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Geht nicht, gibt’s nicht

  • Burkhard Möller
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Vor fünf Jahren war die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung im früheren Gießener US-Depot die größte Flüchtlingsunterkunft Deutschlands. Bis zu 6000 Menschen hielten sich dort zeitweise auf. Der 28. Oktober 2015 wurde zu einem Datum für die Geschichtsbücher: 1341 Menschen wurden an einem einzigen Tag aufgenommen.

Man könnte Manfred Becker auch heute noch nachts aufwecken, ihm zurufen "28. Oktober 2015" und er würde sofort mit der Zahl "1341" antworten. Nicht nur beim Leiter der beim Gießener Regierungspräsidium angesiedelten Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge haben sich dieser Tag und die Monate im Sommer und Herbst vor fünf Jahren ins Gedächtnis eingebrannt. Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich, der Anfang Oktober 2015 ins Amt kam, sagt über diese Zeit: "Um sich die Dimension dieser Tage klarzumachen: 2007 war das schwächste Jahr mit 1241 Asylbewerbern, am 28. Oktober 2015 waren es 1341 an einem Tag und durchschnittlich 800 in dieser Phase. Das war eine große Belastung. Die Mitarbeiter kennen noch die Situation im Meisenbornweg, als man sich auf dem Weg über den Hof durch die Menschenmassen schaufeln musste." Die Geschichte, wie an der Rödgener Straße Deutschlands zeitweise größte Flüchtlingsunterkunft entstand, begann drei Jahre zuvor. Ein Rückblick.

November 2012:Das Regierungspräsidium Gießen schließt mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA), die das US-Depot eigentlich vermarkten soll, einen Mietvertrag über Teile des früheren Militärareals ab. Drei Wohnblocks sollen für die Flüchtlingsunterbringung hergerichtet werden. Die HEAE sieht sich für höhere Zugangszahlen "nun bestens gerüstet". Im Laufe des Monats ebbt die Zahl der Asylbewerber auf gut 600 ab. Neben Gießen werden Flüchtlinge mittlerweile in Reinhardshain, Kirchheim bei Bad Hersfeld und im Raum Fulda untergebracht.

Dezember 2012:Mitte des Monats ziehen die ersten Flüchtlinge im früheren US-Depot ein. Die Kapazität wird jetzt schon mit 1400 Plätzen angegeben, zudem geht das RP davon aus, dass das Depot deutlich länger gebraucht wird. Erstmals ist von einer "Dauerlösung" die Rede.

August 2013:Das RP bestätigt sein Interesse, an einer mittel- bis langfristigen Nutzung des US-Depots zur Unterbringung von Flüchtlingen. Zu diesem Zeitpunkt halten sich 1200 Asylbewerber in der HEAE auf, darunter 700 im US-Depot.

Dezember 2013:Die BIMA teilt mit, dass die Gießener Revikon GmbH den Zuschlag für das US-Depot erhalten hat. Vorerst gesichert ist die Nutzung der früheren Mannschaftsunterkünfte durch die HEAE. Die Mietvereinbarung mit dem Land Hessen über fünf Jahre gilt weiter.

September 2014:Die Lage in der HEAE spitzt sich über Nacht zu, weil Nordrhein-Westfalen und Bayern Erstaufnahmeeinrichtungen wegen Überfüllung und ansteckender Krankheiten kurzfristig schließen. In Gießen kommen in einer Nacht rund 200 Flüchtlinge aus Dortmund an. THW und ein Zeltverleiher errichten noch in der Nacht Notunterkünfte.

Dezember 2014:Die Belegung der HEAE an allen Standorten erreicht die Zahl von 3500. Durch die Schaffung weiterer Plätze im US-Depot kann eine Zeltunterbringung im Winter vermieden werden.

1. Februar 2015:Der Landtag stimmt der Einrichtung von zwei Unterkünften zur Erstaufnahme von Asylbewerbern in Büdingen und Neustadt zu. Dort sollen bis zum Herbst in zwei ehemaligen Kasernengebäuden 1600 Plätze zur Verfügung stehen. Sozialminister Stefan Grüttner spricht von einer "spürbaren" Entlastung für den Hauptstandort Gießen.

Juni 2015:Das RP gibt bekannt, dass die Platzkapazität der HEAE an allen Standorten bis Jahresende auf 9000 ausgebaut werden soll. Zeltunterbringungen sind mittlerweile fester Bestandteil der Erstaufnahme. Im Juli und August schießen die Notunterkünfte wie Pilze aus dem Boden: Auf Wetzlar folgen Marburg, Limburg, Kassel-Calden, Darmstadt, Bensheim, Fulda und Schwarzenborn. In den Sommerferien steigt die Zahl der HEAE-Bewohner bis auf über 12 000 an.

Juli/August 2015:Die HEAE an den beiden Gießener Standorten ist mit zeitweise fast 5700 Asylbewerbern überfüllt. An manchen Wochenenden stehen bis zu 900 Menschen vor den Toren der Zentrale am Meisenbornweg. Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) sagt bei seinem Besuch am 21. August in Gießen: "Wir alle müssen den Gießenern dafür danken, mit welcher Fairness und welchem Anstand sie auf diese Belastung reagieren."

Herbst 2015:Am 28. Oktober registriert die HEAE mit 1341 Menschen den bislang höchsten Tageszugang in ihrer Geschichte. Die Zahlen bleiben danach weiterhin hoch, aber die Zahl vom 28.10. wird nicht mehr erreicht. Der November wird mit über 15 000 Neuaufnahmen zum stärksten Monat, danach gehen die Zahlen spürbar zurück.

Mai 2016:Das Land Hessen und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nehmen das Ankunftszentrum an der Rödgener Straße in Betrieb, in dem Flüchtlinge registriert und medizinisch erstuntersucht werden. Zu diesem Zeitpunkt nimmt Hessen monatlich weniger als 2000 Flüchtlinge auf.

September 2016:Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise wird für Hessen das sogenannte "Easy-Gap" geschlossen. Zehntausende Flüchtlinge werden nach Gießen gefahren, um endlich ihren Asylantrag stellen zu können. Fast 1800 Personen durchlaufen pro Tag das Transferzentrum.

Ich war verantwortlich für die Erstuntersuchungen und die ambulante Betreuung der Flüchtlinge. Ich erinnere mich noch genau: 18. August 2015, 16 Uhr. Herr Becker kam zu mir ins Zimmer und sagte: Frau Böhr, sie müssen das jetzt alles übernemen. Das war ein Adrenalinstoß. 20 000 Flüchtlinge, die erstuntersucht und geimpft werden mussten, wurden in meine Arme gelegt. Aber ich habe nicht eine Minute gezögert, mein Ja zu geben. Ich liebe solche Herausforderungen. Hier war gleichzeitig medizinisches Know-how und Management gefordert. Alle haben immer über mich gelacht, weil ich spontane Ideen auf Einkaufszettel geschrieben und bei den Teambesprechungen hervorgekramt habe. Wir mussten gleichzeitig den Berg an ausstehenden Erstuntersuchungen abarbeiten und eine Struktur erarbeiten, in der wir stabil weiterarbeiten konnten. Nach einigen Wochen hatte ich mein Team zusammen und in ganz Hessen 1000 Ärzte und 2000 medizinisches Personal verpflichtet. In der Neuen Bäue haben wir mit 70 Leuten gearbeitet. Aus allen Bereichen kamen die, vom Straßenbauer bis zur Bibliothekarin, und jeder brachte eine eigene Erfahrung mit. Unser Lösungswort war: Geht nicht, gibt’s nicht.

Um die Untersuchungen und das Impfen an allen 110 Standorten der HEAE in Hessen zu gewährleisten, haben wir uns die Fly-in-Docs ausgedacht; das waren 250 Ärzte, die in mobilen Zentren gearbeitet haben und deren Einsätze, die an den Wochenenden stattfanden, über WhatsApp koordiniert wurden. Die Einsätze begannen morgens um sieben und gingen bis in die Nacht. Hier an der Rödgener Straße haben wir einmal an einem Wochenende 5000 Flüchtlinge geröngt und geimpft. Diese Monate waren die bewegendste Zeit meines Berufslebens."

Ruth Böhr -Derzeit Kommissarische Leiterin der Abteilung Soziales, damals besonders gefordert als leitende Ärztin der Versorgungsverwaltung.

Es gibt Momente, wo das alles noch mal hochkommt. Wenn jetzt Debatten über die Verteilung von 1500 Menschen aus Lesbos auf ganz Deutschland geführt werden, dann sagt man sich gelassen, dass das laut Königssteiner Schlüssel für Hessen 100 Personen wären, die wir natürlich gut unterbringen können - auch unter den Bedingungen der Corona-Pandemie.

Ich habe mir damals einen persönlichen Ordner angelegt für die besonderen Momente; bis 2014 war das ein Band, dann wurden es schnell drei. Was neben der Situation auf dem Hof mit den vielen Menschen, die aufgenommen wurden, natürlich immer ein Thema war, waren die vielen Bürgerversammlungen, wenn wir irgendwo eine Notunterkunft eingerichtet haben. 750 Leute in einem Saal für 500 Personen, 35 Grad noch am Abend um acht, die Vorträge, die Nachfragen, dann die Diskussionen. Oft war man da erst nach Mitternacht zu Hause. Um acht Uhr am nächsten Morgen fand die nächste Lagebesprechung statt, an der man zwingend teilnehmen musste. Das hat einen körperlich und intellektuell schon stark beansprucht. Bei der Bürgerversammlung in Bensheim bin ich nach fünf Minuten gefeiert worden, bei der in meiner Marburger Heimat wurde ich nach fünf Minuten ausgebuht. Oder die Versammlung in Niedergirmes mit dem NPD-Stand. Das waren schon starke Erlebnisse, die man nicht vergisst. Bei allen Belastungen bin ich noch heute stolz darauf, dass unsere Behörde diese Herausforderung gemeistert hat, und wie sie gemeistert wurde.

Was mich zuletzt sehr bewegt hat, war eine Fernsehsendung, ein Jahr nach dem Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke. In zwei Ausschnitten aus Bürgerversammlungen war ich in dem Film neben ihm zu sehen. Da musste ich schon schlucken. Das war beklemmend. Herr Lübcke war in dieser Zeit einer unserer treuesten Weggefährten."

Manfred Becker- Leiter der Abteilung für Flüchtlingsangelegenheiten, Erstaufnahmeeinrichtung und Integration, auch damals schon Abteilungsleiter.

Im Spätsommer 2015 wurde der Druck auf die Erstaufnahme immer größer. Das hat man auch mitbekommen, wenn man in anderen Bereichen des RP tätig war. Es wurde dann nach Unterstützungsleistungen gefragt, da bin ich dann mit zwei Kollegen aus dem Umweltbereich morgens nach Stadtallendorf gefahren. Da wurden vom Katastrophenschutz gerade die Zelte aufgebaut. Wir hatten zehn Minuten Zeit uns zu entscheiden, ob wir die Leitung des Lagers übernehmen wollen. Wir haben dann zugesagt, von der Dimension der Aufgabe hatten wir keine Ahnung. Die erste Information, die es gab, war die, dass der Katastrophenschutz nach dem Aufbau der Notunterkunft abziehen wird. Da habe ich erst einmal geschluckt. Keiner wusste, wie es danach strukturell weitergehen soll. Wir waren dann zu sechst, wir drei und drei pensionierte Polizisten. Wir mussten uns dieser Situation irgendwie stellen, aber es war so, dass uns alle dieses Thema auch persönlich gepackt hat. Gefordert waren Pragmatismus und Flexibilität. Der Standort Stadtallendorf war in der ersten Phase ein reines Zeltlager mit 56 12-Personen-Zelten, also recht groß. Die ersten Nächte haben wir dort auf Feldbetten geschlafen, damit uns das nicht aus dem Ruder läuft. Man war sich selbst überlassen. Es kam ja dann auch die Ansage der Landesregierung: Bis Weihnachten sind alle Flüchtlinge aus den Zelten raus. Da haben wir uns gefragt: Wo gehen wir hin?. Es war dann eine Bundeswehrkaserne, etwa eineinhalb Kilometer entfernt. Die wurde in Windeseile umgebaut. Am 18. Dezember 2015 haben wir die Leute morgens um fünf Uhr geweckt. Dann wurde das Lager in einem großen Treck verlegt. Diese intensiven Erfahrungen haben uns zusammengeschweißt. Wir treffen uns heute noch."

Michael Höhl- Standortleiter Erstaufnahmeeinrichtung Neustadt, wurde vom Umweltingenieur zum Chef der Notunterkunft in Stadtallendorf.

In der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung mit ihren Standorten in Gießen, Neustadt, Büdingen, Kassel-Niederzwehren und Bad Arolsen hielten sich nach Angaben des Gießener Regierungspräsidiums zu Beginn der letzten Oktoberwoche 3488 Bewohner auf, davon im zentralen Standort an der Rödgener Straße in Gießen 1647.

Die meisten Asylbewerber kommen in diesem Jahr bisher aus den Bürgerkriegsländern Afghanistan (20 Prozent) und Syrien (17 Prozent) sowie aus der Türkei (12 Prozent). Im gesamten Verlauf des bisherigen Jahres hat Hessen in seinen Erstaufnahmeeinrichtungen knapp 4700 Menschen aufgenommen, stärkste Monate waren der Januar und der Juli mit jeweils rund 760 Neuzugängen.

Zum Vergleich: Allein im November 2015 wurden in Hessen über 15 000 Flüchtlinge von der HEAE aufgenommen.

Die aktuell größte Herausforderung, der sich die Verantwortlichen im RP stellen müssen, ist der Umgang mit dem Coronavirus. Bis vor wenigen Wochen wirkte die HEAE einer stärkeren Verbreitung erfolgreich entgegen, dann aber kam es zu einem großen Ausbruch im Außenstandort Niederzwehren mit weit über 100 Infektionen, wodurch ganz Kassel zum Risikogebiet wurde.

Zuständig für den Infektionsschutz in der HEAE am Zentralstandort Gießen ist das hiesige Gesundheitsamt des Landkreises. Ihm liegt laut RP ein umfangreiches Konzept der Erstaufnahmeeinrichtung zum Schutz vor dem Virus vor, das regelmäßig aktualisiert werde. Neu ankommende Geflüchtete würden gemäß Sicherheitskonzept nach der Aufnahme im Ankunftszentrum in Gießen generell für mindestens zwei Wochen vorsorglich in separaten Räumen der HEAE untergebracht.

Verdachtsfälle würden noch vor einem Befund in einem dafür vorgesehenen Gebäude isoliert. "Sämtliche Maßnahmen und Konzepte waren und werden mit den jeweils zuständigen Gesundheitsämtern eng abgestimmt", betont das Regierungspräsidium.

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