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Bereits in der Mittagszeit ziehen Kunden in der Shisha-Lounge "Im Stress" an einer Wasserpfeife. FOTO: SCHEPP

Shisha-Boom

Das Geheimnis der Shisha-Lounges in Gießen

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Ihr Ruf ist nicht der beste, und dennoch werden in regelmäßigen Abständen neue Shisha-Bars in Gießen eröffnet. Wir erklären, was das Geheimnis ihrer Erfolge ist.

Brutal - dieses Wort benutzt Ramazan Aksoy gerne, wenn er über den Boom von Shisha-Bars spricht, von der Industrie und dem Geschäft dahinter. Dann klingt dieses "Brutal" anerkennend. Aber da gibt es noch ein anderes "Brutal". Er sagt es, als er erzählt, wie vor einigen Wochen Polizei, das Regierungspräsidium sowie das Ordnungsamt der Stadt seine Shisha-Lounge "Im Stress" am Schiffenberger Weg kontrollierten. "Wie im Film" sei das abgelaufen, sagt er: Mehrere Mannschaftswagen vor der Tür wie bei einer Großrazzia, ein Beamter habe die Tür aufgehalten, die anderen seien hineingeströmt und hätten sich in der gesamten Bar positioniert. "Ich habe absolut nichts gegen Kontrollen, im Gegenteil", sagt der 39 Jahre alte Pächter. "Aber kann man nicht mit weniger Leuten und einem anderen Auftreten anrücken?" Das schrecke Kunden ab und sorge für den schlechten Ruf der Bars - "das war richtig brutal", sagt er.

Bundesweit erleben Shisha-Bars einen Boom. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass es deutschlandweit über 6000 solcher Gaststätten gibt. Zum Vergleich: Das Schnellrestaurant mit dem geschwungenen "M" gibt es etwa 1500-mal in Deutschland. In Gießen sind der Stadt 13 Shisha-Bars bekannt; Insider sprechen aber von mehr. Weitere werden hinzukommen.

Es ist gar nicht so schwer, eine Shisha-Bar zu eröffnen. Eine Baugenehmigung ist nicht nötig. Dem Ordnungsamt muss auch nicht gemeldet werden, ob es sich bei einer neuen Gaststätte um eine Shisha-Bar handelt; eine Anmeldung als Gaststättengewerbe reicht aus. Jedoch fragen die Stadtmitarbeiter immer nach, ob in der Einrichtung Shishas geraucht werden. Dann muss der Betreiber drei Bedingungen erfüllen: Er muss eine mechanische Gastraumbe- und entlüftung sowie eine Rauchgasabzugsanlage im Zubereitungsbereich installieren lassen - alles von Fachfirmen geprüft. Zudem müssen Kohlenmonoxid-Melder im Gastraum - ein Melder pro 25 Quadratmeter - sowie ein Kohlenmonoxid-Melder im Zubereitungsbereich angebracht werden.

Mal abgesehen von diesen Vorgaben können sich die Investitionskosten für eine Shisha-Bar in Grenzen halten, erzählt ein Insider. Deshalb seien sie für Anfänger, aber auch für Profis aus dem Gastrobereich interessant. Eine gute Wasserpfeife kostet zum Beispiel bei der Anschaffung 100 bis 150 Euro; eine Bar sollte etwa 20 Stück vorrätig haben. Hochwertiger Tabak schlägt in der 200-Gramm-Packung mit etwa elf bis 15 Euro zu Buche; das reicht für etwa zehn Shishas. Wenn man bedenkt, dass ein Betreiber pro Shisha ein bis 1,50 Euro für einen Rauchdurchgang bezahlt und eine Wasserpfeife den Kunden etwa zehn Euro kostet, ist das keine schlechte Gewinnspanne. Hinzu kommt: Viele Shisha-Bars bieten zusätzlich nur Getränke an, die ebenfalls eine hohe Gewinnmarge haben, und können auf Fachpersonal wie Köche verzichten.

Gelddruckmaschinen sind die Bars deshalb noch lange nicht. Zum einen entscheide die Lage, die Professionalität des Personals und das Ambiente über den Erfolg, sagt der Insider. Hinzu kommt eine strenger werdende Gesetzgebung - siehe die Anforderungen an die Belüftung oder die räumliche Trennung des Raucher- vom Nichtraucherbereich und die damit verbundenen Umbauarbeiten.

Aksoy zählt bereits zu den alten Hasen in der Gießener Shisha-Szene. 2016 hatte er im ehemaligen "Café Melange" eine Shisha-Lounge eröffnet. Seine Familie, erzählt er, kommt aus dem Gastrobereich. Deshalb bietet er auch Speisen wie Burger oder Aufläufe an. Im Shisha-Geschäft ist die Familie mit einer Bar in Wetzlar seit 2012, als die große Wasserdampfwelle von den Großstädten aus in andere Regionen schwappte. "Die Großraumdiscos machen dicht, die Shisha-Bars bleiben", sagt Aksoy.

Eine Stunde abtauchen/abrauchen

Im Stress ist "Im Stress" am Mittwochmittag niemand. Es ist 13.27 Uhr. Der Essbereich der Lounge ist leer, im Shisha-Bereich qualmt und dampft es. Alle Tische sind hier besetzt. Es riecht süßlich. Auf den Tischen stehen Colas oder Minztees, an den Tischen sitzen vor allem junge Leute. Sie haben Zeit mitgebracht. Denn wer eine Wasserpfeife rauchen will, sollte mindestens eine Stunde dafür einplanen.

Seit einer halben Stunden sitzen vier junge Männer und eine junge Frau auf den Ledersofas in der hinteren Ecke. Sie sind alle Anfang 20, studieren an der Uni Gießen. Vor ihrem Tisch stehen zwei Shishas. Immer wieder nimmt einer das Schlauchende in den Mund, atmet langsam und tief ein, inhaliert und stößt den dichten Rauch durch den zu einem O geformten Mund aus.

Einer von ihnen heißt Robin. Er erzählt, er habe vor etwa drei Jahren mit dem Shisha-Rauchen angefangen. "Es geht dabei vor allem ums Gemeinschaftsgefühl", sagt er; seine Freunde nicken. Früher hätten sie sich Zuhause getroffen. Heute nimmt diesen Platz die Shisha-Bar ein: ein Ort, an dem sie Zeit verbringen, quatschen, Fußball schauen oder Spiele spielen können. Mittlerweile haben sie einige Bars besucht; manche meiden sie wegen der schlechten Luft. Und feiern würden sie natürlich auch noch. Aber es scheint durchaus eine Kostenfrage zu sein: "Wenn man sich hier mit mehreren Leuten für zehn Euro eine Shisha teilt und was trinkt" sei das günstiger als in anderen Gastronomien. Dass Shisha-Rauchen nicht gesund sei, wüssten sie, sagt Robin und zuckt mit den Schultern. Aber das ist das Trinken von Alkohol ja auch nicht.

Gemeinschaftsgefühl

Schaut man sich in der Lounge um, sieht man erstaunlich viele Frauen. Und: Niemand ist alleine da. So erstaunlich findet Aksoy das nicht - es sei die Regel, betont er. Da sind zum Beispiel Laura, Maya und Zinnet, alle 19 Jahre alt und Schülerinnen. "Wir gehen drei Mal in der Woche in eine Shisha-Bar", sagt Laura. Maya ergänzt: "Aber in der Regel abends." Die Atmosphäre sei nicht so dröge wie in manchen Cafés, finden sie; alleine wegen der House-Musik, die im Hintergrund vor sich her dudelt. Außerdem sei immer was los, man treffe oft Freunde oder Bekannte. Maya erzählt, die Shisha-Bars hätten teilweise länger auf als Bars oder Cafés, und tanzen könnte man in manchen auch.

Warum eilt Shisha-Bars aber kein guter Ruf voraus? Robin sagt, vor allem Ältere setzten Shishas mit dem Rauchen von Marihuana gleich. Er lacht und schüttelt mit dem Kopf. Und dann gibt’s da die Schlagzeilen, die solche Bars mit Clan- oder Rockerkriminalität in Verbindung bringen. Aksoy ärgert sich darüber: "Was habe ich in Gießen damit zu tun, wenn dieser Vorwurf auf ein paar Bars in Nordrhein-Westfalen oder Berlin zutrifft?"

Diese Schlagzeilen bestätigt auch die Polizei nicht. Deren Sprecher Jörg Reinemer sagt, zuletzt seien die Kontrollen in den Gießener Shisha-Bars unauffällig geblieben. Einzige Auffälligkeit: Im Rahmen eines Steuerverfahrens sei in einem Fall Tabak beschlagnahmt worden. Hintergrund: Genauso wie Zigaretten unterliegt Shisha-Tabak der Tabaksteuer. Da ein Gros der Kosten an den Staat gehen, kann man mit geschmuggeltem Tabak hohe Gewinne erzielen - und begeht eine Straftat. Erfahrene Ermittler sagen aber auch: Geldwäsche und Clan-Kriminalität in Shisha-Bars seien bundesweit die Ausnahme.

Problematischer ist da eher die Einhaltung der Grenzwerte an Kohlenstoffmonoxid (CO). Bei der jüngsten Kontrolle des RP, des Ordnungsamts und der Polizei Mitte Januar seien in vier von fünf unter die Lupe genommenen Betrieben Mängel hinsichtlich der CO-Warneinrichtungen festgestellt worden, teilt das RP mit. Außerdem habe es in allen Shisha-Bars Beanstandungen bezüglich des Betriebs der Lüftungsanlagen gegeben. Und in vier von fünf Gaststätten fanden die Prüfer keine oder nur unzureichende Feuerlöscher vor.

Trotzallem wird der Boom weitergehen. Wobei Insider glauben, dass viele Barbetreiber auf der Strecke bleiben werden. Denn am Ende ist es alles - wie in anderen Gastronomien auch - eine Frage des Engagements, der Kalkulation und der Nachfrage.

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