Man sieht es: Gießens israelische Partnerschaft spielt im Leben von Gerd Zörb eine große Rolle. FOTO: SCHEPP
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Man sieht es: Gießens israelische Partnerschaft spielt im Leben von Gerd Zörb eine große Rolle. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Gerd Zörb: Großes Herz für Kleinlinden

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Kaum ein Mensch hat sich um die Kleinlindener Gemeinschaft so verdient gemacht wie Gerd Zörb. Der 77-Jährige setzt sich seit Jahrzehnten intensiv für die Vereine ein.

Das Telefon klingelt. Es dauert nicht lange, bis Gerd Zörb den Hörer abnimmt. Ob er Zeit für ein Gespräch habe? Auch ein längeres? Um von seinem Leben zu erzählen. "Klar", sagt das Kleinlindener Urgestein und fügt lachend hinzu: "Wo sollte ich auch schon hin?" Vermutlich ist es das erste Mal in seinem Leben, dass der 77-jährige so wenig zu tun hat. Die Corona-Krise zwingt auch den nimmermüden Tausendsassa dazu, die Füße stillzuhalten. Wobei: Selbst in der Isolation fordern seine vielen Engagements seine Aufmerksamkeit.

Es gibt kaum einen Verein in Kleinlinden, den Zörb nicht mitgeprägt hat. Er ist Vorsitzender und Gründer der Vereinsgemeinschaft, seit 60 Jahren Mitglied im Männergesangsverein Arion, er sitzt im Beirat des TSV und unterstützt als passives Mitglied die freiwillige Feuerwehr. Den Grillplatz am Hellberg hat er ebenfalls ins Herz geschlossen, regelmäßig schaut er als Platzwart dort oben nach dem Rechten. Als Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Gießener Gesangs- und Musikvereine ist er ebenfalls gefordert, und nicht zuletzt gilt seine Leidenschaft dem Partnerschaftsverein Netanya. Es ist also nicht übertrieben, wenn Zörb von sich behauptet, ein geselliges Leben zu führen. Und das macht der 77-Jährige schon seit jeher in seinem "Linnes".

Zörb ist mitten im Krieg in Kleinlinden auf die Welt gekommen. Die Mutter kümmerte sich um die beiden Söhne und verdiente sich durch das Drehen von Zigarren ein paar Mark hinzu. Der Vater sollte später fünf Jahrzehnte lang bei der Firma Leitz in Wetzlar arbeiten, während Zörbs Kleinkindzeit war er aber vor allem Soldat. "Meine Mutter ist mit mir und meinem Bruder jeden Tag nach Groß-Rechtenbach gelaufen. Dort hatten die Eltern meines Vaters eine Landwirtschaft und somit etwas zu Essen. Außerdem war es dort sicherer." Keine leichte Zeit für die beiden Söhne, zumal der Vater erst 1947 aus der russischen Kriegsgefangenschaft nach Hause kam. Aber Zörb will nicht klagen. Schließlich ging es den meisten Kindern damals nicht anders. Vor allem ist seine Kindheitserinnerung durch die Zeit danach geprägt. Durch das Leben mitten im Dorf mit vielen Freunden, den Besuch der Volksschule oder später in der Jugend der Mitgliedschaft im Männergesangsverein. Zörb muss lachen: "Die Älteren haben uns Jüngeren auch mal einen Schoppen ausgegeben, damit wir auch ja zur Singstunde kommen." Nicht nur deswegen sagt der Senior: "Ich hatte eine tolle Kindheit und Jugend."

Beruflich lief es auch nicht schlecht. Nach der Schule absolvierte Zörb in Gießen bei der Firma NCR eine Ausbildung zum Mechaniker. Danach wechselte er zu Canon. Vom einfachen Angestellten in der Entwicklung arbeitete er sich zum stellvertretenden Produktionsleiter und Qualitätsleiter bis hin zum Bereichsleiter hoch. "Ich habe die ganzen Reklamationen in Europa durchgeführt", sagt Zörb und erzählt, dass er für seinen Job auf der ganzen Welt gelebt habe: China, Hongkong, Japan, Italien, Niederlande. Seine Hannelore dürfte daher froh gewesen sein, als Zörb 2006 in Rente ging. Auf der anderen Seite weiß die Ehefrau: Ohne den Beruf hätten sich die beiden womöglich niemals kennengelernt.

Gerd und Hannelore Zörb haben vor dreieinhalb Jahren Goldene Hochzeit gefeiert. Kennengelernt haben sie sich auf dem Weg zur Arbeit. "Sie hat im Schiffenberger Tal in einer Schuhfabrik gearbeitet. Wir sind also morgens zusammen mit dem Bus gefahren." Vertieft wurde die Bekanntschaft bei der letzten Kirmes in der Kleinlindener Gastwirtschaft "Zur deutschen Eiche".

Nicht nur deswegen ist die Kirmes eine Geselligkeit, die Zörb am Herzen liegt. Daher hat er sie im vergangenen Jahr im Zuge der 750-Jahr-Feier auch wieder aufleben lassen - nach 20 Jahren Pause. Zörb ist für diese Reanimation gefeiert worden, er selbst will die Lorbeeren aber lieber an die Dorfjugend weiterreichen. "Die jungen Leute haben mich dabei unheimlich unterstützt", sagt der 77-Jährige und betont, die Jugendlichen hätten sich sehr engagiert und hervorragende Arbeit geleistet.

Das Zusammenleben in Kleinlinden ist Zörb sehr wichtig, weshalb er von vielen auch als Brückenbauer gesehen wird, gerade bei den teils konkurrierenden Interessen der Vereine. Aber nicht nur sein Heimatort liegt dem 77-Jährigen am Herzen. Sondern auch Netanya, Gießens Partnerstadt in Israel. Es ist noch gar nicht lange her, es war im Zuge des 75. Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, da sagte Zörb bei einem Treffen in der Gießener Synagoge: "Ich bin in meinem Leben viel herumgekommen, aber nirgends bin ich mit so viel Herzlichkeit aufgenommen worden wie in Israel."

Zwei Monate später kann er diesen Satz nur unterstreichen. 2004 sei er mit der gesamten Familie das erste Mal nach Israel geflogen. "Das ist durch die Vereine zustande gekommen. Es gab einen Austausch des TSV mit einer Basketballgruppe aus Netanya." Später sei es dann die Zusammenarbeit mit der dortigen Musikschule und den Nitsan-Chor gewesen, die den Kleinlindener Jahr für Jahr nach Israel fliegen ließen. "Im Mai wollten wieder nach Netanya", sagt Zörb, "aber das müssen mir jetzt natürlich canceln." Klar: Die Grenzen sind dicht, Reisen sind tabu. Corona legt das Leben lahm.

Zörb ist nicht nur 77 Jahre alt, er ist auch Diabetiker. "Ich bin also ein Risikopatient", sagt der Kleinlindener. Natürlich bereite ihm die Ausbreitung des Virus große Sorgen. "Aber zum Glück schafft meine Tochter in der Klinik. Sie achtet nicht nur streng darauf, dass ich mich an die Regeln halte, sie versorgt uns auch." Da passt es gut, dass die Tochter ebenfalls auf dem Familiengrundstück wohnt. Auch die beiden Enkeltöchter, die längst erwachsen sind, wuchsen hier auf. "Das Leben hat sich immer auf dem Hof abgespielt", sagt der Großvater. "Es ist schön, wenn die Familie nah bei einem ist."

Momentan heißt es jedoch Abstand halten. Man könnte meinen, für einen Mann, der sein Leben lang die Geselligkeit gesucht hat, sei die Isolation eine Folter. Tatsächlich aber scheint Zörb die Ruhe ein wenig zu genießen. "Ich kann endlich mal Sachen aufarbeiten. Zum Beispiel der ganze Schriftverkehr mit den Vereinen." Das zeigt: Auch in der Isolation kümmert sich Zörb um die Linneser Gemeinschaft. Daran wird auch eine Virus-Pandemie nichts ändern können.

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