Gerhard Kerzmann auf dem Kunstrasenplatz des TSV Klein-Linden. Er selbst hat das Kicken im Käfig auf roter Asche gelernt. FOTO: CHH
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Gerhard Kerzmann auf dem Kunstrasenplatz des TSV Klein-Linden. Er selbst hat das Kicken im Käfig auf roter Asche gelernt. FOTO: CHH

Mensch, Gießen

Gerhard Kerzmann: Auf der "Hütte" in Gießen geformt

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gerhard Kerzmann beweist als Vorstand des TSV Klein-Linden Sinn für Gemeinschaft und hat im Verein viel bewegt. Seine Jugend auf der Margaretenhütte hat den 48-Jährigen geprägt.

Gerhard Kerzmann schlurft in Flip-Flops über das Trainingsgelände des TSV Klein-Linden. Man sieht dem Vorstandsmitglied an, dass ihm zwei Stunden Tennis in den Knochen stecken. "Das ist das Schöne an einem Mehrspartenverein: Man kann in viele Bereiche hineinschnuppern." Kerzmann macht zum Beispiel gerade das Sportabzeichen, außerdem versucht er sich im Tanzen. Sein Herz aber, das schlägt schon immer für den Fußball. Von solch einem edlen Kunstrasen, der sich neuerdings hinter dem TSV-Vereinsheim erstreckt, konnte der 48-Jährige als Kind jedoch nur träumen. Er lernte das Kicken auf die harte Tour. "Mit den Älteren im Käfig auf dem roten Ascheplatz", sagt Kerzmann. Er blickt dabei in Richtung der Bäume hinter dem Trainingsplatz. "Da hinten liegt die Hütte."

Gummiinsel, Eulenkopf, Margaretenhütte: Drei Siedlungen, die für viele Gießener jahrelang ein Stigma waren. Heute sind die einstigen Brennpunkte dank engagierter Sozialarbeit gut in die Stadt integriert. Früher aber trugen die Randbezirke ihren schlechten Ruf nicht zu unrecht. "Wenn du auf der Hütte aufgewachsen bist, musstest du besser sein als die anderen. Oder zumindest stärker."

Kerzmanns Mutter stammt aus der Margaretenhütte, seinen Vater hatte es in den Nachkriegswirren an die Lahn verschlagen. Um sich über Wasser zu halten, verkaufte das Paar aus dem Wohnzimmer heraus Getränke an die Nachbarn. Daraus wurde mit der Zeit erst ein Tante-Emma-Laden und dann eine Kneipe. Das "Zum Henz" war Treffpunkt für die ganze Siedlung.

Johann Kerzmann war ein engagierter Macher, wie es sein Sohn formuliert. "Er hat den Schwarz-Weiß Gießen mitgegründet und war in der SPD aktiv." 1969 habe er dann zusammen mit anderen Genossen die Not der Kinder auf der Margaretenhütte lindern wollen. "Viele konnten nicht lesen und schreiben, sie sind oft nicht in die Schule gegangen, weil sie auf dem Schrott helfen mussten." Kerzmann Senior und seine Mitstreiter organisierten daher eine Hausaufgabenhilfe. Einen Ort, an dem die Schüler nicht nur lesen, schreiben und rechnen lernten, sondern auch spielen konnten. Es war der Startschuss für die Projektgruppe, die sich noch heute um die Anliegen der Bewohner kümmert. "Mein Vater hat in der Anfangszeit seinen Kneipenraum dafür zur Verfügung gestellt", erinnert sich der Sohn.

Nicht nur den anderen Kindern aus dem Viertel wollte Johann Kerzmann zu einer bessere Zukunft verhelfen, sondern auch seinem Sohn. Er animierte ihn daher, nach seinem Mittleren Reife an der Brüder-Grimm-Schule einen höheren Abschluss anzustreben. "Ich bin dann auf die Friedrich-Feld-Schule gegangen und habe mein Wirtschaftsabi gemacht. Als erster von der Hütte."

Gerhard Kerzmann sagt, sein Vater habe ihm viel mit auf dem Weg gegeben. Das Ausprobieren, sich von möglichen Schwierigkeiten nicht abschrecken zu lassen. "Das versuche ich auch im Verein umzusetzen", sagt er. Das ist ihm gelungen. Dabei ist er erst vor zwölf Jahren in den TSV eingetreten.

Damals war es um den Klein-Lindener Fußball nicht besonders gut bestellt. Die Jugend war am Niedergehen, die erste Mannschaft stand vor dem Abstieg. "Mit vielen Wegbegleitern haben wir die Fußballabteilung wieder hochgebracht. So bin ich ins Ehrenamt gerutscht." Knapp zehn zusätzliche Mannschaften sind in den vergangenen Jahren entstanden. Zwei Sparten in dem rund 1350 Mitglieder zählenden Verein liegen Kerzmann jedoch besonders am Herzen: Zum einen die Mädchen- und Frauenteams, die aus dem Nichts Aufstieg um Aufstieg gefeiert haben. Zum anderen die ID-Mannschaft. ID steht für "intellektuelle Defizite."

Seit gut fünf Jahren bietet der TSV Sport für geistig beeinträchtige Personen an. Als Kerzmann die Spieler das erste Mal kicken sah, war er auf Anhieb begeistert. Nicht nur vom Niveau, sondern auch vom Umgang auf dem Platz. "Da wird nicht nachgetreten. Wenn einer hinfällt, helfen die anderem ihm wieder auf."

Viele der ID-Sportler haben in ihrem Leben Ausgrenzung erfahren. Das Gemeinschaftsgefühl im Verein beflügelt sie daher geradezu. "Sie tragen den TSV-Trainingsanzug mit Stolz. Sie fühlen sich hier aufgenommen und als ganz normales Mitglied. Das stärkt sie erheblich. Auch abseits des Sportplatzes." Kerzmann denkt zum Beispiel an den jungen Mann mit autistischen Zügen, der am Spieltag einen Elfmeter versenkte. "Am Montag danach hat er in der Schule zum ersten Mal von sich aus etwas erzählt." Kerzmanns Augen leuchten: "Was für ein Erfolg. Dagegen ist jede Meisterschaft unwichtig."

Kerzmann hat im Verein viel bewegt. Auch bei der Etablierung des Weihnachtsmarkts, des Triathlons oder dem Bau des 2019 eingeweihten Kunstrasenplatzes. Er würde aber nie auf die Idee kommen, diese Erfolge allein für sich zu beanspruchen. Immer wieder nennt er Namen von Vereinsmitgliedern, die Projekte angestoßen, mit ihm umgesetzt oder nach ihm fortgeführt haben. Ruben Ebenig zum Beispiel, Arne Hauptmann, Anke Lörch, Mario Pitz und Stefan Trzenschiok, Gerd Zörb, Tim Rüdesheim, das Ehepaar Lubbadeh und natürlich auch den verstorbenen Ibo Jung. "Ich bin ein Macher und gehe gerne vorneweg. Das geht aber nur mit richtig guten Leuten, die an einem Strang ziehen."

Kerzmann ist angesehenes Vorstandsmitglied in einem etablierten Verein. Er engagiert sich ehrenamtlich, ist Mitglied in der SPD und sitzt im Vorstand der Margaretenhütte. Es gab eine Zeit, da schien das Leben des Gießeners jedoch einen anderen Weg zu nehmen. "Wenn du auf der Hütte aufgewachsen bist, musstest du viel einstecken. Du hast aber auch ausgeteilt." Kerzmann sagt von sich, eine kurze Zündschnur zu haben. "Ich bin einem Streit nie aus dem Weg gegangen." Hinzu kam das Feiern. Als Kerzmann jung war, waren Trinken und Fußball untrennbar miteinander verbunden. Donnerstags nach dem Training wurde das erste Bier gekippt, sonntagnachts in der Zwibbel das letzte. "Ich habe damals einiges getrunken. Das war einfach so." Heute werde nach einem Fußballspiel ein Kasten mit Apfelschorle in die Kabine gebracht, erzählt Kerzmann. Er muss bei dem Gedanken lachen: "Hättest du das früher gemacht, wärst du aus der Kabine geschlagen worden."

Die Feier-Zeit ist lange vorbei. Und die kurze Zündschnur sei heute auch kein Problem mehr. "Das haben wir gut in den Griff gekriegt."

Mit "Wir" meint er vor allem seine Ehefrau Daniela. Die beiden sind schon seit über 30 Jahren ein Paar und haben einen elfjährigen Sohn. "Sie kennt mich also schon seit meinen harten Zeiten. Aber sie hat mich genommen wie ich bin." Schmunzelnd fügt er hinzu: "Sie hat mich geformt. An der ein oder anderen Stellschraube gedreht, ohne dass ich es gemerkt habe. Wie es eben nur Frauen können." Auch beruflich hat Kerzmann seiner Frau viel zu verdanken. Nach seinem Abi arbeitete der Gießener in einem Steuerbüro. Gemeinsam mit seiner Daniela holte er dann aber seinen Betriebswirt nach. Heute ist er Prokurist bei einer Gießener Einkaufsgenossenschaft.

Für das Foto öffnet Kerzmann das Tor zum Kunstrasenplatz. In der Nähe der Mittellinie setzt er sich auf einen Klappstuhl. Keine 1000 Meter hinter ihm liegt die Margaretenhütte. Den roten Bolzplatz gibt es heute noch. Dort im Käfig hat Kerzmann mehr als nur kicken gelernt. Zum Beispiel, dass einem im Leben nichts geschenkt wird. Man sich durchsetzen muss, auch wenn andere bessere Voraussetzungen haben. Vor allem aber: Dass man als Einzelkämpfer viel erreichen kann. Als Teamplayer aber noch viel mehr.

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