Die Diakonie-Sozialpädagogin Gertrud Monninger-Wolff von der Aufenthaltsstätte "Brücke" versorgt Hilfsbedürftige derzeit unter freiem Himmel mit Post, Kaffee und Frühstückspaketen. FOTO: SCHEPP
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Die Diakonie-Sozialpädagogin Gertrud Monninger-Wolff von der Aufenthaltsstätte "Brücke" versorgt Hilfsbedürftige derzeit unter freiem Himmel mit Post, Kaffee und Frühstückspaketen. FOTO: SCHEPP

"Das Gemeinsame fehlt"

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Möglichst zu Hause bleiben: Menschen ohne Wohnung können das nicht. Das Wegfallen der gewohnten Kontakte trifft sie hart. Viele Angebote indes laufen auch in der Corona-Krise weiter.

Zwischen Leuten sein. Ein bisschen quatschen. Manchmal gibt es etwas Leckeres." Die 60-Jährige seufzt und nippt am Kaffee im Pappbecher. "Ich bin gerne in der ›Brücke‹." Zurzeit muss die Gießenerin auf das gemeinsame Frühstück in der Tagesaufenthaltsstätte des Diakonischen Werks verzichten. Wegen der Corona-Krise sind auch die Hilfsangebote für Wohnungslose und andere Bedürftige eingeschränkt. Die Kontaktverbote treffen diejenigen, deren Leben sich zu einem erheblichen Teil auf der Straße abspielt, besonders hart, berichten Sozialarbeiter.

Gertrud Monninger-Wolff steht mit einem Rollwagen vor dem Haus Dammstraße 4. Zwei Stunden lang betreut sie an jedem Vormittag außer am Wochenende eine wichtige Anlaufstelle unter freiem Himmel. Die 200 "Brücke"-Klienten, die die Einrichtung als Adresse nutzen, können ihre Post abholen. Dazu gibt es Kaffee, Tee und vorgepacktes Essen. Ein Bäcker stellt wie immer Vortagsware zur Verfügung, die Ahmadiyya-Gemeinde spendet Lunchpakete.

Die Räume oben im Haus dürfen nur noch nach Voranmeldung genutzt werden - mit möglichst wenig Kontakt zu anderen. Duschen, Wäsche waschen und die Behandlung in der Arztsprechstunde zweimal in der Woche sind nach wie vor möglich. Ebenso die Einzelberatung, betont Monninger-Wolff, und die werde zurzeit viel genutzt.

Ob die Menschen an der Tür klingeln oder anrufen: "Oft sprechen sie erst einmal eine Kleinigkeit an. Irgendwann merkt man: Es geht eigentlich um Einsamkeit oder Ängste." Ein Brief zum Schuldenstand könne in der momentanen seelischen Ausnahmesituation als "extrem belastend wahrgenommen" werden. Die Tagesstruktur fehle den Menschen. Das könne Betteln oder Flaschensammeln sein, vor allem aber "das Gemeinsame". Die Gruppe beim Brücke-Frühstück etwa empfänden viele als "Familie", weiß Monninger-Wolff.

"Unsicher" fühlt sich die 60-Jährige, wenn sie das Haus verlässt. "Aber die Busse fahren ja sowieso nur noch selten." Sie sitzt zurzeit viel vor dem Fernseher oder Computer. Dort liest sie zum Beispiel, dass die Pandemie von "Terroristen aus China" ausgelöst worden sei - und glaubt diesen Verschwörungstheorien.

"Ich gehe viel spazieren, meistens alleine", sagt ein 48-Jähriger. "Der direkte Kontakt mit Menschen fehlt mir." Ein 38-Jähriger bedauert, dass er in der Brücke nicht mehr jeden Tag duschen kann. Immerhin erleichtere das sonnige Wetter die Lage. Gertrud Monninger-Wolff mag gar nicht darüber nachdenken, was diese Krise im Winter bedeutet hätte. "Zumindest tagsüber kann man sich jetzt auch draußen aufwärmen."

"Lagerkoller" im Wohnheim

"Zu einigen Leuten habe ich derzeit keinen Kontakt und weiß nicht, was los ist", sagt Konstantin Potthoff besorgt. Zusammen mit seiner Kollegin Tanja Potthoff leistet der Straßensozialarbeiter der Diakonie weiterhin Aufsuchende Arbeit - trifft seine Klienten aber oft nicht an den gewohnten Plätzen an, zum Beispiel, weil die Ordnungspolizei Gruppen auflöst. "Dabei nehme ich die Szene so wahr, dass sich die Leute durchaus des Ernstes der Lage bewusst sind und Abstand halten." Per Mobilfunk seien nicht alle zu erreichen. Manche Behördenangelegenheiten, um die Potthoff sich kümmert, hängen in der Luft.

Auf dem Gelände der Arbeiterwohlfahrt am Falkweg bemühen sich die Mitarbeiter um eine Gratwanderung zwischen guter Betreuung, dem nötigen Abstand und den Appellen zum Zuhausebleiben, schildert Christian Garden, Leiter des Hilfeverbunds Wohnen und Arbeit. Den Übernachtungsbereich habe man entzerrt und halte zwei Zimmer für mögliche Corona-Verdachtsfälle frei. Wegen des großen Bedarfs sei die Unterbringung in Mehrbettzimmern derzeit nicht zu ändern.

Im stationären Wohnheim "haben wir glücklicherweise Einzelzimmer". Dass sie die möglichst wenig verlassen sollen, sei schwer für die Bewohner, die häufig süchtig oder psychisch krank sind. "Langsam bemerkt man einen Lagerkoller", so Garden. Im betreuten Wohnen funktioniere der Kontakt per Telefon erstaunlich gut. "Die Leute rufen gern und oft an. Manche lesen ganze Briefe vor." Auf Dauer seien persönliche Begegnungen unabdingbar. Derzeit gehe indes die Gesundheit vor, betont Garden: "Wir müssen sowohl unsere Klienten als auch unsere Mitarbeiter so gut wie möglich schützen."

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