Dr. Christian Rempel ist auch heute noch Herausgeber der MDV-Zeitungen.
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Dr. Christian Rempel ist auch heute noch Herausgeber der MDV-Zeitungen.

75 Jahre »Gießener Allgemeine«

Gemeinsam für die Zeitung: Das große Jubiläumsinterview mit Herausgeber Dr. Christian Rempel

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Dr. Christian Rempel hat jahrzehntelang das Unternehmen rund um die »Gießener Allgemeine Zeitung« geführt. Im Interview erzählt er, wie das war - in den wilden 1970er und 1980er Jahren.

Heute auf den Tag genau vor 75 Jahren erschien in und um Gießen die erste Ausgabe der »Freien Presse«, dem Vorläufer der „Gießener Allgemeinen Zeitung. Dr. Christian Rempel übernahm zu einer Zeit Verantwortung, als im Verlag der Allgemeinen eine technische Revolution zu bewältigen war: Die Umstellung von Blei- auf Fotosatz. Jahrzehntelang hat er das Unternehmen geführt. Im Interview erzählt er, wie das war – damals in den wilden Siebziger- und Achtzigerjahren.

Herr Dr. Rempel, 75 Jahre »Freie Presse« und »Gießener Allgemeine«. Was fällt Ihnen zu diesem Jubiläum ganz spontan ein?

Viel Arbeit. Und eine lange Zeit mit vielen schönen Erlebnissen, aber auch harten Auseinandersetzungen. Und es war immer spannend, über die Region und die Welt berichten zu dürfen.

Hat Ihnen denn Ihr Vater von den ersten Jahren erzählt?

Ja, das war immer wieder mal Thema. Gedruckt wurde damals bei Albin Klein in der Südanlage. Da gab es auch wenig Probleme. Obwohl man damit eigentlich rechnen musste, so kurz nach dem Krieg. Das Hauptproblem in den ersten Jahren war, den Laden in Schwung zu bringen. Und nach dem Krieg und der Nazi-Diktatur Personal zu finden, das bereit war, den Weg in die Demokratie mitzugehen.

Es ging ja in den 1950er Jahren steil aufwärts, aber gab es auch Stolpersteine?

Ja, einen ganz großen. Anfang der 1950er Jahre bekam der »Gießener Anzeiger«, den es ja schon lange vor dem Krieg gab, wieder eine Lizenz. Das hat unsere Auflage deutlich reduziert. Aber wir hielten dagegen und konnten uns behaupten. Seitdem gibt es zwei Zeitungen in Gießen. Ende der 1970er Jahre haben wir den Anzeiger mit der Auflage überholt. Heute liegen wir weit vorn.

Meine erste große Aufgabe bestand darin, den Sprung zu den neuen Techniken zu schaffen.

Dr. Christian Rempel

Wie groß war das Interesse der Menschen in der Region an einer freien Zeitung?

Das wuchs stetig, nachdem die Menschen gemerkt haben, dass sie in einer freien Gesellschaft leben. Insofern waren sie auch an einer freien Zeitung interessiert - nach der umfassenden Kontrolle durch die Nazis.

Das Verbreitungsgebiet wuchs dann bald in Richtung Süden.

Ja, die »Wetterauer Zeitung«, kurz WZ genannt, wurde gekauft, daran kann ich mich auch noch dunkel erinnern. Mein Vater erzählte immer mal davon. Es war der Versuch, die Frankfurter Blätter daran zu hindern, sich in den mittelhessischen Raum auszubreiten. Das ist ja dann auch gelungen. Ähnlich war die Strategie in Richtung Osten, also in den Vogelsberg hinein. In Alsfeld gab es schon eine Zeitung. Wir haben mit einem eigenen Titel in dem Gebiet zwischen Alsfeld und der Gießener Kreisgrenze die Tür nach Osten hin geschlossen. Insbesondere in Mücke und Homberg, aber auch in Gemünden und Feldatal sowie einigen weiteren Gemeinden sind wir heute noch richtig stark.

Wie war die Situation, als Sie eingestiegen sind?

Das war eine spannende Zeit mit einer großen Herausforderung. Das Ende der Bleizeit, also des Bleisatzes, war gekommen. Meine erste große Aufgabe bestand darin, den Sprung zu den neuen Techniken zu schaffen. Konkret ging es hier um die Einführung des Fotosatzes. Der »Anzeiger« hatte diese Investition in die Zukunft damals schon abgeschlossen. Im Prinzip war das schon die Vorstufe der Digitalisierung. Für mich als junger Geschäftsführer war das eine große Aufgabe.

Was waren denn die Problemfelder?

Primär war das die Finanzierung. Denn es handelte sich für ein Unternehmen unserer Größenordnung um eine wirklich gewaltige Investition. Ganz wichtig war uns die Einbindung der Mitarbeiter. Der Wechsel der Schriftsetzer von der Bleisetzmaschine zum Fotosatz war ein riesiger Sprung. Es ist uns aber gut gelungen, die Beschäftigten mitzunehmen. Auch, weil von Anfang an der Betriebsrat mitgezogen hat. Da möchte ich auch heute noch mal ein großes Dankeschön sagen, sowohl der damaligen technischen Leitung, als auch den Mitarbeitern. Betriebsrat und Geschäftsleitung haben damals vorbildlich an einem Strang gezogen.

Wir haben immer versucht, die soziale Marktwirtschaft und die parlamentarische Demokratie zu stärken und uns zu Europa bekannt. 

Dr. Christian Rempel

Man sieht ja heute noch, dass das Unternehmen auch baulich nach und nach gewachsen ist.

Ja, das ist richtig. Aber wir waren am Anfang, nach dem Umzug in die Marburger Straße, ganz schön eingeengt. Das war ein großes Problem. Wir konnten aber nach und nach die umliegenden Grundstücke erwerben und dann die notwendigen Erweiterungen realisieren.

Wie kam es denn, dass es neben zwei Tageszeitungen auch noch flächendeckende Anzeigenblätter gab - und immer noch gibt?

Gut, heute hat sich der Markt reguliert. Aber damals, als die Blätter überall aufkamen, war das für die Tageszeitungen ein Pro- blem. Denn die Anzeigenblätter veränderten im Anzeigengeschäft die Märkte. Um da die Luft rauszunehmen, haben wir in der WZ dann ein eigenes Produkt entwickelt. Die »Wochenpost« gibt es ja heute noch. In Gießen existierten da bereits die MAZ und das SM (»Sonntag Morgenmagazin«). Es gab zunächst eine Zusammenarbeit unter den Verlagen in der Region. Das SM wurde aber dann bei der WAZ in Essen gedruckt, da wurde uns schon ein bisschen mulmig. Denn wenn so ein Großverlag erst mal den Fuß in der Tür hat... Jedenfalls sind wir dann selbst beim SM eingestiegen und haben auch den Druck übernommen. Was nicht ganz einfach war, weil da auch samstags und sonntags gearbeitet werden musste. Es gab dann im Laufe der Jahre ein Hin und Her zwischen den Verlagen, bis schließlich die Situation bereinigt wurde. Die MAZ ging damals komplett zum »Anzeiger«, und wir haben das SM übernommen.

Manche Dinge wurden aber auch wieder aufgegeben

Ja, das stimmt. Der Akzidenzdruck (Anmerkung: Gelegenheitsdrucksachen wie Prospekte, Broschüren, Flugblätter, Visitenkarten und Familiendrucksachen) war jahrelang attraktiv für uns. Der »Gießener Anzeiger« hatte von jeher eine gute Akzidenzdruckabteilung. Wir haben das dann auch ausgebaut und in Steinbach eine eigene Druckerei dafür eingerichtet. Nach der Wende brach der Markt in der Mitte Europas zusammen, weil die Länder im Osten deutlich günstiger drucken konnten. Wir haben uns deshalb davon getrennt. Wir haben auch versucht, nach der Wende mit einer eigenen Zeitung im Osten, in Gotha, Fuß zu fassen. Aber das funktionierte nicht.

Zeitungen sind systemrelevant für die Demokratie. Was war Ihnen als Chefredakteur da wichtig. Für was standen Sie?

Wir haben immer versucht, die soziale Marktwirtschaft und die parlamentarische Demokratie zu stärken und uns zu Europa bekannt. Wenn demokratische Bewegungen unterdrückt wurden, haben wir das auch kritisiert. 1968 marschierte hier im Westen die 68er-Bewegung. Als in der Tschechoslowakei der »Prager Frühling« von den Russen niedergeschlagen wurde, haben die Demonstranten im Westen geschwiegen, haben keinen Finger gerührt. Das war und ist für mich bis heute unfassbar. Gut, der Rest ist Geschichte...

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