im Sommer und im Herbst auf den Feldern helfen mussten. Oder die Bauweise vieler Einrichtungen: Da ist der Begriff der Lernanstalt gar nicht so weit hergeholt. An der Gesamtschule Gießen-Ost wird sich in den nächsten Jahren nicht nur räumlich, sondern auch pädagogisch einiges ändern. Die meisten Türen sollen der Vergangenheit angehören, Klassenräume werden dank großer Scheiben einsehbar. Gelernt wird nicht nur in Klassenzimmern, sondern auch in Lernlandschaften. Lehrer sind dann keine bloßen Wissensvermittler, und Schüler lernen immer mehr eigenverantwortlich.

"Lost in Ost" als geflügeltes Wort

Die GGO ist mit 1500 Kindern und Jugendlichen die größte Schule in Gießen. Gebaut in den 60er und 70er Jahren, sind die Gebäude mittlerweile stark sanierungsbedürftig. 2016, erzählt Schulleiter Dr. Frank Reuber, sei deshalb der Um- und Neubau auf die Tagesordnung gerückt. Es gibt Mängel beim Brandschutz. Dann ist die integrierte Gesamtschule schlichtweg zu unübersichtlich. "Lost in Ost ist bei uns ein geflügeltes Wort", sagt Reuber. Soll heißen: Wer neu an der Schule ist, findet sich nur schwer zurecht. Und: Die Mensa zu klein. Fast die Hälfte der Schüler nutzt das Ganztagsangebot; Platz fürs Mittagessen haben aber nur 170 Kinder und Jugendliche. Deshalb soll die GGO neu strukturiert, umgebaut und erweitert werden. Der Schul- und Bildungsausschuss hat bereits grünes Licht gegeben.

Mit den neuen Räumen soll auch ein Paradigmenwechsel in der Pädagogik stattfinden. Im Schuljahr 2016/17 feilten Schulleitung, Lehrer, Schüler und Eltern mit Hilfe von Beratern daran, wie in Zukunft an der GGO gelernt werden soll. Einstimmig, betont Reuber, habe sich dann die Gesamtkonferenz für das erarbeitete offene Lernraumkonzept ausgesprochen. Konkret bedeutet das: Unterricht findet nicht mehr nur in Klassen und Klassenräumen statt, sondern in großen Teilen dazwischen. Deshalb soll es offene Lernlandschaften und zusätzliche Lern- und Differenzierungsräume geben, die von den Klassenzimmern aus zugänglich sind.

Räume für individuelles Lernen

Weil der klassische Frontalunterricht an der GGO bereits jetzt der Vergangenheit angehört, sollen auch die Räume dieser Entwicklung Rechnung tragen. Das heißt: Mehr Möglichkeiten für Kleingruppenarbeit, wechselnde Teams oder individuelles Lernen fürs Recherchieren und Vertiefen von Wissen. Dafür braucht es flexible, multifunktionale Räume mit den passenden Möbeln. Reuber betont, dass die Lehrer so besser auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Schüler eingehen könnten. Binnendifferenzierung nennt er das, und die sei an einer integrierten Gesamtschule nötig. Die Kinder und Jugendlichen seien auf einem unterschiedlichen Leistungsstand, hätten eine unterschiedliche Aufnahmefähigkeit und -geschwindigkeit. Die Räume passten sich diesem Umstand an.

Damit ändern sich auch die Rollen von Lehrern und Schülern. Ein Lehrer soll nicht nur Wissensvermittler sein, sondern auch Trainer und Berater. Schüler sollen sich zukünftig – mehr als heute – Wissen eigenverantwortlich erarbeiten und ihr Lernen selbst organisieren. Es gehe darum, sagt Reuber, den Schülern eine andere Haltung beizubringen. In Zeiten der Digitalisierung und der Ganztagsbetreuung sei es wichtig, den Kindern und Jugendlichen in der Schule auch Werte, Überzeugungen, unabhängiges und politisches Denken und Kreativität zu vermitteln.

"Leistung wird weiter eingefordert"

Reuber weiß, dass offene Konzepte auch Kritik auslösen – zum Beispiel bei Eltern, die Schule anders kennengelernt haben. Deswegen betont er: "Leistung wird selbstverständlich weiterhin eingefordert." Und in den Räumen und Gängen werde jetzt nicht das Chaos ausbrechen, nur weil Wände und Türen verschwinden. "Zuhause lerne ich auch nicht nur am Schreibtisch, sondern dort, wo ich mir das Wissen entspannt und angenehm aneignen kann", sagt der Schulleiter. Außerdem gibt es bereits heute einen Ort in der Einrichtung, der stilbildend sein kann für die gesamte Schule: Die Mediothek. Auch dort finden sich Sitzkissen, Sofas und ein Raum, in dem kleine Gruppen in Ruhe arbeiten können. Die für 2021/22 anvisierte Zukunft an der Gesamtschule Gießen Ost hat also bereits jetzt begonnen.

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Der Umbau

Der bei einem Architektenwettbewerb ausgewählte Entwurf des Stuttgarter Büros "Lamott + Lamott" sieht eine Neustrukturierung, Sanierung und Erweiterung der Gesamtschule Gießen-Ost vor. Die bestehenden Gebäude sollen durch Neubauten ergänzt werden. Die gemeinsame Mitte wird nach den Plänen die Mensa sein, die gleichzeitig als multifunktionale Aula genutzt werden kann. Beginn der Arbeiten ist im Osttrakt.

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