Literatur- und Sprachwissenschaften verlieren an Bedeutung. FOTO: SCHEPP
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Literatur- und Sprachwissenschaften verlieren an Bedeutung. FOTO: SCHEPP

Universität

Germanistik-Fachbereich in Gießen erfindet sich neu

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Der Fachbereich "Sprache, Literatur, Kultur" an der Justus-Liebig-Universität erlebt abnehmende Studierendenzahlen und einen Bedeutungsverlust. Er muss sich neu erfinden.

Gießen(kw). Was studiere ich bloß? Deutsch war das beste Abifach, also Germanistik... Dieser Mechanismus hat den Geisteswissenschaften über Jahrzehnte regen Zulauf beschert. Doch heute können philologisch Interessierte unter einem riesigen Angebot wählen. Folge: Der Fachbereich "Sprache, Literatur, Kultur" der Justus-Liebig-Universität erlebt einen Bedeutungsverlust. Neue Studiengänge mit stärkerer Betonung der Berufsbezogenheit sollen nun für einen Aufschwung sorgen, sagt Dekan Prof. Thomas Möbius im GAZ-Gespräch. Die umfassende Neuorientierung war freilich ein schwieriger Prozess. Hat er dazu beigetragen, dass Möbius’ Wiederwahl derzeit in der Luft hängt?

Der FB 05 war vor zehn Jahren - legt man die Studierendenzahlen zugrunde - der größte an der JLU. Mittlerweile ist er auf den fünften Platz abgerutscht. Im Wintersemester 2015/16 waren 4500 Menschen in Germanistik, Anglistik, Romanistik, Slavistik oder Theaterwissenschaften eingeschrieben, im WS 2019/20 nur noch 3100. Drei Viertel davon wollen Lehrer werden. Ein solcher Rückgang könnte grundsätzlich einen Stellenabbau nach sich ziehen; entsprechende Ängste gehen um.

Berufsbezogenheit rückt in den Fokus

Am Ziel, die Bachelor- und Masterangebote wieder attraktiver machen, habe der Fachbereich in den letzten zwei Jahren intensiv gearbeitet, schildert Möbius. Der Studierendenschwund sei ein bundesweites Phänomen. Vor Ort gehe man nach einer Schwächen-Analyse diejenigen Faktoren an, die man beeinflussen kann.

So setzte man auf griffigere Bezeichnungen der Studiengänge. Das einstige Flaggschiff "Moderne Fremdsprachen, Kultur und Wirtschaft" (MFKW), das den prozentual stärksten Rückgang verzeichnete, heißt jetzt "Intercultural Communication and Business". Es gebe bereits "zahlreiche Interessenbekundungen", so der Dekan. Die Berufsbezogenheit werde auch in den Inhalten unterstrichen, etwa durch die Stärkung der kulturellen Praxis innerhalb der Germanistik-Ausbildung. "Die wenigsten unserer Absolventinnen und Absolventen landen in der Wissenschaft. Von dieser Vorstellung müssen wir uns verabschieden."

Ein weiteres Ziel: "Wir wollen die Identifikation mit dem Fachbereich verstärken." Dazu beitragen könne ein Abschlussfest auch für BA- und MA-Absolventen, "sofern das die Entwicklung mittel- und langfristig wieder zulässt". Weitere Ideen seien Sommerfeste mit der Fachschaft, Alumniarbeit - "da können wir auf die Erfahrungen des Karrierenetzwerks MFKW aufbauen" - oder Werbung an Schulen, erläutert Möbius. Mit Hilfe eines Monitorings wolle der Fachbereich die Entwicklungen beobachten und bei Bedarf schnell eingreifen.

Die Akkreditierung der neuen BA- und MA-Studiengänge sei abgeschlossen. Damit befinde man sich "auf halber Strecke", sagt Möbius. Denn in den nächsten drei Jahren stehe die Reakkreditierung der Lehramtsstudiengänge an, deren gesetzliche Grundlage gerade reformiert wird. Weil er "den Weg weiter mitgestalten" möchte, habe er sich erneut als Dekan beworben für die Amtszeit, die am 1. Oktober dieses Jahres beginnen soll.

Dekan-Wiederwahl hängt in der Luft

Die für den 24. Juni geplante Wahl kam - wie berichtet - allerdings nicht zustande. Uni-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee hatte eine Gegenkandidatin nicht zugelassen, weil er sich "Verantwortungskontinuität" wünsche. Mehrere Mitglieder des Fachbereichsrats verließen den Raum, so dass das Gremium nicht mehr beschlussfähig war - weil sie sich "entmündigt" fühlten, aber auch wegen Vorbehalten gegen den Amtsinhaber.

Machte sich Möbius unbeliebt, weil er Unannehmlichkeiten durchsetzen musste? "Ich glaube nicht, dass die Vorgänge um die Wahl ursächlich damit zusammenhängen, was wir in den letzten zwei Jahren getan haben", sagt der Dekan. Alle Fächer seien eingebunden gewesen in den "gemeinsam angestoßenen Prozess". Er habe zahlreiche positive Rückmeldungen bekommen.

Es komme bei so einer Reform darauf an, Ängste zu nehmen und einen "Abwehrkampf" gegen Neuerungen zu verhindern, weiß Mukherjee. Der Anglist gehörte vor 15 Jahren selbst dem Dekanat des Fachbereichs an, als es den Bologna-Prozess umzusetzen galt. Aktuell stehe das Präsidium - insbesondere Vizepräsidentin Prof. Verena Dolle und die Stabsabteilung Studium und Lehre - dem Fachbereich "mit Rat und Tat zur Seite".

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