Der Frauenanteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Amtsgericht Gießen ist sehr hoch.	FOTO: SCHEPP
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Der Frauenanteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Amtsgericht Gießen ist sehr hoch. FOTO: SCHEPP

Justizberufe

Gerichte in Gießen werden immer weiblicher

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Bis vor fast 100 Jahren war der Beruf des Richters nur Männern vorbehalten. Nun sprechen die Zahlen eine andere Sprache:Die Justiz in Gießen wird weiblicher.

Ein Prozess im September am Amtsgericht Gießen: Richterin Sonja Robe verurteilt einen Gießener, der seinen Arbeitgeber um über 16 000 Euro betrogen hat, zu einer Haftstrafe. Sein Anwalt kann den Wiederholungstäter nicht vor dem Gefängnis bewahren. Verfahren wie dieses sind hier Alltag. Und doch war dieser Prozess anders: Bis auf den Angeklagten, den Anwalt und den Redakteur dieser Zeitung saßen im Saal 200 ausschließlich Frauen: am Richterpult, bei der Staatsanwaltschaft, am Protokolltisch und die Studentinnen im Zuschauerraum. Es ist sicherlich nur eine zufällige Momentaufnahme gewesen. Aber sie macht deutlich: Die Justiz in Deutschland wird weiblicher.

Alleine die Zahlen sprechen für sich: Von den 275 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Amtsgerichts Gießen sind 213 Frauen. Das macht einen Anteil von rund 77 Prozent. 57 Prozent der Richterstellen sind von Frauen besetzt. Rechtspflegerinnen machen 61 Prozent aus, Beamtinnen des mittleren Dienstes 90 und Angestellte sogar 96 Prozent. Bei den Auszubildenden ist der Anteil an Frauen mit 84 Prozent ebenfalls hoch.

Dabei muss man bedenken, dass es Frauen in Deutschland erst seit der Verabschiedung des Gesetzes »über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen der Rechtspflege« im Jahr 1922 möglich ist, Richterin zu werden. Trotzdem dauerte es viele Jahre, bis das Verhältnis der Geschlechter ausgeglichen war. So gab es 1980 bundesweit nur 13 Prozent Frauen unter den Richterinnen und Richtern; 2016 waren es 44 Prozent.

Als Astrid Keßler-Bechtold und Susanne Gehlsen vor 20 Jahren als Richterinnen am Amtsgericht Gießen anfingen, waren sie und ihre Kolleginnen in der Minderheit. Gehlsen ist langjährige Betreuungs- und Insolvenzrichterin sowie Vorsitzende im Richterrat. Sie betont: »Die Justiz hat eine konservative Struktur. Das muss sie haben, weil sie bereits bestehende Gesetze anwendet. Aber es ist auch so, dass sich dort alte Rollenbilder lange halten konnten.«

Es ist vielleicht Zufall, dass das Hessische Justizministerium von einer Frau geleitet wird. Doch Eva Kühne-Hörmann (CDU) will das Thema Gleichberechtigung in der Justiz vorantreiben, sagt Gehlsen. Das Ministerium sieht zwei Gründe, warum immer mehr Frauen Richterinnen werden: »Sie haben die deutlich besseren Examina und suchen im Gegensatz zu einigen männlichen Jura-Absolventen keinen 60-Stunden-Job in einer Großkanzlei, sondern einen familienfreundlichen Arbeitgeber«, sagt Gehlsen. In den höheren Gehaltsklassen ist das Geschlechterverhältnis noch unausgeglichen. »Aber auch dort holen die Frauen auf«, sagt Richterin Sonja Robe.

Teilzeit zu arbeiten, schließt eine Beförderung in der Justiz nicht aus. Keßler-Bechtold ist dafür ein gutes Beispiel: Die zweifache Mutter teilt sich eine R 2-Stelle mit einer Kollegin. Wer aufstocken will, weil die Kinder groß sind, hat dazu die Möglichkeit; an größeren Gerichten wie in Frankfurt sei das leichter, sagt sie.

Alte Rollenbilder

Robe ergänzt: »Es liegt oft an der individuellen Situation. Hier legt niemand einem Steine in den Weg, im Gegenteil.« Jedoch sei nicht jeder bereit, sich für eine gewisse Zeit ans Oberlandesgericht Frankfurt oder ins Ministerium abordnen zu lassen - was bei einer Beförderung jedoch gerne gesehen wird. »Mit einer halben Stelle nach Frankfurt oder Wiesbaden zu pendeln, und dann mit Kindern«, sagt Robe, »bedeutet einen großen Zeitaufwand.« Deshalb betont auch Gehlsen: »Wir sind auch ein familienfreundlicher Arbeitgeber für Männer, die Stunden reduzieren oder Elternzeit nehmen wollen. Wir suchen auch Frauen, die Vollzeit arbeiten.«

Fragt man die drei Richterinnen, ob sie während ihrer Arbeit auf ihre Rolle als Frau reduziert oder anders behandelt wurden, verneinen sie. Vielleicht liegt das auch daran, das der Beruf der Richterin und des Richters mit einer besonderen Autorität verbunden ist. Robe, die sich um Strafsachen kümmert, betont: »Ich werde nie anders behandelt, als meine männlichen Kollegen. Ich mache den Job wie jeder andere Richter auch.«

Keßler-Bechtold ist Familienrichterin. Sie hat neun Kolleginnen - und einen Kollegen. Auch gebe es in diesem Bereich viele Anwältinnen und Jugendamt-Mitarbeiterinnen. »Da kann es auch mal vorkommen, dass Männer sich in eine Ecke gedrängt fühlen.« Dabei habe sie als Richterin die gesetzliche Aufgabe, auf eine gütliche Einigung und Einvernehmen hinzuwirken. Gehlsen erzählt, dass ältere Menschen erleichtert reagierten, wenn sie sich als Betreuungsrichterin vorstelle. »Gerade bei ihnen gibt es noch die Vorstellung, dass ein Richter ein älterer, ernster Mann ist«, sagt sie. Dieses Rollenbild ist längst Vergangenheit.

Warum interessieren sich kaum Männer für den Beruf des Justizangestellten? Susanne Gehlsen sagt, dem Beruf hänge das Image der Schreibkraft an. »Das ist schon lange nicht mehr so«, sagt sie, »denn es ist mittlerweile ein abwechslungsreicher und komplexer Job.«

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