Nicht überall in der Welt haben die Menschen genug zu essen. Das müsste nicht sein, meint Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe, bei ihrem Vortrag in der Uni-Aula.
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Nicht überall in der Welt haben die Menschen genug zu essen. Das müsste nicht sein, meint Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe, bei ihrem Vortrag in der Uni-Aula.

"Genug Nahrung für alle da"

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"In einer gerechten Welt gibt es keinen Hunger": Mit dieser provokanten These hat Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe, die hochkarätig besetzte Vortragsreihe der Uni Gießen "Landwirtschaft am Limit - Welternährung im Wandel" zu den Themen Klimakrise, Bevölkerungswachstum und Artensterben eröffnet.

Die prägenden Rahmenbedingungen der Landwirtschaft im 21. Jahrhundert sind der Klimawandel, die wachsende Weltbevölkerung und der Verlust der Artenvielfalt. Im ökologischen Landbau sehen die einen dafür die Lösung. Auf die weitere Intensivierung des konventionellen Agrarsektors setzen wiederum andere. Was ist nun die bessere Lösung?

Sieben Referenten befassen sich in einer Ringvorlesung des Präsidenten der Justus-Liebig-Universität (JLU) mit den Chancen und Risiken unterschiedlicher Formen von Landnutzung in einer globalisierten Welt. Thema ist: "Landwirtschaft am Limit - Welternährung im Wandel". Prominenteste Redner sind Dr. Anton Hofreiter, Co-Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag (er spricht am 21. November) und Julia Klöckner, Bundesministerin für Landwirtschaft und Ernährung (am 10. Februar).

Den Auftakt der Ringvorlesung machte am Montag Marlehn Thieme, Präsidentin der 1962 gegründeten Welthungerhilfe. Der Titel ihres Vortrages beinhaltete zugleich ein Statement: "In einer gerechten Welt gibt es keinen Hunger."

"Die gute Nachricht ist", sagte Thieme, "dass bei Gründung der Welthungerhilfe vor 57 Jahren jeder vierte Mensch unseres Planeten hungerte. Obwohl die Weltbevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen ist, leidet heute nur noch jeder neunte an Hunger." Allerdings gebe es auch eine schlechte Nachricht: "Seit drei Jahren steigt die Anzahl der unterernährten Menschen. Derzeit sind es 822 Millionen, vor allem in Afrika und Südostasien. Und andererseits ist die Anzahl der Übergewichtigen auf zwei Milliarden gestiegen." Unterernährung führe beim Wachstum zu Entwicklungsstörungen und bedinge eine hohe Sterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren.

Schon heute sei genug Nahrung für alle da. Zu viel würde angebaut für Viehfutter und energetische Rohstoffe. Kriege und Konflikte führten zu Hungersnöten. Der Klimawandel wirke sich besonders negativ auf die am wenigsten entwickelten Länder aus. Armut und nationale Ungleichheiten seien ein weiterer Grund für Hunger. So müsste Indien, wo 94 Millionen Menschen hungerten, "aufgrund der wirtschaftlichen Lage seine Bevölkerung eigentlich selbst ernähren können", meinte Thieme, die seit 2012 auch Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung ist. Frauen und Minderheiten seien generell am häufigsten von Hunger betroffen.

Als unfair bezeichnete die Referentin die europäische Wirtschafts- und Handelspolitik. Subventioniertes Milchpulver würde in Westafrika zu Dumpingpreisen verkauft. Auf der einen Seite sicherten die Subventionen 40 Millionen heimische Arbeitsplätze. Doch dürften aus Afrika nur unverarbeitete Lebensmittel importiert werden, was die dortige Verarbeitungsindustrie nicht hochkommen lasse. "Fragt Klöckner danach, wenn sie demnächst hier spricht!", forderte Thieme.

Ein ganz anderes Kapitel sei die Ressourcenverschwendung. In manchen Ländern würden bis zu einem Drittel der Lebensmittel weggeworfen. In den armen Ländern fehlten gute Lager- und Transportwege. Letztlich seien schlechte Regierungsführungen schuld an der nicht ausreichenden Nahrungsversorgung. Statt ländliche und kleinbäuerliche Bereiche zu fördern, würden die vielfältigen Interessen der korrupten Eliten bedient.

Bei der Zertifizierung von Exportproduktionen sei auch wichtig, zu überprüfen, "ob die Produzenten selbst nicht hungern".

19 Millionen Hektar Land benötigten die Nahrungsmittel, die von Deutschland importiert würden. Dies sei mehr als die inländische Anbaufläche. Thieme appellierte: "Wir müssen nicht unbedingt dem Verzicht und der Reduktion das Wort reden - sondern anders essen."

Wissenschaftlicher Koordinator der Vortragsreihe ist Prof. Lutz Breuer, der im Fachbereich Landwirtschaft, Ökotrophologie und Umweltmanagement eine Professur für Landschafts-, Wasser und Stoffhaushalt hat. "Die Aula ist ja rappelvoll" stellte er beim Vortrag Thiemes erfreut fest. Für JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee geht es bei der Vortragsreihe "um mehr als nur um die Produktion einer ausreichenden Menge an Lebensmitteln. Es geht um nachhaltige Lösungen für zukünftige Generationen - und dies in globalen Maßstäben." (Fotos: dpa/rsc)

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