60. Geburtstag

Gerda Weigel-Greilich: Stammplatz mit 60

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Jamaika, Rot-Grün, Kenia – sie war immer dabei. Auf der Bank des hauptamtlichen Gießener Magistrats hat Gerda Weigel-Greilich (Grüne) seit 2006 einen Stammplatz. Am Samstag wird sie 60.

Wir müssen erst einmal auf unsere Strategin warten, die uns erklärt, was die Zahlen zu bedeuten haben." Eine Prise Spott und viel Achtung steckt in diesem Satz, den die Grünen-Stadtverordnete Bettina Speiser am Abend der Landtagswahl Ende Oktober über ihre Parteifreundin Gerda Weigel-Greilich sagte. Denn was gab es bei diesem grandiosen Wahlerfolg der Grünen bei der Hessischen Landtagswahl noch groß zu interpretieren oder zu hinterfragen? Aber genau das sind die Momente, in denen die Gießener Grünen an den Lippen ihrer Anführerin hängen. Liegen sich alle jubelnd in den Armen, wäscht Weigel-Greilich die Risiken eines Wahlergebnisses aus dem Zahlensalat heraus. Und liegen alle am Boden, sieht sie Chancen, wo eigentlich keine sind. Am Samstag wird Weigel-Greilich 60 Jahre alt.

Ruf einer Strategin

Den Ruf der Strategin hat sich die Allendorferin erworben, nachdem sie im Frühjahr 2002 ins Stadtparlament nachgerückt war, sich im heftigen innergrünen Machtkampf mit dem Realoflügel gegen den linken Flügel um die frühere Bürgermeisterin Karin Hagemann durchsetzte und im Herbst des gleichen Jahres Fraktionsvorsitzende wurde.

Es folgten zwei Momente, in denen der SPD schwante, dass ihr der traditionelle Bündnispartner abhanden kommen könnte. Als im Dezember 2002 die CDU/FWG/FDP-Koalition die umstrittene Gefahrenabwehrverordnung unter Polizeischutz beschloss, machten die Grünen beim Showdown, den die regierende CDU und die oppositionelle SPD veranstalteten, nicht mit. Die Fraktion blieb sitzen, als die Genossen unter Protest gegen den im Parlament anwesenden Staatsschutz das Rathaus verließen. Und wenige Monate später half Weigel-Greilich der bürgerlichen Koalition mit der Zustimmung der Grünen zum Haushalt aus der Patsche. "Die Dame will in den dicken Ledersessel", ätzte Sozialdemokrat Klaus-Philipp Lange.

Den Grünen Optionen eröffnet

Weigel-Greilich hatte ihrer Partei neue Optionen eröffnet. Nach der Kommunalwahl 2006 kehrten die Grünen fast folgerichtig in die Regierung zurück, das über die Stadtgrenzen hinaus beachtete Experiment mit der Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP glückte. Und genauso zielgerichtet führte die im Oktober 2006 zur Bürgermeisterin gewählte frühere Unifrauenbeauftragte ihre Partei 2011 zurück in eine Koalition mit der SPD, obwohl es auch für eine Neuauflage mit Union und Liberalen gereicht hätte. Die von ihren Kritikern vorhergesagte Abstrafung fürs Bündnis mit der CDU und dem "Bau-Rausch", mit dem sich die Dezernentin der Grünen glänzend verstand, war bei der Wahl ausgeblieben: Weigel-Greilich holte das zweitbeste Ergebnis aller Kandidaten.

Da war ihr größter Kampf längst im Gange. 2005 hatte sich Gießen für die Landesgartenschau 2014 beworben, aber die Bewerbung lag brach, weil sich CDU-Kämmerer Volker Kölb um den Haushalt sorgte und auf der Bremse stand. Als die Gießener Wirtschaft unter Federführung des BID-Vorsitzenden Heinz-Jörg Ebert im Frühjahr 2007 mehr Engagement für die Bewerbung einforderte, griff Gartenamts-Dezernentin Weigel-Greilich zu und machte die LGS zur Chefinsache. Mit einer Entschlossenheit, die sich mancher Gießener Alltagsradler von der grünen Bürgermeisterin bei der Durchsetzung verkehrspolitischer Ziele gewünscht hätte, räumte Weigel-Greilich alle Hindernisse aus dem Weg, ließ die Unterführung an der Ostanlage zuschütten, legte sich mit Naturschutzverbänden an und wurde von den LGS-Gegnern als "Kettensägen-Gerda" oder "Lady Laga" geschmäht und verspottet. Auch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) bekam ihre Entschlossenheit zu spüren und sprach anschließend nur noch kleinlaut über die Möglichkeit, die Bürger über die LGS abstimmen zu lassen.

Kampf um die Gartenschau

Auch hier hatte Weigel-Greilich auf lange Sicht gehandelt und den städtebaulichen Wert der Gartenschau erkannt. Was in dem halben Jahr "Blümchenschau" im runderneuerten Stadtpark Wieseckaue passierte, war für sie Nebensache. Wer insbesondere die Veränderungen am innerstädtischen Lahnufer sieht, wo deutlich geworden ist, dass die Stadt Gestaltungs- und nicht Parkraum ist, oder den Christoph-Rübsamen-Steg, muss dem Resumee zustimmen, dass die Landesgartenschau Gießen nicht nur etwas, sondern viel gebracht hat.

Nach diesem Höhepunkt hätte sie eigentlich aufhören können, Abwanderungsgelüste Richtung Landespolitik oder RP wurden ihr wiederholt – und zu Unrecht – nachgesagt. 2016 kandidierte sie wieder als Spitzenkandidatin der Grünen bei der Kommunalwahl, zum dritten Mal in Folge. Vor wenigen Wochen wurde sie für weitere sechs Jahre gewählt, diesmal als Stadträtin. Sie wird 65 sein, wenn ihre dritte Amtszeit endet. Das scheint wieder einmal zu passen. Gerda Weigel-Greilich würde sich nie in ein Flugzeug setzen, dessen Pilot auf Sicht fliegt.

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