Geld ist nicht gleich Geld

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Gießen(csk). Zwischen Politik und Wirtschaft glühen seit Wochen die Drähte. So auch in Mittelhessen. Dass man trotz des engen Kontakts mit Landes- und Kommunalpolitik noch nicht jedes Anliegen klar genug vermittelt habe, gehörte zu den selbstkritischen Erkenntnissen bei der Videokonferenz der IHK Gießen-Friedberg am Montagabend. Wie schon in der ersten digitalen Krisensitzung vor einigen Tagen formulierten die Teilnehmer auch diesmal konkrete Forderungen. Um die ökonomischen Folgen der Pandemie abzufedern, müsse der Gesetzgeber stärker auf "eigenkapitalähnliche Instrumente" setzen, hieß die wichtigste.

Konkret nannte IHK-Präsident Rainer Schwarz etwa Anleihen sowie Verlustrückträge, also Verrechnungen aktueller Verluste mit Vorauszahlungen und Gewinnen der Vergangenheit. Bisher werde öffentlich zwar intensiv über die "Liquiditätsproblematik", aber wenig über "Kreditprobleme" diskutiert, befand Dr. Matthias Leder, Hauptgeschäftsführer der IHK. Was dahintersteckt, machten die zugeschalteten Unternehmer deutlich. Vielfach seien staatlich abgesicherte Kreditprogramme zu kurz angelegt, hieß es. Erst recht, weil bei manchen Sparten ungewiss sei, ob sie überhaupt in absehbarer Zeit wieder Profite erwirtschafteten.

Vor allem die Reise- und die Veranstaltungsbranche rückten in den Mittelpunkt. Ein Reiseunternehmer fürchtete, bis in das Jahr 2021 hinein kaum Umsatz zu machen: "Bei meiner Perspektive sind Kredite nicht das Beste." Soforthilfeprogramme krankten derweil oft an der Bürokratie, war sich die Runde einig. Mehrere Teilnehmer klagten, der "coronabedingte Liquiditätsengpass" sei nicht klar genug definiert - und zudem die Gefahr gegeben, "dass sich vor Corona unrentable Unternehmen in der Krise gesund rechnen".

Diese Befürchtung versuchte Leder zu entkräften. Begriffe wie "Gratwanderung" und "Spagat" fielen im Laufe der zwei Stunden trotzdem nicht nur einmal. Ein Bankenvertreter wies noch auf zwei weitere zentrale Punkte der Kredite hin: Seine Kollegen dürften die Mittel nie ungeprüft vergeben; und Corona-Schulden sorgten womöglich für eine Abwertung von Unternehmen, selbst wenn diese zweifelsfrei ohne eigene Schuld in die Krise geraten seien.

Eine Idee, wie der Nachfragekreislauf jenseits von Krediten und Zuschüssen zu stimulieren wäre, präsentierte Norbert Ott (Pro Clienta Unfallhilfe). "Es geht ja auch darum, die Menschen in Arbeit zu bringen, und nicht nur um Geld", sagte er. Beispielsweise könne ein Handwerker statt 10 000 Euro Liquiditätszuschuss vom Staat den Auftrag bekommen, eine Schule zu sanieren. Schwarz erwiderte, wegen Haushaltssperren und anderen Unsicherheiten passiere aktuell eher das Gegenteil: "Viele öffentliche Aufträge liegen erst einmal auf Eis."

Nachdem der während der Konferenz publik gewordene Sommerlad-Beschluss (das Möbelhaus in Gießen darf öffnen) für allgemeine Freude gesorgt hatte, einigten sich die Teilnehmer auf drei konkrete Forderungen. Neben den "eigenkapitalähnlichen Instrumenten", die laut Schwarz "keine Geschenke, sondern Leistungen mit entsprechender Verzinsung" wären, möchte die IHK eine möglichst auf 15 Jahre verlängerte Laufzeit der KfW-Krisenkredite sowie schnellstmöglich konkrete Perspektiven für besonders gebeutelte Branchen wie die Gastronomie und den Tourismus.

"Die Politik ist dankbar, wenn sie pragmatische Denkanstöße und Sicherheitskonzepte erhält", resümierte Leder seine Eindrücke aus den jüngsten Hintergrundgesprächen. Zugleich warb er um die Unterstützung der Bevölkerung: "Die Wirtschaft hat Solidarität mit der Gesellschaft gezeigt. Jetzt ist es wichtig, dass die Gesellschaft auch Solidarität mit der Wirtschaft zeigt."

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